Vorsicht beim Geoengineering

Wissenschaftler träumen davon, dass sich die Erderwärmung zumindest teilweise mit technischen Methoden stoppen lässt. Es drohen aber schwer vorhersehbare Gefahren, warnt nun eine neue Studie.

Lesezeit: 5 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 9 Beiträge
Von
  • James Temple
Inhaltsverzeichnis

Wenn es der Menschheit nicht gelingt, ihre Treibhausgasemissionen schnell genug zu reduzieren, um die schlimmsten Auswirkungen eines katastrophalen Klimawandels zu stoppen, bliebe womöglich noch ein Ausweg: das sogenannte Geoengineering, die Manipulation atmosphärischer Vorgänge mittels technischer Verfahren.

Mehr Infos

Ernsthafte Forscher sind schon seit längerem dabei, nach gangbaren Mitteln und Wegen dafür zu suchen. Dazu gehört etwa das Aussprühen kleinster Partikel in der Luft, um mehr Sonnenlicht in den Weltraum zurück zu reflektieren. Das würde zwar den CO2-Ausstoß der Erde nicht reduzieren, doch womöglich den Temperaturanstieg verringern oder verlangsamen.

Eine im Januar in "Nature Ecology & Evolution" publizierte Studie legt nun nahe, dass solche Eingriffe höchst problematisch sein könnten. Sollte die Welt jemals wirklich mit dem Geoengineering beginnen, argumentieren die Forscher um Christopher H. Trisos vom National Socio-Environmental Synthesis Center an der University of Maryland, ließe sich dieses wohl nicht mehr stoppen, weil es zu gefährlich wäre.

Das Problem, so die Wissenschaftler, sei, dass ein vom Menschen gemachtes Herunterkühlen des Planeten eine durch Klimagase zusätzlich produzierte Erwärmung nur verdecken würde. Sollten die Regierungen der Erde sich entscheiden, das Geoengineering etwa in 50 Jahren zu beenden, würde der Treibhauseffekt, der sich während dieser Zeit "angestaut" hat, den Planeten sehr schnell erwärmen.

In vielen Gegenden der Erde würden die Temperaturen dann zwei bis vier Mal so schnell ansteigen wie im historischen Mittel, so die Studie. Die Änderung würde sich für Pflanzen und Tiere zu schnell abspielen, als dass diese in neue Regionen auswandern könnten. Ökosysteme würden fragmentiert und verschiedene Spezies wohl ausgerottet. Der Regen im Amazonas-Gebiet, in Nordeuropa und in Asien würde sich verringern und das Risiko und die Schwere tropischer Waldbrände sich verstärken.

Einige Forscher haben schon argumentiert, dass solche und ähnliche Risiken des Geoengineering ein Damoklesschwert darstellen, das die Menschheit explizit davon abhalten wird, die Idee ernsthaft voranzutreiben.

Es gibt allerdings einige Faktoren, die die Gefahren eines plötzlichen Endes der Maßnahmen reduzieren. Zunächst wäre das Problem am größten, wenn Geoengineering für einen langen Zeitraum und in großem Maßstab betrieben würde.

Zweitens sagen die meisten Befürworter, dass die Technik die Klimagasreduzierung nur ergänzen und nicht ersetzen kann. Sie sehen Geoengineering auch als Notnagel, um der Menschheit mehr Zeit zu geben, zu sauberen Energieformen zu wechseln. Die Wahrscheinlichkeit, dass wir hier in den kommenden 50 Jahren weiter sind als heute, ist groß – zudem dürften Methoden, CO2 aus der Atmosphäre zu holen, bis dahin besser funktionieren. Schließlich sei nicht zu erwarten, dass große Geoengineering-Projekte von einem Tag auf den anderen beendet werden.

In einem die Trisos-Studie begleitenden Meinungsartikel schreibt Phil Williamson von der University of East Anglia in Großbritannien, dass dies aber faktisch nicht ausgeschlossen werden kann. "Politische Entscheidungen sind auf einen längeren Zeitraum gesehen oft inkonsistent und stets abhängig von einem Regimewechsel", schreibt er.

Es gibt allerdings einen weitläufigen Konsens, dass derartige Maßnahmen, die den gesamten Globus betreffen, nur durch einen offenen, transparenten Prozess beschlossen werden sollten, wie ihn etwa die Vereinten Nationen durchführen könnten. Das würde zumindest einen Puffer gegen überstürzte Entscheidungen bieten – oder einen Politikwechsel in nur einer einzigen Nation.

Es ist allerdings möglich, dass ein "rogue actor" sich entscheidet, das Heft in die eigene Hand zu nehmen – etwa eine Inselnation im Pazifik, die fürchtet, dass sie im Meer versinkt, oder ein Land, das regelmäßig gegen schlimme Dürren kämpft. Aber auch hier würde das Risiko einer abrupten Beendigung des Geoengineering nur dann entstehen, wenn der Planet es zuvor über Jahrzehnte zuließe.

Ken Caldeira, leitender Forscher an der Carnegie Institution, der seit langem die potenziellen Auswirkungen von Geoengineering untersucht, meint, dass schon allein die Tatsache, dass ein plötzlicher Stopp desaströse Konsequenzen haben könnte, ein ziemlich guter Grund ist, es nicht auszuprobieren. "Normalerweise sind katastrophale Konsequenzen, die durch eine Handlungsänderung eintreten würden, ein ausreichender Grund dafür, sie nicht zu erwägen."

Natürlich treffen die Regierungen der Erde oft auch denkbar schlechte Entscheidungen, doch dafür müssen stets zumindest kurzzeitig sinnvoll erscheinende Motivationsfaktoren vorliegen, etwa kriegerisches Bedrohungsszenario.

David Keith, ein Harvard-Professor, der Geoengineering im Bezug auf die Sonneneinstrahlung untersucht, argumentiert seit langem, dass die Entscheidung, dieses Werkzeug einzusetzen, nur langsam und graduell umgesetzt werden sollte. Dies würde Forschern erlauben, die Veränderungen genau zu beobachten, um auch auf unerwartete Auswirkungen schnell genug zu reagieren. Geoengineering könnte Nebenwirkungen für die Umwelt haben und verschiedene Regionen der Welt unterschiedlich beeinflussen. Zudem ist denkbar, die Technik in einem langsamen Prozess auszusetzen, um Auswirkungen abzumildern.

Caldera argumentiert, dass die Biodiversität von einem nicht aufgehaltenen Klimawandel stärker bedroht ist als durch das Geoengineering – zumindest besagten dies "die meisten" Klimasimulationen. Das gelte insbesondere für Verfahren, die die Sonneneinstrahlung beeinflussen.

(bsc)