Vom Flop zum Kultfilm: 40 Jahre TRON

Am 9. Juli 1982 startet TRON in den US-Kinos. Heute ist der Film Kult und ein Meilenstein der Trick-Technik. Doch bei seinem Erscheinen gilt er als Flop.

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Von
  • René Meyer
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TRON. Der erste Film, der Videospiele in den Vordergrund stellt. Der erste Film, der eine virtuelle Welt darstellt. Der erste Film, der ausgiebig und bildschirmfüllend von Computergrafik Gebrauch macht. Nicht nur für einzelne kurze Szenen. Es werden nicht nur Welten generiert; sie werden mit einer beweglichen Kamera bereist. TRON verbindet Computer-Effekte so nahtlos mit traditionellen Techniken, dass man kaum sagen kann, was aus dem Rechner kommt und was aus dem Stift. Obwohl der ganze Film wirkt wie aus dem Computer, sind berechnete Bilder in nur 16 Minuten des Films zu sehen.

In TRON geht es um den talentierten Programmierer Kevin Flynn, der als Angestellter von ENCOM in seiner Freizeit Videospiele entwickelt. Sein Widersacher Ed Dillinger stiehlt die Spiele und gibt sie als seine aus. Dillinger wird dadurch Chef der Firma. Flynn wird entlassen. Er schreibt Spürprogramme, um im Firmenrechner nach Beweisen für den Betrug zu suchen. Doch er wird durch einen Laser digitalisiert und in das Innere des Computers gebeamt. Wo die Programme als menschenähnliche Wesen leben, die, beherrscht vom sadistischen Master Control Program, in Spielen gegeneinander kämpfen müssen.

Hinter TRON steckt ein Mann mit einer Vision, mit Talent zum Verkauf und mit der Fähigkeit, ein Team in eine Richtung zu lenken – Steven Lisberger. Er ist Jahrgang 1951 und hat deutsche Wurzeln. Seine Eltern sind Juden; und nur mit einer gehörigen Portion Glück können sie vor den Nazi fliehen. Er lernt an der Kunsthochschule des Museums of Fine Arts in Boston; seine Abschlussarbeit, der psychedelische Kurzfilm "Cosmic Cartoon", erhält 1973 eine Nominierung für die ersten verliehenen Studenten-Oscars.

Lisberger macht sich in Boston mit einem Studio selbstständig, das vor allem animierte Werbespots produziert. Er liebt die Technik der Backlit Animation: Licht, das durch Masken in die Kameralinse scheint und sich dadurch zerstreut. Malen mit Licht. Zu jener Zeit verwendet man das Verfahren zum Beispiel für effektvolle Schrift; aber das Team probiert es mit einer animierten Figur. Einen neongelben Cyber-Athleten, mit Muskeln wie Arnold Schwarzenegger, der zwei Diskus-Scheiben wegschleudert. Sie nennen ihre Schöpfung Tron. Die Eingebung kommt durch Lisbergers Schwiegervater, der ein Unternehmen namens Peltron gründet, basierend auf seinem Segelboot Pelinda und dem Wort "elektronisch". Tron, für elektronisch.

Begleitet wird Tron durch eine Gruppe von Raumschiffen als Vektorgrafik, in Anlehnung an die imperialen TIE-Jäger aus "Krieg der Sterne". Dass die Scheiben an Schallplatten erinnern, hilft möglicherweise dabei, die Animation an mehrere lokale Radiosender als Werbespot – der den Clio-Award erhält, den Branchen-Oscar – zu verkaufen.

Doch Lisberger will mehr. Er will längere Trickfilme produzieren, um sie den Cartoon-Sendern der Kabelnetze anzubieten. Mit selbsterschaffenen Charakteren, von denen er langfristig profitieren kann. So ähnlich wie es Disney mit eigenen Figuren wie Micky Maus gelingt. Kein Geld für Lizenzen ausgeben, sondern Geld für Lizenzen erhalten. Und er träumt von einem großen und erfolgreichen Filmstudio. Er liebt die Energie und Dramatik und die neuen Techniken von Filmen wie "Der weiße Hai" und "Krieg der Sterne" und will ihnen nacheifern. Mit Zeichentrick einen "richtigen" Film finanzieren, das ist der vage Plan.

Steven Lisberger lernt Donald Kushner kennen, der in Boston als Theater-Produzent und Künstler-Anwalt arbeitet. Gemeinsam schaffen sie es, das Konzept für zwei Trickfilme rund um die Olympischen Spiele an die NBC zu verkaufen. Einen tierischen und satirischen Wettkampf, kommentiert wie eine echte Sport-Übertragung, vertont durch bekannte Schauspieler und unterlegt mit der Musik des 10cc-Bassisten Graham Gouldman. Die Idee ist gut: Olympia steht seit den Sommerspielen 1976 im kanadischen Montreal hoch im Kurs; und 1980 finden die Winterspiele gar in den USA und die Sommerspiele in der Sowjetunion statt. Während die Eltern die echten Spiele schauen, könnten sich die Kinder mit einem putzigen Trickfilm vergnügen.

Große Aufträge brauchen viele Künstler, doch die lassen sich in Boston nicht finden. Das Studio zieht 1978 von der Ostküste nach Los Angeles. Nach Venice, das seit den sechziger Jahren immer mehr Kreative anzieht. Nur einen Steinwurf vom Pazifik und der berühmten Marina Del Rey entfernt, mieten sie sich ein Haus. Dort wirbt es Mitarbeiter von den großen Filmstudios ab. Einer ist etwa Brad Bird, der später selbst erfolgreicher Regisseur von Filmen wie "Die Unglaublichen" und "Ratatouille" wird.

Dann der Rückschlag: Nach der Invasion der Sowjetunion in Afghanistan 1979 boykottieren die USA die Spiele in Moskau. Die NBC streicht die Berichterstattung über die Olympiade und damit die Ausstrahlung des zweiten Films. Zwar schneidet man später beide Teile zu einem Film zusammen, der auch in Deutschland unter dem Titel "Dschungel-Olympiade" ein Klassiker wird. Doch die geplanten Einnahmen fehlen zunächst.