Von Handarbeit zu Großrechnern – 70 Jahre Deutscher Wetterdienst

Extremwetterereignisse präzise vorhersagen – unter anderem dafür forschen und analysieren beim Deutschen Wetterdienst Hunderte Experten. Seit nun 70 Jahren.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 39 Beiträge

Gemessen wird nicht nur am Boden, sondern auch in der Vertikalen

(Bild: © DWD)

Von
  • Oliver Pietschmann
  • dpa
Inhaltsverzeichnis

Die Flut im Ahrtal im vergangenen Jahr, der Orkan "Kyrill" 2007 oder das Elbe-Hochwasser 2002 – Unwetterkatastrophen wie diese führen zu Todesopfern und verwüsten ganze Landstriche. Sie machen auch deutlich, wie wichtig präzise Vorhersagen und Warnungen von Meteorologen sind. Der Deutsche Wetterdienst (DWD) in Offenbach arbeitet an immer ausgefeilteren Methoden. Als die Bundesbehörde 1952 gegründet wurde, war der erste Satellit "Sputnik I" noch nicht ins All gestartet und die Wettervorhersage für den nächsten Tag wurde im Fernsehen mit Kreide aufgemalt. Heute erreichen dank immenser Datenmengen Wettervorhersagen und -warnungen binnen Sekunden Millionen Kunden. An diesem Montag feiert der DWD bei einem Festakt sein 70-jähriges Bestehen.

"Ganz früher, als der DWD gegründet wurde, war es so, dass es noch keine numerischen Wettervorhersagemodelle gab", sagt die für den Geschäftsbereich Wettervorhersage beim DWD verantwortliche Renate Hagedorn. Da seien Wetterdaten zum DWD geschickt und dann per Hand in Karten eingetragen worden. Daraus sei dann der aktuelle Zustand analysiert worden. "Der Vorhersagezeitraum war maximal zwei Tage. Das hat sich jetzt über die Jahre rapide gewandelt."

In den 60er Jahren gab es erste numerische Vorhersagemodelle, bei denen die Atmosphäre in Kästchen eingeteilt und das Wetter mit Gleichungen berechnet wird. Für solche Modelle fließen heute gigantische Datenmengen von Bodenstationen, Schiffen, Flugzeugen oder Satelliten bei den Meteorologen in Großrechner. Hinzu kommen Daten anderer nationaler Wetterdienste, die weltweit kooperieren. "Die größten Datensätze sind wirklich die Satelliten-Daten", sagt Hagedorn. Hierbei arbeiten die Meteorologen auch eng mit der europäischen Agentur für meteorologische Satelliten Eumetsat in Darmstadt zusammen. "Der DWD ist sehr eng in die Planung und anschließende Nutzung all unserer Missionen eingebunden", heißt es dort.

Aufgrund der zur Verfügung stehenden Daten und der technischen Entwicklung wurden die Vorhersagen immer weiter verfeinert. Konnten früher Prognosen nur für ganze Landstriche erstellt werden, ist dies heute auch regional und lokal möglich. Ausruhen wollen sich die Meteorologen darauf aber nicht. Neben einer weiteren Verfeinerung der Vorhersagen will Vorstandsmitglied Hagedorn auch mit Blick auf Katastrophen wie im Ahrtal das Warnsystem verbessern.

Im Grunde gehe es immer darum, dass Kunden frühzeitiger Informationen haben wollen, länger im Voraus, lokal und regional präziser. "Ein zweites großes Feld, an dem wir in letzter Zeit arbeiten, ist eben auch die Verständlichkeit, dass unsere sehr guten Informationen eben auch in Handlungen umgesetzt werden", sagt Hagedorn. "Und das war auch eine Lehre aus dem Ahrtal. Der DWD habe frühzeitig gewarnt. "An der sogenannten Warnkette war irgendwo ein Bruch oder Information ist verloren gegangen." Man wolle zukünftig sehr viel mehr mit den Behörden, bei denen es um die Auswirkungen solcher meteorologischen Ereignisse gehe, zusammenarbeiten.

"Wir machen eine Erstinformation, aber dann ist auch wichtig, dass wir weiter mit den Leitstellen in Kontakt bleiben, weil unsere Vorhersagen auch nicht immer perfekt sind", sagt Hagedorn. Ein neues Warnsystem müsse die Verständlichkeit erhöhen, frühzeitiger warnen und die Individualisierung der Warnungen für die Nutzer erhöhen. "Das sind unsere drei großen, neuen Ziele im Warnsystem."

Aktuelle Wettermeldungen, Computervorhersagen für die nächsten zehn Tage und viel persönliche Erfahrung sind Grundlagen amtlicher Wetterwarnungen des DWD.

(Bild: © DWD)

Im Laufe der Jahrzehnte haben sich beim DWD die Vorhersagen verbessert und die Technik gewandelt. Zugleich sind die Aufgaben exponentiell gestiegen. Meteorologische und klimatologische Dienstleistungen, Dienste für die Luft- und Seefahrt oder auch für die Energieversorgung – sie sind alle im "Gesetz über den Deutschen Wetterdienst" geregelt.

"Haben wir früher im Bereich Klima immer nur nach hinten geguckt, schauen wir jetzt immer weiter nach vorne", sagt die Leiterin der Abteilung Klima beim DWD, Christina Koppe. Früher habe man beim Klima irgendwie Statistik betrieben. "Heutzutage ist das viel mehr Beratung für Gemeinden, für andere Behörden in der Frage, wie gehen wir mit dem Klimawandel um, was kommt auf uns zu?" Es gebe jetzt einen viel größeren Informationsbedarf über die Folgen für die kommenden Monate, Jahre und Jahrzehnte. "Das ist viel schwerer zu modellieren als eine einfache Wettervorhersage. Wir müssen das ganze Erdsystem ansehen, Ozeane oder auch die Vegetation." In der Anfangsphase sei das Hauptgeschäft das Wetter gewesen, jetzt sei Wetter- und Klimaberatung vom Gewicht und vom öffentlichen Interesse her gesehen ähnlich.

Koppe zufolge wird auch in der Klimaforschung künftig die Auflösung der Modelle erhöht. Es gehe darum, Szenarien zu erforschen, wie künftige Entwicklungen sich auswirken können. Auch hier sei man auf den internationalen Datenaustausch, zum Beispiel für eine Erstellung eines digitalen Erdzwillings, angewiesen. "Das kann sich kein Land alleine leisten, alles abzudecken, wie wir das benötigen."

(tiw)