WHO verschärft Stickoxid-Grenzwert um den Faktor vier

Neue Studien haben ergeben: Es gibt keine unschädlichen Schwellenwerte für die Luftverschmutzung.

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Luftverschmutzung, Ruhrgebiet

(Bild: Foto-RaBe, gemeinfrei (Creative Commons CC0))

Von
  • Gregor Honsel

Die Debatte um Feinstaub und Stickoxide ist in letzter Zeit etwas ruhiger geworden. Viele Städte konnten ihre Werte senken und dadurch Fahrverbote verhindern. Doch das könnte sich bald ändern: Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat erstmals seit 15 Jahren ihre Empfehlungen für Grenzwerte drastisch verschärft.

Tamara Schikowski, Arbeitsgruppenleiterin Umweltepidemiologie am Leibniz-Institut für umweltmedizinische Forschung in Düsseldorf, bezeichnete die neuen Richtwerte gegenüber dem Science Media Center (SMC) als "viel niedriger als erwartet und sehr ambitioniert".

Ursache für die Verschärfung seien "sehr große Langzeitstudien mit zum Teil mehreren Hunderttausend TeilnehmerInnen, an denen auch Regionen mit sehr geringer Schadstoffbelastung – zum Beispiel die Schweiz – beteiligt waren", sagte Professor Nino Künzli vom Schweizerischen Tropen- und Public-Health-Institut, der an der Entwicklung der Leitlinien beteiligt war. "Daraus ließ sich der Zusammenhang zwischen der Schadstoffkonzentration und der Gesundheit auch für Konzentrationen herleiten, welche weit unter den bisherigen Richtwerten liegen. Die Studien bestätigen, was sich vor 20 Jahren noch nicht belegen ließ: Es gibt keine 'unschädlichen Schwellenwerte' der Luftverschmutzung." Laut SMC geht die Europäische Umweltagentur EEA von etwa 417.000 vorzeitigen Todesfällen pro Jahr allein in 41 europäischen Staaten aus.

Die WHO-Empfehlungen sind rechtlich nicht verbindlich, aber das EU-Parlament hat im März beschlossen, die EU-Normen – die auch für Deutschland gelten – an neue WHO-Leitlinien anzupassen, sobald diese herauskommen.

WHO alt WHO neu EU-Grenzwert
NO2 40 µg/m³ 10 µg/m³ 40 µg/m³
Feinstaub PM2,5 10 µg/m³ 5 µg/m³ 25 µg/m³
Feinstaub PM10 20 µg/m³
15 µg/m³ 40 µg/m³

Bedenkt man, wie schwer sich viele Städte bis heute tun, den Grenzwert von 40 µg/m3 NO2 einzuhalten, kann man sich ausmalen, was eine Senkung um den Faktor vier bedeutet. Laut Deutscher Umwelthilfe liegen derzeit rund 400 deutsche Gemeinden beim Stickstoffdioxid über der neuen WHO-Empfehlung. Beim Feinstaub PM 2,5 sind es alle bis auf drei.

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Die Quellen des Feinstaubs lassen sich nur schlecht dingfest machen. Die Partikel stammen nicht nur direkt aus Verbrennungsprozessen wie im Motor oder im Kamin, sondern entstehen auch indirekt, etwa durch Ammoniak-Emissionen aus der Landwirtschaft. "Diese sekundären Aerosole können zu Konzentrationsspitzen von PM 2.5 weit entfernt von Emissionsquellen führen und eine Einhaltung von Grenzwerten erschweren“, sagt Atmosphärenchemiker Professor Stefan Reis vom Centre for Ecology and Hydrology in Edinburgh gegenüber dem SMC.

Auf eine andere Feinstaubquelle macht Professor Kalberer, Leiter der Forschungsgruppe Atmosphärenwissenschaften an der Uni Basel, aufmerksam: "Studien in England haben bereits gezeigt, dass in naher Zukunft die Abgas-Emissionen nicht mehr die Mehrheit der Emissionen darstellen werden, sondern Brems- und Reifenabrieb und vom Verkehr aufgewirbelter Staub." Dies unterliege allerdings keinerlei Regulierungen. Das bedeutet: Umweltzonen und Elektroautos helfen nur bedingt, die schärferen Grenzwerte einzuhalten.

Volkswirtschaftlich betrachtet sieht Nino Künzli darin allerdings keine unüberwindbaren Hindernisse: "Zwar werden die Kosten für die weitere Verbesserung pro Schadstoffeinheit in wenig belasteten Regionen etwas höher sein als in stark belasteten. Die US-Umweltbehörde EPA hat vor 20 Jahren aber geschätzt, dass der Nutzen ihrer Luftreinhaltepolitik circa 30-mal höher ist als deren Kosten."

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(grh)