Visual Studio Code, Teil 1: Ein Code-Editor für alle(s)?

VS Code hat sich zu einem gängigen Code-Editor entwickelt. Was der Editor kann und was Entwickler von ihm erwarten, beleuchtet Teil 1 dieser dreiteiligen Serie.

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Von
  • Fabian Deitelhoff
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Der freie und von Microsoft als Open-Source-Projekt maßgeblich entwickelte Quelltext-Editor Visual Studio Code hat sich über die Jahre einen Namen in der Entwickler-Community gemacht, und das über die sonst oft so starren Grenzen der Microsoft-Community hinaus. VS Code, wie der Editor oft abgekürzt wird, ist performant, einfach zu bedienen, plattformunabhängig und geradlinig ohne Firlefanz. Der Code-Editor bietet alle Features, die viele Entwicklerinnen und Entwickler in ihrem alltäglichen Code-Build-Debug-Zyklus brauchen.

Im Laufe der Jahre ist darüber hinaus die Unterstützung für Frameworks, Tools, Sprachen und Cloud-Plattformen beständig gewachsen, was die Nutzerbasis und die Akzeptanz merklich gesteigert hat. Zudem sorgt die Extension API dafür, dass Visual Studio Code über Plug-ins erweiterbar ist. Dadurch haben einerseits professionelle Anbieter die Möglichkeit, die Entwicklungsumgebung für eigene Zwecke aufzurüsten, andererseits kann aber auch die Community Beiträge leisten. Ein Beispiel sind unter anderem MicroPython und das Robotik-Kit der LEGO Mindstorms EV3 (die dritte Generation der Mindstorms-Linie von Lego). Dazu gibt es ein Plug-in, um in Python geschriebene Programme direkt auf den EV3 zu übertragen und zu starten. Dadurch hat VS Code den Einzug in den Bildungsbereich geschafft, weil die Kombination oft an Schulen und in anderen Bildungseinrichtungen zum Einsatz kommt.

Andere Beispiele sind das Java-Ökosystem, das sich durch die aktive Open-Source-Community rund um Visual Studio Code ebenfalls weiterentwickelt, sowie F# als funktionale Sprache, bei der Visual Studio Code auf der offiziellen Liste empfohlener Entwicklungsumgebungen steht. Auch "Platzhirsche" wie C#, die vorher stark an Visual Studio angebunden zu sein schienen, besitzen eine lebendige Community rund um Visual Studio Code.

Diese dreiteilige Artikelserie beleuchtet Visual Studio Code aus verschiedenen Blickwinkeln. Im ersten Teil dreht sich alles um die Hintergründe und die Entstehungsgeschichte, die Erwartungen an eine IDE (Integrated Development Environment) wie Visual Studio Code, die technische Basis, Features, sowie die Einbindung in die vielfältigen Ökosysteme, die eine generalistische Entwicklungsumgebung bedienen können muss. Der zweite Teil wird die umfangreiche Erweiterbarkeit behandeln, die zahlreichen Einstellungen zur Konfiguration, das Thema Lizenzen, Telemetrie-Daten und einen kurzen Vergleich mit anderen Editoren. Im dritten und letzten Teil wechselt der Fokus zurück zur Erweiterbarkeit. Er wird zeigen, wie sich eine eigene Visual-Studio-Code-Erweiterung implementieren lässt, um der IDE neue Funktionen beizubringen.

Visual Studio Code (VS Code) fing sein Dasein recht beschaulich an. Die erste finale Version 1.0.0 erblickte im April 2016 das Licht der Welt. Microsoft veröffentlichte die Anwendung auf Deutsch und in neun weiteren Sprachen. Die erste Beta-Version war bereits ein Jahr früher erschienen und betrat auf der Entwicklerkonferenz Build 2015 die Bühne. Zum damaligen Zeitpunkt gab Microsoft die Anzahl der aktiven Nutzerinnen und Nutzer mit 500.000 an. Diverse Quellen sprechen seither von circa 4,5 Millionen Nutzern im Jahr 2018, rund 5 Millionen im Jahr 2019 und 11 Millionen Mitte 2020. Laut der jährlich durchgeführten Entwicklerumfrage der Internetplattform Stack Overflow nutzen etwas über 50 Prozent der Umfrageteilnehmer VS Code als Entwicklungsumgebung. Die Zahlen sind allerdings mit Vorsicht zu genießen, da in der Studie überproportional viele Web-Entwickler vertreten waren, die tendenziell eher zu dieser Entwicklungsumgebung greifen. Die Umfrage gibt keinen Aufschluss über die Hintergründe dieser Präferenz, allerdings geht aus ihr hervor, dass Entwickler und Entwicklerinnen mobiler Anwendungen eher Android Studio oder Xcode wählen als Visual Studio Code, während beispielsweise Data Scientists zu IPython/Jupyter, PyCharm und RStudio tendieren.

Bis heute ruft VS Code immer wieder eine gewisse Skepsis hervor. Zum einen liegt das am hauptverantwortlichen Unternehmen Microsoft. Dass aus diesem Hause ein Code-Editor kommen könnte, der quelloffen und fast gleichnamig ist mit Visual Studio, dem IDE-Flaggschiff von Microsoft, löst unter Entwicklern ausgesprochene Verwunderung aus. Eine oft geäußerte Meinung ist, dass sich der Konzern dadurch möglicherweise selbst kannibalisiert. Wer VS Code im Einsatz hat und damit zufrieden ist, nutzt für C# und Co. sicherlich kein Visual Studio mehr – insbesondere, da das im Enterprise-Umfeld gehörig auf das Budget schlägt.

Dass Visual Studio sich deutlich weiterentwickeln muss, ist nicht erst seit gestern bekannt. Und dennoch wird Visual Studio wohl niemals alle erreichen, was Microsoft offenbar einkalkuliert hat. Zahlreiche Features, zusammengefasst in der Enterprise-Version (Visual Studio), sind kostenpflichtung und verschwinden somit hinter einer Paywall. In diesem kostenpflichtigen Segment tummeln sich zudem weitere Anbieter wie JetBrains mit der Rider genannten IDE. Wer VS Code in einem anderen Zusammenhang einmal ausprobiert hat und zufrieden war, wird sich vielleicht auch die Entwicklung beispielsweise mit C# darin anschauen – zumal mit .NET Core und .NET 5 zunehmend Funktionen auf die Kommandozeile wandern und nicht mehr strikt an Visual Studio gebunden sind, was früher der Fall war. Mit VS Code ist es offensichtlich gelungen, auch diejenigen zur Nutzung dieser Ausgabe des Editors zu bewegen, die die kommerzielle Version (Visual Studio) ohnedies nicht genutzt hatten und gar nicht erst in Betracht ziehen würden.

Microsoft hat es mit VS Code ebenfalls geschafft, eine lebendige Community rund um den Code-Editor aufzubauen. Der Quelltext zum Projekt steht auf GitHub zur Verfügung. Dort wird das Projekt offiziell "Visual Studio Code – Open Source ("Code – OSS")" genannt. VS Code steht unter der MIT-Lizenz und erfreut sich reger Beteiligung. Die Anzahl der Mitwirkenden ist vierstellig, und weit über 8.000 Pull Requests sind geschlossen. Beim Schreiben dieses Artikels ist Version 1.57.1 aus dem Mai 2021 das aktuelle Release. Eine Neuerung ist beispielsweise der stabile Build für Apple Silicon, also die Apple-Prozessoren M1 für das Macbook Air und weitere Produkte. Das Vertrauen in VS Code liegt auch darin begründet, dass es regelmäßige Update-Zyklen gibt. Das Wiki auf GitHub gibt Auskunft darüber, was jeweils für die nächste Version geplant ist.