Virtuelle Welt als Zufluchtsort vor Schmerzen

Mit dem Vorspielen von virtuellen Welten versuchen Ärzte, ihre Patienten von unerträglichen Schmerzen abzulenken. Die Methode funktioniert gut - und eignet sich auch zur Bekämpfung von Ängsten

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Von
  • Karen Epper Hoffman; Übersetzung: Ben Schwan
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Stellen Sie sich einen Schmerz vor, der so intensiv ist, dass noch nicht einmal Morphium ihn wirklich stoppen kann. Ihre einzige Chance: Fliehen - wenn schon nicht mit dem Körper, dann wenigstens in Gedanken.

Forscher am Human Interface Technology Laboratory der University of Washington nutzen die Technik der Virtuellen Realität (VR), um Verbrennungsopfern die Möglichkeit zu geben, vor ihren schrecklichen Schmerzen zeitweise in eine andere, schönere Welt zu entkommen. Experimentiert wird mit der Technik am Harborview Medical Center in Seattle, einem regionalen Zentrum für die Behandlung von Verbrennungsopfern.

Schon seit sieben Jahren werden Patienten in Harborview mit Hightech-Kopfbedeckungen ausgerüstet, die sie in eine virtuelle Welt voller kalter Schneemänner und watschelnder Pinguine entführen. Währenddessen können ihre Wunden gereinigt, Verbände gewechselt oder die verheilende Haut mittels Krankengymnastik bewegt werden - alles Vorgänge, die normalerweise sehr schmerzhaft sind. Durch die Ablenkung in dieser "SnowWorld" fühlen die Patienten laut Befragungen 60 Prozent weniger Schmerzen, sagt Dr. David Patterson, ein Psychologe, der mit den Patienten arbeitet.

Und auf lange Sicht soll die Technik nicht nur bei Verbrennungsopfern zum Einsatz kommen, sagen die Forscher. Künftig sollen VR-Welten auch anderen Leuten, vor allem Kindern, helfen - etwa dabei, schwierige Zahnoperationen auszuhalten, sich während einer Computertomografie nicht zu bewegen oder ein posttraumatisches Stresssyndrom zu überwinden.

"Es ist eine ziemlich einzigartige Erfahrung, wenn der Kopf an Orte geht, wo der Körper nicht ist - wenn man mal von Drogenkomsum absieht", sagt Dr. Hunter Hoffman, der an der Universität das Projekt zur Schmerzbekämpfung durch VR leitet.

Schmerz besteht immer auch aus einer signifikanten psychologischen Komponente. Es beginnt damit, dass Nerven eine Verletzung signalisieren. Das Gehirn entscheidet dann mit darüber, wie stark die Schmerzempfindung ist. Wenn man sich in eine virtuelle Welt begibt, wird das Gehirn von der Verarbeitung des Schmerzes abgelenkt. Das Endergebnis: Die Ärzte können die Verwendung von harten, süchtig machenden Schmerzmitteln wie Morphium reduzieren.

Die grafischen Inhalte der virtuellen Welten kommen besonders gut bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen an, die mit Videospielen vertraut sind. Im Gegensatz dazu, wenn Patienten einfach vor eine normale Spielkonsole gesetzt würden, nimmt die VR-Welt von "SnowWorld" die Benutzer allerdings fast vollständig gefangen. "In der virtuellen Welt nimmt man seine Umgebung nicht mehr wahr", sagt Patterson.