Von neuem Leben und Argumenten aus dem Mittelalter

Craig Venters letzter Meilenstein auf dem Weg zu synthetischen Lebewesen stellt nicht nur die Biologie an den Beginn einer neuen Epoche, sondern hält auch uns Menschen Erkenntnisse vor, die unser gewohntes Selbstverständnis und eingeübte Argumentationen in Frage stellen. Eine Replik auf Giovanni Maio von Peter Monnerjahn.

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  • Peter Monnerjahn

Craig Venters letzter Meilenstein auf dem Weg zu synthetischen Lebewesen stellt nicht nur die Biologie an den Beginn einer neuen Epoche, sondern hält auch uns Menschen Erkenntnisse vor, die unser gewohntes Selbstverständnis in Frage stellen. Der Medizinethiker Giovanni Maio warnte daraufhin in Technology Review vor einer "Entwertung des Lebens". Diese Position ist haltlos und gefährlich, weil sie von einem längst überholten Konzept des Lebens ausgeht, argumentiert dagegen der Bioinformatiker Peter Monnerjahn, der an der FU Berlin in Wissenschaftstheorie zu Karl Poppers „Offener Gesellschaft" promoviert. Eine Replik.

Besondere Durchbrüche in der Wissenschaft geben immer wieder dazu Anlass, in der Öffentlichkeit fantastische Horrorszenarien auszumalen. Das Klonschaf Dolly ist da gleichbedeutend mit verrückten Wissenschaftlern, die Designerbabys herstellen wollen, der Large Hadron Collider am CERN in Genf könnte ein schwarzes Loch erzeugen und die Welt verschlucken, und Craig Venters synthetisches Bakterium ist schon fast Frankensteins Monster, ganz zu schweigen davon, dass es von dort nur noch wenige Schritte sind bis zur völligen Entwertung des Lebens an sich.

Viele Menschen äußern solche Bedenken mit den besten Intentionen und in voller Aufrichtigkeit. Da ist es mehr als verständlich, dass sie sich gekränkt fühlen, wenn fachkundige Kommentatoren diese Bedenken anders darstellen: als völligen Blödsinn. So etwas hört niemand wirklich gern – vielleicht besonders dann, wenn man zugeben müsste, dass es stimmt. Zu beobachten sind dann zwei typische Reaktionsweisen: Man weist darauf hin, dass man das Recht auf eine eigene Meinung habe und der Anwurf von mangelndem Respekt zeuge; oder man lässt sich auf eine möglichst vorurteilsfreie Diskussion ein, enthält sich eines Urteils, bis man relevante Informationen erlangt hat, und unterwirft sich danach im Prinzip den Regeln objektivierbarer Beobachtungen und gültiger Argumentation.

Allein, mit dem Recht auf eine eigene Meinung gibt es ein Problem. Verfassungsmäßig garantiert und vernünftig ist das sogenannte „negative“ Recht, eine eigene Meinung zu haben und zu behalten sowie sie zu Gehör zu bringen – Recht und Meinung kann einem niemand nehmen. Nicht eingeschlossen ist allerdings das „positive“ Recht darauf, dass diese Meinung Gehör findet. Auch kann man nicht verlangen, dass die eigene Meinung nicht angegriffen (also „respektiert“) wird, und seien die dazu verwendeten Worte noch so scharf. Wer sich auf den Marktplatz der Meinungen begibt, muss nicht nur aushalten, dass andere Teilnehmer bessere Ware feilbieten, sondern auch, dass sie darauf hinweisen, dass das Angebot der Konkurrenz schrumplig und wurmstichig ist – allemal, wenn diese Anwürfe belegbar sind.

Vor diesem Hintergrund bieten sowohl die Herstellung eines synthetischen Bakteriums durch Venter und Kollegen als auch Giovanni Maios Kommentar dazu reichlich Gelegenheit, die zweite Reaktionsweise einzuüben. Sie ist nichts weniger als überlebenswichtig für eine demokratische, offene Gesellschaft.

Die erste Voraussetzung dafür ist eine – in beiden Sinnen des Wortes – gut unterrichtete Bevölkerung. In dieser Bevölkerung herrscht immer noch eine Sicht auf Menschen und das Leben an sich vor, die beiden eine absolute Sonderstellung unter den Lebensformen bzw. der Materie einräumt. Es gebe also einen sogenannten Wesensunterscheid zwischen Menschen und anderen Tieren bzw. zwischen belebter und unbelebter Materie. Auch Giovanni Maio argumentiert so.

Woher kommt Leben?

Für die längste Zeit der menschlichen Entwicklung war diese Sicht auch durchaus rational. Wie sonst sollte man sich die Unterschiede zwischen Lebewesen auf der einen sowie Erde und Steinen auf der anderen Seite erklären? Im Erfahrungsraum von Menschen entsteht Leben zudem nur aus anderem Leben bzw. aus – zumindest ehemals – belebter Materie. Erde wird nicht zu Leben, außer es befinden sich zum Beispiel Pilzsporen oder Pflanzenkeime darin.

Bis ins 19. Jahrhundert konnte diese Idee als plausibel gelten, auch wenn sich das postulierte „Besondere“ hartnäckig jeglichen Versuchen, es zu identifizieren, widersetzte. Den Zweifeln gab dann der Chemiker Friedrich Wöhler 1828 in Berlin beträchtlichen Rückenwind, als es ihm gelang, Harnstoff zu synthetisieren, ein Endprodukt des Stoffwechsels vieler Tiere. Was vorher weithin als unmöglich galt, hatte Wöhler einfach getan: aus unbelebter Materie einen Stoff herstellen, der nur in Lebewesen vorkommt.

Die Frage lautete nun: Gilt dieses Prinzip für alle belebte Materie? Und was könnte der Mechanismus sein, mit dem aus Materie Leben wird? Darauf gab dann Charles Darwin 1859 eine Antwort, die bis heute nur stärker gefestigt wurde: Alles Leben ist miteinander verwandt und hat eine gemeinsame, kontinuierliche Abstammung; und der Mechanismus, der hauptsächlich dafür verantwortlich ist, ist der statistische Effekt der natürlichen Auslese, der sich besser reproduzierende Lebewesen in Populationen ausbreiten lässt und deren vererbbare Eigenschaften (zuzüglich im Prinzip zufälliger Mutationen) kumulativ zur Basis der jeweils nächsten Generation werden.

Mit diesen beiden Ideen von Wöhler und Darwin war letztlich der Dualismus zwischen Materie und Leben passé. Der Yale-Dozent und Wissenschaftsautor Carl Zimmer sagt pointiert: „Es gab in der Tat eine Zeit, in der Wissenschaftler an einen Wesensunterscheid zwischen belebter und unbelebter Materie geglaubt haben. Das war das Mittelalter.“ Leicht übertrieben, aber man kann durchaus den Eindruck haben – so weit hat sich die menschliche Erkenntnis vom dualistischen Denken entfernt.

Weitere Belege für die nunmehr nicht mehr ganz neue These, dass Leben zwar ein faszinierendes Phänomen ist, aber auch „nur“ aus Materie entsteht, lieferten u.a. die Experimente von Miller und Urey 1952, die zeigten, dass auch Aminosäuren (aus ihnen sind Proteine zusammengesetzt) aus einfachen inorganischen Molekülen und elektrischer Energie entstehen können. Klonschafe und synthetische Bakterien bieten hier zwar weiterhin interessante Bestätigungen, stellen aber keine echten Überraschungen mehr dar.

Insbesondere Venters synthetisches Bakterium birgt aber das Potential, einige einschlägige Fragen der Biologie zu beantworten oder doch immerhin der Antwort einen großen Schritt näherzukommen. Auch die Geschichte der Entstehung des Bakteriums ist für ein realistisches Bild von wissenschaftlicher Arbeit durchaus instruktiv. Und nicht zuletzt stellen sich neue Fragen in Bezug auf die ethische Beurteilung der Forschung in der Synthetischen Biologie.

Was ist Leben?

Wie auch Venter immer wieder betont, betreiben wir in der Synthetischen Biologie bisher so gut wie reine Grundlagenforschung. Die meisten Anwendungen, die in 50 Jahren Routine sein werden, können wir uns heute sicher noch nicht einmal vorstellen – ebenso wenig wie man sich 1953 hätte vorstellen können, innerhalb von 50 Jahren das komplette menschliche Genom sequenziert zu haben. (Was wiederum auch nur der Anfang einer neuen Forschungsrichtung war, weniger der krönende Höhepunkt.) Eine generelle Beschreibung der Möglichkeiten der Synthetischen Biologie läßt sich aber durchaus geben. So wie heute Mikroorganismen zum Beispiel Insulin herstellen, ist es vorstellbar, dass synthetische Organismen relativ einfache chemische Reaktionen katalysieren (also beschleunigen) oder ganz durchführen. Für Venter selbst ist beispielsweise das Erzeugen biologischer Kraftstoffe ein primäres Ziel, um unsere Abhängigkeit von umweltschädlichen fossilen Energieträgern zu beenden.

Gelingt das tatsächlich, dann hätte der Mensch Lebensformen geschaffen, die es in der vormenschlichen Natur nicht gab und die seinen eigenen Zwecken dienen. Dieser Gedanke gibt nun allerlei Anlass zu neuen Fragen. Eine der Grundfragen der Biologie, „Was ist Leben?“, wird einer zufriedenstellenden Antwort deutlich näher kommen. Das Fehlen einer allgemeingültigen Definition von Leben hat die Biologie zwar bisher nicht wirklich gestört – ebensowenig wie es Physikern den Schlaf raubt, dass wir keine Definitionen von „Raum“ und „Zeit“ haben –, aber selbstverständlich können Erkenntnisse aus der Synthetischen Biologie dabei helfen zu verstehen, wie leicht es ist, unbelebte Materie so zu kombinieren, dass daraus Leben wird. Craig Venter vermutet beispielsweise, dass Leben eine der Konstanten des Universums ist.

In jedem Fall hätten wir durch die notwendigen evolutionären Eigenschaften, die Darwins Theorie vorhersagt, und die Erkenntnisse der Synthetischen Biologie im Prinzip alle Puzzlestücke in der Hand, um auch herauszufinden, wie vermutlich das Leben auf der Erde begonnen hat. Letztendliche Bestätigungen kommen in diesem Feld wohl erst, wenn wir Spuren von Leben auf anderen Planeten oder Monden finden, mit dem wir das irdische vergleichen können. Wessen wir immerhin sicher sein können – und dafür haben Venter et al. nur einen weiteren, wenn auch beeindruckenden Beleg geliefert – ist, dass es für die Entstehung von Leben nichts als Materie und Energie bedarf.

Was nun?

Wir können also nun die Hybris der vermessenen Idee, Leben im allgemeinen und menschliches Leben im speziellen sei „an sich“ besonders und in seinem Wesen unterschiedlich vom Rest der Welt, eintauschen gegen die sehr viel interessantere Erkenntnis, dass wir nicht nur mit allem Leben verwandt sind, sondern dass wir im wahrsten Sinne des Wortes in Sternen geboren wurden. Dass wir es den Unwägbarkeiten der chemischen und biologischen Evolution zu verdanken haben, dass gut 13,5 Millarden Jahre nach dem Beginn des Universums die Materie in ihm auf einem kleinen und unbedeutenden Planeten ein Bewusstsein seiner selbst und seiner Entwicklung erlangt hat. Und dass es jederzeit in Gefahr ist, von einem kosmischen Unfall ausgelöscht zu werden.

Andere Bedenken betreffen die Möglichkeit, dass sich (wenn nicht das Leben an sich, dann zumindest) der Mensch selbst auslöscht – durch die Folgen seines unbändigen und ihn als Spezies ausmachenden Forschungsdrangs. Gibt die Synthetische Biologie, das Schaffen neuen Lebens, Anlass zu solchen Bedenken? Zwei Gefahren, die von einigen Kommentatoren und zum Teil von Fachleuten geäußert wurden, sind die von biologischen Waffen bzw. ungewollten biologischen Unfällen und nicht zuletzt die der Entwertung des Lebens – letztere prominent vertreten vom Medizinethiker Giovanni Maio hier in Technology Review.

Zunächst zu den Bedenken, neugeschaffene Organismen könnten als Waffen benutzt oder ungewollt großen Schaden anrichten, wenn sie freigesetzt werden. Um ihre Handhabung zu vereinfachen und um gezielt nur die benötigten Reaktionen ablaufen zu lassen, wird man Zellen mit minimalen Genomen benutzen, erweitert nur um wenige für die gewünschte Funktion wichtige Gene. Für die verwendeten Organismen bedeutet das zweierlei: Sie sind in ihrer Funktion sehr reduziert, und sie sind an Laborbedingungen angepaßt, die sich extrem von der natürlichen Umwelt unterscheiden. Solche speziellen Organismen können sich in freier Wildbahn weder gegen Konkurrenz und Angriffe verteidigen noch haben sie selbst irgendwelche pathogenen Fähigkeiten. Unfälle wären also in jedem vernünftigen Szenario relativ harmlos.

Etwas Ähnliches gilt für Biowaffen. Zumindest auf absehbare Zeit werden die verwendeten Techniken so komplex bleiben und so viel Fachwissen benötigen, dass sie nur in Speziallabors von Experten durchführbar sind. Was als Argument allerdings noch gewichtiger ist: Die Gefahren, die bereits jetzt von natürlichen Erregern ausgehen, wie HIV, antibiotikaresistenten Bakterien oder neuen Viren wie Ebola, sind sehr viel realer. Und mit heute bereits einfach zu handhabenden Techniken ließe sich im Prinzip problemlos ein Supervirus als Waffe herstellen, das beispielsweise die Virulenz des Pockenvirus als Grundlage nimmt und in das man die extrem letalen Eigenschaften eines Ebola-Virus einpflanzt. Diese Techniken sind heute relativ einfach beherrschbar. Hier lauern echte Gefahren – nicht, oder doch zumindest noch lange nicht, in der Synthetischen Biologie.

…dass nicht alle Meinungen gleich erschaffen wurden…

Nun endlich zu Giovanni Maio. Maio ist Professor für Ethik, einem Teilgebiet der Philosophie. Er ist auch Mitglied der Zentralen Ethik-Kommission für Stammzellenforschung, mithin ein profilierter Teilnehmer einer öffentlichen Diskussion, dem man also ein gewisses Maß an Verantwortung dafür zuschreiben kann, dass die Bevölkerung sich ein eigenes Urteil über die diskutierten Themen bilden kann. Philosophen im Besonderen sollten sich damit beschäftigen, wie man gut denkt, und haben in diesem Bereich auch eine Vorbildfunktion.

Wäre der Text von Maio dann auch nur philosophisch haarsträubend, würde er sich nicht groß von vielen anderen Veröffentlichungen unterscheiden. Es kommt aber mehr hinzu. Maio schreibt zwar über Wissenschaft, meint aber offenbar, dass er sich zu diesem Zweck nicht darüber informieren muss, was Wissenschaft ausmacht oder was Wissenschaftler antreibt. Und während er selbst eine „Sprache der Entwertung des Lebens“ beklagt, benutzt er selbst oft eine Sprache, die bestenfalls Obskurantismus, schlechtestensfalls intellektuelle Hochstapelei ist.

Maios zentraler Einwand ist leicht zu finden: „Leben ist mehr, als die Naturwissenschaft sehen kann“. Dem wissenschaftlichen Blick fehle eine „Dimension, die aber ganz entscheidend ist“. Sie ist so entscheidend, dass Maio nicht mit einem einzigen Wort sagt, was diese „Dimension“ sein soll. Sie ist so entscheidend, dass er nicht ein einziges Argument anführt, warum auch nur die Postulierung dieser „Dimension“ vernünftig wäre. Die Objektivierung und Reduktion der Wissenschaft findet er zwar „nicht zu beklagen“, beklagt aber noch im selben Atemzug, dass man damit dem Wesen des Lebens nicht auf die Schliche kommen könne – dem Wesen, für das er weder Belege noch Argumente hat.

Im Klartext heißt das: Wissenschaft ist gut, solange sie nicht liebgewonnene Fantasien zerstört. Da kann man bedauern, der Überbringer schlechter Nachrichten zu sein, aber das ist exakt die Daseinsberechtigung von Wissenschaft: als Gegenmittel für persönliche Vorurteile. So verständlich das Festhalten am eigenen Stück Irrationalität auch ist, für einen professionellen Philosophen in der Diskussion eines seiner Fachgebiete ist es ein Armutszeugnis.

Als Höhepunkt seiner mystischen Dimension bietet Maio dieses Juwel der Argumentation:

"Ich kritisiere hier also nicht das Machen an sich, sondern die Grundhaltung des Machens, die Grundhaltung, die dem Gegebenen gar keinen Wert beimisst und damit das Seiende entwertet. Deswegen plädiere ich ausgehend von der ersten These für eine Rückbesinnung auf den Wert des Gegebenen."

Was nicht nur scheinbar klingt wie hohle Worthülsen, ist der Versuch, dem Publikum mit Pseudo-Fachvokabular so viel Sand in die Augen zu streuen, dass es nicht mehr sieht, was sich dahinter verbirgt: gähnende Leere. Solche intellektuelle Hochstapelei sollte für einen vorgeblichen Experten mehr als beschämend sein.

Maios zweiter Punkt ist, dass die Wissenschaftler die Evolution missachteten. Mit dieser These gibt es nur ein Problem: Maio weiß nicht, wovon er redet. Er hält unter anderem Venter vor, die Evolution „besser machen zu wollen“, was er für „vermessen“ und „überheblich“ hält, und ganz nebenbei: „Was ist überhaupt ‚besser‘?“ Hat Herr Maio wohl schon einmal von Hunde- und Taubenzüchtern gehört? Ob er denen auch bittere Vorwürfe macht, dass sie sich anmaßten, besser zu wissen, wie Tiere aussehen sollten, als „die Evolution“? Hat er wohl bei Darwin gelesen, dass das exakt derselbe Prozess ist? Was unter den von außen (!) vorgegebenen Bedingungen dazu führt, dass etwas sich besser fortpflanzt als die Konkurrenz, das ist für „die Evolution“ besser. Und die schert sich nicht darum, wer oder was die Bedingungen vorgibt.

Evolution ist ein statistischer Prozess, ein Algorithmus; sie funktioniert nur. Und sie produziert gerade keine Perfektion: "perfekt angepasst" ist ein Widerspruch in sich und eines der irreführendsten Klischees über Evolution. Es ist alles andere als überheblich, ihre Ergebnisse verbessern zu wollen, vor allem da es ingenieursmäßig beurteilbare Kriterien dafür gibt, wie gut Organismen tun, was sie tun. Und dafür müssen sie immer Kompromisse in ihren Funktionen eingehen, da sie eben nicht nur für eine Funktion optimiert sind. Synthetische Organismen wären weitgehend von dieser Notwendigkeit zum Kompromisse-Schließen befreit.

Damit nicht genug. Zu guter letzt wirft Maio den Wissenschaftlern auch noch vor zu glauben, dass „das Leben nichts Besonderes ist“, dass sie es dadurch entwerten und damit umgehen, wie mit einer Maschine oder einer Ware, „die man her- und abbestellen … und wegwerfen kann“. Die Achtung vor dem Leben könnte verloren gehen, ist Maios Sorge. Die „Haltung des Verfügens über das Leben“ könnte sich breitmachen.

Das ist ein netter rhetorischer Taschenspielertrick, in dem Maio das Leben, das Forscher im Labor entstehen lassen, im Kopf des Lesers gleichsetzt mit dem Leben von Menschen. „À la longue“, sagt Maio, könnten wir „die Haltung der Achtung vor dem Leben an sich“ verlieren. Damit allerdings „assoziieren wir geradezu zwangsläufig“, um Maios Formulierung einmal umzudrehen, „lebensunwertes Leben“, Euthanasie und Auschwitz. Maio sagt das nicht explizit, aber darauf läuft seine Argumentation logisch hinaus.

Leider überrascht es an dieser Stelle schon nicht mehr, dass Maio für diese ungeheuren Schlüsse weder Belege noch Argumente liefert. Weder versteht er, dass Lebewesen tatsächlich „komplexe Maschinen“ sind, noch will er zugeben, dass daraus (insbesondere für die beteiligten Wissenschaftler, die tatsächlich Ahnung von der Materie haben) in keiner Weise folgt, dass man Leben entwertet. Man versteht es bloß.

In einer (hier nur paraphrasierten) Anekdote über einen befreundeten Künstler sprach der Physik-Nobelpreisträger Richard Feynman einmal darüber, wie jener Freund ihm eine Blume entgegenhält und sagt: „Wir Künstler können sehen sehen, wie schön diese Blume ist, aber ihr Wissenschaftler nehmt die nur auseinander, zerlegt sie in ihre Einzelteile und nehmt ihr die Faszination.“ Feynman darauf:

"Ich denke, dieser Freund ist ein bisschen durchgeknallt. Natürlich kann ich als Wissenschaftler die Schönheit einer Blume auch beurteilen und schätzen. Und ich kann noch mehr: Ich kann herausfinden, wie sie entsteht, wie sie ihre Farbe bekommt, ich kann sogar schlußfolgern, dass Bienen Farben sehen können und so weiter – das hat auch eine Schönheit. Das wissenschaftliche Verständnis kann doch bloß mehr Wertschätzung erzeugen, nicht weniger."

Jede neue Erkenntnis befeuert nur weiter die Vorstellungskraft der Wissenschaftler, ihre Neugier und selbstredend auch ihre Achtung vor der Welt, die sie studieren. Jede große Entdeckung der Menschheitsgeschichte enthält diese Komponenten. Wer daran nicht glaubt, sollte einfach mal ein Buch lesen – auch auf die Gefahr hin, dann seine Vorurteile neu ordnen zu müssen.

Maios Vorwurf ist allerdings nicht nur mangelndes Einfühlungsvermögen, sondern der der mangelnden Achtung des Lebens an sich und seiner Entwertung. Eine solche Anmaßung stellt sogar das in den Schatten, was er selbst den Wissenschaftlern an Anmaßung unterstellt. In den Worten des amerikanischen Biologen PZ Myers ist so etwas „absolut verleumderisch und entmenschlichend“.

Fazit

Vielen Diskussionen in der Öffentlichkeit – beileibe nicht allein der deutschen – fehlt es nicht nur an dem nötigen Grundlagenwissen, um sich eine unabhängige Meinung bilden zu können. Weder Bildungsinstitutionen noch Medien werden da ihrem Auftrag gerecht. Aber auch vermeintliche Experten haben offensichtlich einigen Nachholbedarf, was eine rationale und nach Möglichkeit vorurteilsfreie Diskussionsführung angeht.

Und diese Beispiele zeigen eine vernachlässigte Facette der Meinungsfreiheit in einer demokratischen, offenen Gesellschaft: Es gibt Meinungen, die das postive Recht haben, aktiv Gehör zu finden und diskutiert zu werden, und solche, die über ihr negatives Bestandsrecht hinaus keine weiteren Ansprüche stellen können. Für den privilegierten Status braucht es notwendig zweierlei: öffentlich zugängliche und überprüfbare Belege für Tatsachenbehauptungen und eine rationale Argumentation. Nur mit solchen Meinungen kann sich eine Demokratie weiterentwickeln.

Wir alle, sowie jede unserer Institutionen, tragen dafür die Verantwortung. Weder können wir Irrationalität und Angstmacherei das Steuer überlassen noch dürfen nebulöses Wortgeklingel und entzweiende, entmenschlichende Anschuldigungen jemals respektiert werden. Gerade die Wissenschaft hat mit ihrer Offenheit und ihrer befreienden Methode wie kein zweiter Faktor zum Wohlstand und zur Freiheit unserer Gesellschaften beigetragen.

Wir können viel von ihr lernen: Ehrlichkeit sich selbst gegenüber, Neugier, wie verlässliche Aussagen über die Zukunft aussehen und wie wir sie erlangen. Und nicht zuletzt ein tiefes, weil mit dem ganzen Kosmos verbundenes, Gefühl der Achtung und Wertschätzung unserer Welt. (nbo)