Vorstellung: Mercedes S-Klasse 2020

Mercedes zeigt erste Bilder der neuen S-Klasse. Sie sind ein deutliches Zeichen, wohin es technisch wie auch in der Gestaltung bei Mercedes gehen soll

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(Bild: Mercedes)

Von
  • Martin Franz

Man darf wohl davon ausgehen, dass Mercedes mit jeder neuen S-Klasse ein Auto anstrebt, das die Macher als das beste der Welt ansehen. Nun wird schon seit vielen, vielen Jahrzehnten darüber gestritten, welches Modell dieses Attribut verdient. Von der jeweils aktuellen S-Klasse darf aber zumindest eines erwartet werden: Technisch schöpft sie aus dem Vollen. In der nun vorgestellten Auflage bedeutet das vor allem eine tiefgreifende Vernetzung.

Doch zunächst werden einige aus dem Kreis der angestrebten Kundschaft erleichtert aufatmen, dass Mercedes nicht versucht hat, einen Karikaturenstreit mit BMW um die auffälligste Front zu gewinnen. Trotz einer tatsächlich erkennbar neuen Linie tritt die S-Klasse weniger aufmüpfig auf als der große BMW, mit etwas Wohlwollen auch zeitloser. Bezogen auf die eigene Historie erscheint die intern W223 genannte S-Klasse weder so korpulent wie der W140 noch so zierlich wie der W220.

Vor allem die Version mit kurzem Radstand, die zuletzt global nur rund zehn Prozent der Kunden wählte, legt um 5,6 cm auf 5,17 m zu, die Variante mit langem Radstand wuchs etwas weniger kräftig auf 5,28 m. Der Radstand misst nun 3,11 bzw. 3,22 m. Der Kofferraum legte um 20 auf nun 550 Liter zu.

Die S-Klasse durfte dabei häufig auch als Weisung in die Zukunft der anderen Modellreihen gelten. Die C-Klasse, deren Nachfolger es in den kommenden sechs Monaten ebenfalls unverhüllt an die Öffentlichkeit schaffen dürfte, bekommt die gleiche Grundlinie verpasst. Mercedes geht also auch dort einen eher konservativen Weg. In der S-Klasse sollte das nicht etwa mit „zurückgeblieben“ gleichgesetzt werden. Mercedes verweist trotz 200 cm² größerer Stirnfläche auf einen cW-Wert von 0,22.

Die Form des Innenraums dagegen ist eine bewusste Provokation. Mercedes riskiert hier einen Bruch mit der bisherigen Gestaltung, der nicht jedem gefallen wird. Das Armaturenbrett ist extrem reduziert, Schalter und Knöpfe sind nahezu komplett Geschichte. Die Bedienung fast aller Funktionen – und es sind noch einmal deutlich mehr geworden – wurde auf einen großen Bildschirm in der Mitte verlegt. Das ganze erinnert entfernt an Tesla, allerdings ist die Auskleidung dann doch sehr viel nobler. Mercedes baut darauf, dass die Kunden das Auto zunehmend per Sprachbefehl bedienen. Der erste Eindruck aus der Ferne: Wer sich dem komplett verweigert, wird in der S-Klasse einen nicht ganz einfachen Weg vor sich haben.

Mercedes S-Klasse 2020 (27 Bilder)

Rundlich, mit kräftigem Kühlergrill, stehendem Stern und geschickt platziertem Chrom: Mercedes hat darauf verzichtet, die Kunden ...

Die Gestaltung bringt, wie bei der vorherigen S-Klasse auch, zudem die interne Ordnung kräftig durcheinander. Die modischen Innenräume von C- und S-Klasse lassen die gerade überarbeitete E-Klasse etwas vergilbt erscheinen – dem ein oder anderen Kunden, der sich der neuen Welt nicht anschließen mag, wird das sehr recht sein. Ihm entgehen dann einige neue Segnungen, die auf eine gewisse Verzweiflung hindeuten, mit welchen frischen Funktionalitäten die Kundschaft zum Kauf motiviert werden könnte. Der „MBUX Interieur-Assistent“ überwacht Kopf- und Handbewegungen sowie die Körpersprache. Blickt der Fahrer beispielsweise in Richtung Heckscheibe, wird das Sonnenrollo versenkt.

Das „E-Active Body Control“ Fahrwerk kann bei drohendem Einschlag eines Unfallgegners das Auto schnell anheben, um den Stoß auf „besonders widerstandsfähige Strukturen im unteren Teil des Fahrzeugs zu lenken“. Die Ambientebeleuchtung ist nun in die Fahrassistenzsysteme eingebunden. Zehn Massage-Programme stehen bereit. Es bewahrheitet sich immer wieder: König ist, wer die Bedürfnisse seiner Kunden bedient, Kaiser derjenige, der neue schafft – und sie sich zünftig bezahlen lässt, versteht sich.

Natürlich sind nicht alle Neuerungen derart nebensächlich. Der Fondairbag soll die Belastungen von Kopf und Nacken bei einem Unfall senken, die Hinterachslenkung reduziert den Wendekreis um rund zwei Meter. Das aufpreispflichtige „Digital Light“ kann Fahrhinweise auf die Straße projizieren, im Head-up-Display steckt Augmented-Reality. In der zweiten Jahreshälfte 2021 soll die S-Klasse in einigen Situationen „hochautomatisiert“ fahren können. Vermutlich wäre diesbezüglich mehr möglich, wenn der Gesetzgeber den Rahmen ändern würde.

Zum Start bietet Mercedes zwei Benziner mit drei Litern Hubraum und zwei Dieselmotoren mit 2,9 Litern an. Sechs Zylinder in Reihe haben sie alle:

Leistung Verbrauch WLTP Allradantrieb
Benziner
S 450 270 kW/367 PS 7,8 bis 9,5 Serie
S 500 320 kW/435 PS 8 bis 9,5 Serie
Diesel
S 350d 210 kW/286 PS 6,4 bis 8 optional
S 400d 243 kW/330 PS 6,7 bis 8 Serie

Im kommenden Jahr soll noch ein Plug-in-Hybrid mit einer elektrischen Reichweite von rund 100 km folgen. Die Rolle eines rein elektrischen Antriebs fällt dem EQS zu. Ein V8 mit Startergenerator und 48-Volt-Bordnetz soll ebenfalls ab 2021 angeboten werden.

Bestellt werden kann die neue S-Klasse ab Mitte September, ausgeliefert werden sollen die ersten Fahrzeuge im Dezember. Das beste Auto der Welt? Auch diese S-Klasse-Generation wird diese Diskussion nicht befrieden oder gar beenden. Ein Wegweiser, wohin es bei Assistenz und Infotainment in der Oberklasse geht, ist sie dagegen fraglos. Zumindest in dieser Hinsicht ist also alles ganz traditionell.

(mfz)