Visionäre

Die Reise zum Mond liegt in der Vergangenheit, Onlinebanking ist Gegenwart und sensible Roboter sind noch Zukunftsmusik. Darüber spekuliert, was die Zukunft bringen mag, wurde und wird aber noch immer.

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Von
  • Diane Sieger
Inhaltsverzeichnis

Seit Menschengedenken versuchen Visionäre sich vorzustellen, wie die Zukunft wohl aussehen mag. Zunächst waren es Dinge, die aus heutiger Sicht relativ „einfach“ zu erreichen scheinen, beispielsweise das Entdecken ferner Länder per Schiff oder das Erkunden des Weltraums.

Science-Fiction-Literatur des späten neunzehnten Jahrhunderts war von dem Wunsch geprägt, mehr über unbekannte Regionen auf und in der Nähe der Erde zu erfahren. Allen voran schrieb Jules Verne Geschichten, in denen die Protagonisten zum Mittelpunkt der Erde oder zum Mond reisten. Später eroberten Comic-Figuren wie die Familie Familie Jetson die Fernsehbildschirme mit Visionen vom Leben in der Zukunft. Doch je weiter sich Wissenschaft und Technik entwickelten, desto größer wurden die Träume und desto mehr Kraft verwenden Einzelne darauf, diese Vorstellungen zu verwirklichen.

Heutzutage kann man sich dank des Internets leicht historische Visionen ins Gedächtnis zurückrufen und nachprüfen, was aus so manchem Traum geworden ist. Gleichzeitig wird es immer einfacher, neue Visionen zu visualisieren, mit der Online-Community zu teilen und gemeinsam an der Realisierung zu arbeiten. Das WWW erlaubt einen umfangreichen Blick in vergangene und aktuelle Zukunftsfantasien.

Ein Beispiel: das Internet und Zugang zu Informationen vom heimischen Computer. Der YouTube-Clip „The Internet in 1969“ auf der Webseite „How to be a Retronaut“ zeigt, dass man sich damals gewaltig bezüglich des Designs der Geräte geirrt hat. Inhaltlich hingegen waren die Filmemacher von der heutigen Realität nicht allzu weit entfernt. Zwar stellte man sich die Rechner der Zukunft groß und klobig vor, und ging davon aus, dass sie viel Platz auf dem Tisch einnehmen und mit einer großen Anzahl von Knöpfen versehen sein würden. Die Annehmlichkeiten der heutigen Onlinewelt hat man aber schon in den 60er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts realitätsnah darstellen können. Onlineshopping, Webcams, mit denen Eltern ihre Kinder beim Spielen im Swimmingpool beobachten können und mobiles Banking – all das funktioniert mittlerweile seit vielen Jahren, und sogar wesentlich besser und bedienerfreundlicher, als man es sich zum Zeitpunkt des Videodrehs überhaupt vorstellen konnte.

Umso erstaunlicher erscheint es daher, dass der Fernsehsender ZDF nur wenige Jahre später – 1972, um genau zu sein – in seiner Zukunftsvision „Richtung 2000“ weit von der heutigen Realität entfernt war. Die 25-Stunden-Arbeitswoche, ein Spezialdrucker, um die tägliche Tageszeitung auszudrucken, schadstofffreie Ernährung, da die Landwirtschaft komplett auf ökologischen Anbau umgestellt hat, sowie durch riesige Lochkarten gesteuerte Großrechner – selbst über zehn Jahre nach dem Jahr 2000 ist die Menschheit noch weit von diesen Utopien entfernt oder hat sie überholt.

Es lohnt sich dennoch, die gesamte dreiteilige ZDF-Dokumentation anzuschauen und nicht gleich nach dem ersten Clip abzubrechen. Denn nach der visionären Darstellung der Zukunft wird die Dokumentation sozialkritisch und hinterfragt den Einfluss von Politik, Arbeitsautomatisierung, Umweltschädigung sowie Kriegsführung auf die Zukunft der Menschheit und malt ein anderes, düstereres Bild. Eine sehenswerte Reportage (erster Teil). Bleibt nur zu hoffen, dass Teile der Vision des Jahres 2057, erstellt im Jahr 2007, ähnlich weit entfernt sind von dem, was die Menschheit in nur wenigen Jahrzehnten erwartet.

Lang ist die Liste der Zukunftsvisionen, die nie in die Tat umgesetzt oder nur unvollständig realisiert worden sind. Die Webseite der Computerzeitschrift Chip namens Zehn.de veröffentlichte im letzten Jahr eine Liste von Innovationen, die sich viele zwar sehnlichst herbeiwünschen, die jedoch im Moment weiterhin Zukunftsmusik sind. Darauf finden sich unter anderem die 3D-Krankenakte, in der sich ein Arzt munter durch eine dreidimensionale Darstellung des Körpers seines Patienten klicken kann, um den Zustand des Körperinneren zu überprüfen. Auch autonome Autos, die keinen Fahrer mehr benötigen, sowie interaktiv vernetzte Umkleidekabinen, in die eine Verkäuferin der Kundin das zuvor am Bildschirm neben dem Spiegel zusammengestellte Outfit liefert, sind noch nicht Realität.

Will man nicht gleich mehrere Jahrzehnte weit in die Zukunft schauen, sondern wünscht einen Einblick in die nächsten Jahre, lohnt sich ein Blick in „Pictures of the Future“, der Zeitschrift für Forschung und Innovation der Siemens AG. Zusätzlich steht ein statisches PDF-Dokument des Magazins zum Download zur Verfügung. Dass es sich nicht um ein interaktives PDF handelt, regt ein wenig zum Schmunzeln an, wenn man bedenkt, dass sich das gesamte Heft halbjährlich dem Thema Zukunft und Innovation widmet.

Um Zukunftsvisionen hautnah, statt nur via Videoclip oder Onlineartikel zu erleben, lohnt sich die Reise zu einer Weltausstellung, auch Expo (kurz für Exposition Universelle Internationale, Exposition Mondiale). Diese regelmäßig stattfindende internationale Ausstellung ist als technische und kunsthandwerkliche Leistungsschau etabliert. Ursprünglich durch Prinz Albert 1851 in London ins Leben gerufen, hat sich eine Darstellung mit Länderpavillons bewährt. Viele technische Errungenschaften der Neuzeit sind auf Weltausstellungen zum erstem Mal der Öffentlichkeit präsentiert worden – Nähmaschine, Telefon, Plattenspieler und Briefmarkenautomat hatten beispielsweise ihr Debüt auf einer Expo. Die nächste Weltausstellung im kommenden Jahr richtet Südkorea aus. Wem das zu weit weg ist, der kann bis 2015 warten – dann findet die Weltausstellung in Mailand statt, also quasi vor der Haustür.

Für diejenigen, die tiefer ins Thema Expo einsteigen möchten, empfiehlt sich das englischsprachige Expomuseum. Hier hat der Expo-Fan Urso Chappell akribisch Informationen zu allen Weltausstellungen, die jemals stattgefunden haben, zusammengetragen.

Nicht nur rund um Wissenschaft und Technik, auch im Bereich der Kunst gibt es Projekte, die sich mit dem Thema Zukunft und Vergangenheit beschäftigen. Ein schönes Beispiel aus der Kategorie „Fotografie“ liefert die argentinische Fotografin Irina Werning. Sie hat unter dem Arbeitstitel „Back to the Future“ Fotoshootings organisiert, in denen sie Kindheitsfotos ihrer Modelle mit viel Liebe zum Detail originalgetreu nachgestellt hat. Die Ergebnisse sind beeindruckend.

Leider sind Zukunftsvisionen nicht immer durch spannende Entwicklung geprägt, die das Leben einfacher machen. Manche Themen regen zu großer Sorge an. Denkt man etwa an den Klimawandel, so sind sich viele Wissenschaftler heute einig, dass die Alpen bereits im Jahr 2100 eisfrei sein könnten.

Zum Abschluss ein kleiner Einblick in berühmte Fehleinschätzungen. Die Zitatensammlung präsentiert Aussagen über die Zukunft, die nicht weiter von der Realität entfernt sein könnten. So beschloss beispielsweise Bill Gates, dass niemand mehr als 640 KByte RAM in seinem PC brauche. Oder Xerox verkündete, dass der Weltbedarf an Fotokopierern bei gerade einmal 50 Stück läge. Da hat man sich wohl leicht verschätzt. (ka)