Volkswagen entwickelt eigene Digital-Plattform VW.OS

Volkswagen will ein eigenes, digitales Ökosystem schaffen. Es soll den Konzern unabhängig von IT-Schwergewichten machen.

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(Bild: Pillau)

Von
  • Clemens Gleich
  • mit Material der dpa

Volkswagen versucht die Flucht nach vorn: Am 1. Juli 2020 soll die Entwicklung einer eigenen Software-Plattform beginnen – für alle Marken im Volkswagen-Konzern. Diese soll bis 2024 voll ausgearbeitet sein. Volkswagen will die "komplette Fahrzeugarchitektur" inklusive Elektronik dabei selbst kontrollieren, wie Digitalvorstand Christian Senger am Freitag erklärte. Man bleibe aber offen für Partnerschaften, Joint-Ventures oder Beteiligungen. In den kommenden Jahren stehen für die neue Konzerneinheit "Car.Software" mehr als sieben Milliarden Euro Budget zur Verfügung.

Volkswagen sieht dies als einzig richtigen Schritt, weil durch die Größe des Konzerns die Software-Skalierungs-Effekte entsprechend günstig stehen. Die Plattform selbst soll eine Entwicklung der eigenen Experten sein, die sich außer mit Software auch mit dem hochkomplexen mechatronischen Produkt "Auto" gut auskennen. Ob diese Rechnung aufgeht, wird sich zeigen. Bisher setzen Autohersteller stark auf externe Anbieter von Plattform-Lösungen. Die "Car.Software"-Organisation bei Volkswagen soll nach bisherigen Plänen bis 2025 über 10.000 Experten umfassen, bis zum Ende des laufenden Jahres könnten es schon 5000 Mitarbeiter sein.

Ziel ist es, mehr Systeme in Eigenregie zu programmieren und so die Wertschöpfung zu vergrößern. Der Anteil eigener Software soll von weniger als 10 auf mehr als 60 Prozent wachsen. Man habe "die 100-prozentige Überzeugung", möglichst viel selbst machen zu wollen, so Senger. Wo sinnvoll, arbeite man mit Partnern, in einer "Balance" zwischen selber machen und machen lassen. Das neue System soll dafür sorgen, dass Kapazitäten im Bereich Anwendungen/Funktionen konzentriert werden, die sonst in vielen eigenen Plattform-Lösungen gebunden wären.

"VW.OS" soll bis 2024 in vollem Umfang an Kunden ausgeliefert werden. Vorher findet eine schrittweise Umstellung auf die Plattform statt. Es gehe um "ein System, das vom Kleinwagen bis zur Premiumlimousine skalierbar ist". Nicht alle Autohersteller dürften bald Eigenentwicklungen haben, schätzt Senger: "Es wird in Zukunft wahrscheinlich weltweit weniger Plattformen fürs Auto geben, als es Autohersteller gibt." Der Wettbewerb um die nötigen Experten sei in der Branche groß.

Bei Volkswagen werden mehrere Tausend eigene IT-Fachkräfte aus Beteiligungen und Marken eingesetzt. Hinzukommen soll Personal aus Neueinstellungen und Firmenübernahmen. Der Ausbau der Software-Entwicklung gehört zu den strategischen Schwerpunkten von Konzernchef Herbert Diess. Zuletzt war allerdings deutlich geworden, dass viele der neuen Systeme einen für Herrn Diess bisher ungekannten Komplexitätsgrad haben. Sowohl bei ID.3 also auch beim neuen Golf kam es in der Folge von Diess‘ überambitionierter Planung zu massiven Verzögerungen, Risiken und Folgekosten.

Entstehen soll ein "digitales Ökosystem", in dem Daten zwischen den Smartphones oder Tablets der Kunden, den Anwendungen im Auto, dem Hersteller, Händlern und weiteren Dienstleistern ausgetauscht werden. Ganz wichtig dabei auch ein App-Ökosystem analog zu Play Store oder App Store, nur für Autos. Volkswagen hofft hier auf die Macht der Masse, um die eigene Plattform zum Quasi-Standard durchzusetzen. Es wird auch im Autobereich wahrscheinlich ein wichtiges Geschäftsmodell werden, Software-Funktionen, auch nachträglich, vermieten oder verkaufen zu können. Die ersten Schritte in diese Richtung macht VW beim Golf 8.

Als Backend bleibt die "Volkswagen Automotive Cloud", eine Lösung auf Basis von Microsofts Cloud-Lösung Azure. Sie wird jedoch vom Funktionsumfang entsprechend ausgebaut.

(mfz)