Vor 40 Jahren: Das erste große Videospiele-Turnier endet

Am 10. November 1980 endet der erste große Videospiel-Wettkampf – gespielt wurde "Space Invaders". Für die Gewinnerin wird der Sieg zum Karriere-Sprungbrett.

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Bild aus der Zeitschrift "Creative Computing", das das Finalspiel zeigt. Ganz links: Siegerin Rebecca Heineman, geboren Bill Heineman.

(Bild: Creative Computing)

Von
  • René Meyer

Vor 40 Jahren, am 10. November 1980, findet das Endspiel des ersten großen Videospiel-Wettkampfs statt. Lange bevor das Wort "E-Sport" geboren wird. Rund 10.000 Teilnehmer messen sich an "Space Invaders".

Das erste Turnier am Bildschirm ist es freilich nicht. Viele frühe Spiele sind für zwei Spieler gedacht, weil die Technik noch gar keine Computer-Intelligenz erlaubt. Bereits "Tennis for Two" von 1958, ausgeführt auf einem fünf Zoll großen Bildschirm eines Oszilloskops, ist als Duell ausgelegt – und der Star einer Forschungseinrichtung bei ihren öffentlichen Führungen. Ruhig erwähnen kann man, dass zwei Jahre zuvor, 1956, zum ersten Mal ein Computer einen Menschen beim Schach besiegt.

1972 findet an der Stanford-Universität in Palo Alto das früheste Turnier an einem Computerspiel statt, von dem wir wissen: die Intergalactic Spacewar Olympics. Ein paar Dutzend Studenten messen sich an einer PDP-10 an "Spacewar". Das Spiel ist zu diesem Zeitpunkt schon zehn Jahre alt. Zunächst als Schlacht für zwei Personen gedacht, die mit je einem simplen Raumschiff gegeneinander antreten, wird das Programm später erweitert und verbreitet sich schnell. Der Ausrichter Stewart Brand ist Redakteur des Magazins Rolling Stone. Er organisiert Freibier und den Preis: ein Abo der Zeitschrift. Das gewinnt Bruce Baumgart, der damit als Pionier in die Geschichte eingeht.

In den Siebzigerjahren werden Computer preiswerter; Spielkonsolen und Münzautomaten tauchen auf. "Space Invaders" führt den Highscore ein: Wer genügend Punkte erzielt, kann sich mit seinen Initialen in der Bestenliste verehren, sichtbar für alle anderen. Das spornt an.

Das erste große Konsolenturnier: Gespielt wurde Space Invaders auf dem Atari 2600.

(Bild: René Meyer)

1980 richtet Atari in den USA das erste große und landesweite Turnier aus, die National Space Invaders Championship. Allerdings nicht am Spielautomaten, sondern an der Heimkonsole Atari 2600 und einem Fernseher. Anders als bei "Spacewars", das für zwei und mehr Spieler ausgelegt ist, die sich gegenseitig bekämpfen, sitzt bei "Space Invaders" jeder vor seiner eigenen Konsole. Es eignet sich dennoch gut für einen Wettbewerb, denn es markiert den Spielerfolg mit einem Punktestand. Gespielt wird also so lange, bis alle Leben verbraucht sind. Die erreichten Punkte werden notiert. (Genau genommen bietet "Space Invaders" am Atari 2600 einen Modus für zwei Spieler, bei dem man gemeinsam Außerirdische bekämpft, und jeder hat einen eigenen Punktestand.)

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Rund 10.000 Teilnehmer nehmen an fünf Regionalausscheiden teil, in San Francisco, Los Angeles, Chicago, Dallas und New York. Die fünf Regionalsieger gewinnen die Teilnahme am Finale in New York am 10. November 1980. Sie übernachten in einem feinen Hotelzimmer, ausgestattet mit einer Spielkonsole. Dann fahren die fünf Finalisten zu Warner (denen Atari zu jener Zeit gehört) und treten zum entscheidenden Spiel an. Nebeneinander, vor fünf Atari-Konsolen und fünf Fernsehern.

Offenbar war ursprünglich angedacht, den Wettkampf so lange laufen zu lassen, bis nur noch ein Spieler übrig ist. Aber nach knapp zwei Stunden sind noch vier der fünf Teilnehmer dabei. Die Presse wird unruhig; immerhin musste sie zwei Stunden lang "Space Invaders" zuschauen; und ein Ende ist nicht in Sicht. Das Spielen wird abgebrochen; die erreichten Punktzahlen ergeben die Platzierung.

Die Gewinnerin mit 165.200 Punkten: Rebecca Heineman, erst wenige Tage zuvor 17 geworden, "tired physically, great mentally". Sie erhält als Preis einen Atari-Spielautomaten in der Größe eines Kühlschranks mit "Asteroids". Weil sie zu wenig Platz hat, fragt sie mit Erfolg, ob sie stattdessen "Missile Command" in Format eines Cocktail-Tisches bekommen kann. Noch lieber wäre ihr allerdings der zweite Platz gewesen, ein Atari-Heimcomputer.

Dennoch: Dieser Moment ändert das Leben der (als Bill geborenen und heute auch unter dem Spitznamen "Burger Becky" bekannten) Siegerin. Die begnadete Programmiererin und Bastlerin hatte sich schon vorher aus Geldnot ein Kit gebaut, um die teuren Atari-Module zu kopieren.

Auf der Veranstaltung lernt sie zwei Redakteure des Magazins Electronic Games kennen. Sie schreibt Artikel und berät zu den Büchern "How to Master the Video Games" und "How to Master Home Video Games".

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Noch nicht 18 Jahre alt (sie lügt, als sie nach ihrer Volljährigkeit gefragt wird), wird sie von Avalon Hill als Entwicklerin von Atari-Spielen eingestellt. So entwickelt die erste nationale E-Sport-Meisterin Spiele wie "London Blitz" für das Atari 2600, gründet zusammen mit Kollegen das legendäre Studio Interplay, das legendäre Titel wie "The Bard's Tale" hervorbringt, konvertiert bekannte Spiele wie "Wolfenstein 3D" auf andere Systeme und ist immer noch als Entwicklerin aktiv.

Ab dem kommenden Jahr veranstaltet Atari weltweite Turniere; jedes Jahr in einem anderen Spiel. Die Qualifikationen für die Finalspiele finden in vielen Ländern statt, so auch in Westdeutschland. Zunächst 1981 in "Asteroids". 1982 in "Pac-Man". In der Junioren-Altersgruppe bis 25 Jahre gewinnt Klaus Wolf (der heute den Online-Shop Wolfsoft betreibt); bei den "Senioren" gewinnt Johann Beiderbeck. Beide reisen zur Weltmeisterschaft nach Paris, wo Beiderbeck gewinnt und erster und einziger deutscher Pac-Man-Weltmeister wird. Wolf erreicht dort zwar nur den vierten Platz, kann aber ein Jahr später erneut bei der deutschen Atari-Meisterschaft gewinnen, die 1983 im Spiel "Centipede" ausgetragen wird.

Seinen Doppelerfolg versucht er 1984 in einem Interview zu erklären: "Weil ich meine Gegner überschätzte und dadurch sehr viel geübt habe. Bei der Centipede-Meisterschaft hatte ich schon so viel Erfahrung durch die Computerspiele, denn bei der Pac-Man-Meisterschaft hatte ich einen Atari 800 Computer gewonnen. Durch die Routine am Joystick hatte ich keine Probleme, zu gewinnen."

1990 werden die Nintendo World Championships veranstaltet. In dreißig amerikanischen Städten können sich die Teilnehmer in drei Gruppen qualifizieren: bis 11 Jahre, 12-17 Jahre, ab 18 Jahren. Zum Einsatz kommt ein spezielles (und heute sehr begehrtes) Spielmodul für das NES mit Kurzversionen von "Super Mario", "Rad Racer" und "Tetris". Die Gewinner dürfen zum Finale in die Universal Studios in Hollywood. Appetit macht der Spielfilm "Joy Stick Heroes" alias "The Wizard", der zeitgleich anläuft und große Ähnlichkeiten mit dem realen Wettbewerb hat.

In den Neunzigerjahren werden Wettkämpfe am PC populär, vor allem zunächst mit Ego-Shootern wie "Quake". Bekannt wird Dennis "Thresh" Fong, als er 1997 in einem amerikanischen "Quake"-Turnier gewinnt. Er setzt sich gegen 2.000 Mitstreiter in Online-Matches durch und wird einer von 16 Finalisten. Sein Siegpreis: ein Ferrari von John Carmack, einem der Gründer des Spiele-Entwicklers id Software. 1997 ist ISDN mit seinen 64 Kbit/s Stand der Technik. Das erlaubt Online-Spiele, die nur wenige Bewegungsdaten austauschen. Doch "Quake" ist nicht nur ein fabelhaftes Spiel für Duelle am Bildschirm. Es bietet auch eine Funktion, um den Verlauf eines Spiels aufzuzeichnen, nicht als Video, sondern als Skript-Dateien, die im Wesentlichen Tastendrücke enthalten. Auf diese Weise passen spannende Austragungen, im Notfall gezippt, auf eine Diskette.

Heute werden in großen Turnieren Preisgelder von teilweise mehreren Millionen Euro ausgezahlt.

(dahe)