Völkerkunde bei Facebook

Ein Team aus Sozialwissenschaftlern und Informatikern durchleuchtet bei Facebook die gewaltigen Mengen an persönlichen Daten. Wie wird das Unternehmen die Erkenntnisse über seine Nutzer verwenden? Technology Review hat sich mit den Forschern getroffen.

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Ein Team aus Sozialwissenschaftlern und Informatikern durchleuchtet bei Facebook die gewaltigen Mengen an persönlichen Daten. Wie wird das Unternehmen die Erkenntnisse über seine Nutzer verwenden? Technology Review hat sich mit den Forschern getroffen.

Wäre Facebook ein Land, seine 900 Millionen Nutzer würden die drittgrößte Nation der Erde stellen. Mit dieser Aussage charakterisiert Mark Zuckerberg gern die Bedeutung seines Unternehmens. Natürlich gehört zu einer Nation mehr als ein Internetprofil.

In einer Hinsicht jedoch stellt "Facebook-Land" jeden anderen Staat in den Schatten: Mit dem, was es über seine Bewohner weiß. Facebook zeichnet sämtliche digitalen Bewegungen seiner virtuellen Bürger auf. Selbst die großen Despotien der Vergangenheit wirken blass angesichts des Ausmaßes, in dem Facebook Gespräche, Familienfotos, Aufenthaltsorte, Beziehungsverhältnisse, Freundschaften und sogar Todesfälle speichert. Auf den Servern des Zuckerberg-Imperiums lagert der größte Datensatz über menschliches Verhalten, den es je gegeben hat. Sehr wahrscheinlich ist darin auch einiges über Sie fest- gehalten.

Bislang hat Facebook nicht viel mehr aus all diesen Daten gemacht, als oberflächliche Analysen zu erstellen, die halbwegs maßgeschneiderte Anzeigen auf den Nutzerseiten ermöglichen. Das könnte sich ändern: Seit dem enttäuschenden Börsengang im Mai steht das Unternehmen unter enormem Druck, neue Profitquellen zu erschließen. Und die könnten in den dunklen Tiefen seines Datengebirges zu finden sein. Was daraus zum Vorschein kommen wird, kann derzeit niemand sagen. Aber alle Beobachter der virtuellen Nation ahnen, dass es ein enormes Ausmaß haben wird.

Der Mann, den Zuckerberg als Schatzsucher auserkoren hat, ist Cameron Marlow. Bis vor Kurzem saß der hochgewachsene 35-Jährige im Büro noch ein paar Meter von Zuckerberg entfernt. Nun leitet er gut abgeschirmt von Öffentlichkeit und Presse das zwölfköpfige "Data Science Team". Im Laufe des Jahres soll die Gruppe auf das Doppelte ausgebaut werden. Das Data Science Team kann man sich als eine Art Bell Labs für das Zeitalter der sozialen Netzwerke vorstellen. Mithilfe von Mathematik, Programmierkunst und Erkenntnissen aus den Sozialwissenschaften sollen die Facebook-Forscher in den Datenberg vordringen und Schätze heben. Im Unterschied zu anderen wissenschaftlichen Mitarbeitern, die nur einzelne Aspekte der Online-Aktivitäten untersuchen, hat Marlows Team Zugang zum gesamten Datenbestand von Facebook.

Nicht einmal die Führungsriege um Zuckerberg hat einen vergleichbaren Einblick in die persönlichen Informationen, die Millionen Facebook-Nutzer im Sekundentakt von sich preisgeben.

"Es ist das erste Mal in der Weltgeschichte, dass es Daten über menschliche Kommunikation in einer solchen Menge und von solcher Qualität gibt", sagt Marlow mit seinem charakteristischen ernsten Gesichtsausdruck. Doch die Überlegung, was er mit diesen Daten alles anstellen kann, zaubert plötzlich ein Lächeln auf sein Gesicht. Marlow ist guten Mutes, das wissenschaftliche Verständnis des menschlichen Verhaltens revolutionieren zu können. Was sein Team herausfinden wird, könnte dem sozialen Netzwerk ganz neue Wege erschließen, Geld zu verdienen – und unser Sozialverhalten so verändern, dass es Facebook und seinen Anzeigenkunden nutzt.

Als ich Marlow kurz vor dem Börsengang im Mai treffe, wirkt er nicht wie ein Student, sondern eher wie ein junger Professor. Anders als Zuckerberg und viele andere Facebook-Mitarbeiter pflegt Marlow nicht den typischen Programmierer-Look. Statt Kapuzenpullover – neudeutsch "Hoodie" – oder T-Shirt trägt er Anzughemd und Jeans. Einzig die fast zwei Meter hohe Graf- fiti-Karikatur von Zuckerbergs Hund, die auf der Glaswand des Konferenzraums prangt, verrät, dass dies kein Universitätsinstitut ist. Marlow hätte eine akademische Laufbahn einschlagen können, doch ihm wurde schnell klar, dass Web-Unternehmen einfach die besseren Daten über menschliche Interaktion zur Verfügung haben.

Seinen Doktor hat er am Media Lab des MIT gemacht. Dort entwickelte er 2001 auch eine Webseite namens Blogdex. Sie listete jene "hochinfektiösen" Informationen auf, die sich in Windeseile durch die Blogs verbreiteten. Obwohl nur als Forschungsprojekt gedacht, wurde Blogdex rasch populär. So populär, dass schließlich Marlows Server zusammenbrachen. Der Erfolg von Blogdex gründet auf der Überforderung vieler Nutzer, die sich in den wie Pilze aus den Boden schießenden Blogs nicht mehr zurechtfanden. Er nahm damit spätere Aggregator-Dienste wie Reddit und Digg vorweg.