Wahnsinn mit Methode

Kein Tech-Unternehmer macht mehr Schlagzeilen als Elon Musk. Doch bislang erwiesen sich alle Untergangsprophezeiungen als überzogen – egal ob er die Börsenaufsicht nervt oder öffentlich einen Joint raucht.

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(Bild: dpa, Chris Carlson/AP)

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Spinner oder Visionär, Angeber oder Genie, Fanatiker oder Fleißarbeiter? Die Frage ist müßig, denn Elon Musk ist von allem ein bisschen. Und 2018 war das Jahr, in dem er die ganze Bandbreite seines schillernden Charakters so deutlich zeigte wie nie zuvor – und fast daran zerbrach.

Es begann im Februar mit einem technisch-ästhetischen Highlight: Musks Unternehmen SpaceX startete die neue Rakete Falcon Heavy, die stärkste, die es derzeit gibt. Nachdem die zwei Booster-Raketen sie ins All bugsiert hatten, landeten beide exakt gleichzeitig wieder, um später wiederverwendet zu werden. Weiter unten arbeitete Musk unterdessen an seiner Vision von der Untertunnelung von Städten als Mittel gegen Staus. Anfang November stellte er das erste fertige Teilstück in Los Angeles vor.

Gleichzeitig aber sah es so aus, als könnte der wichtigste Teil seines Lebenswerk den Bach heruntergehen: der Elektroauto-Hersteller Tesla. Der Produktionsanlauf für dessen Model 3 erwies sich als weitaus schwieriger als versprochen, sodass sich die Liquiditätsreserven dem Ende zuneigten. Musk arbeitete Sieben-Tage-Wochen mit 16 Stunden am Tag. Manchmal habe er die Fabrik drei oder vier Tage am Stück nicht verlassen und auf einer Couch geschlafen – damit es ihm schlechter geht als den normalen Mitarbeitern, die ebenfalls alles geben, wie er schrieb.

Als er schließlich sogar ankündigte, Tesla von der Börse zu nehmen, hielten ihn die Wohlwollenden für überarbeitet, alle anderen für verrückt. Seine Behauptung, die Milliarden-Finanzierung dafür sei schon "gesichert", bezweifelten die meisten Beobachter. Tatsächlich musste er später einräumen, dass wenig dahinterstand. Die Folge war ein Verfahren der Börsenaufsicht SEC, die zunächst anstrebte, Musk jede Tätigkeit als Vorstand eines Unternehmens zu untersagen.

Zweimal in dessen junger Geschichte hatte Musk Tesla bereits aufs Spiel gesetzt. Erst mit dem Roadster, dann mit dem Model S. Zweimal hat er – zusammen mit ergebenen Mitarbeitern – gewonnen. Und nun mit dem Model 3? Nach langen und hohen Verlusten konnte Musk im Oktober 2018 für das dritte Quartal mehr als 80000 verkaufte Autos und einen Gewinn von 312 Millionen Dollar melden. Von nun an werde Tesla in jedem Quartal mehr Geld einnehmen als ausgeben.

Damit scheint der Elektroautohersteller über den Berg – mit den letzten Rest Strom im Akku, also dem letzten Geld in der Kasse. Ab jetzt kann das Unternehmen eigenes Kapital für seine nächsten Investitionen verdienen, sich also sozusagen bei laufender Fahrt selbst wieder aufladen. 2019 soll nun endlich das Basis-Model-3 folgen, dann der Klein-SUV Model Y, 2020 der aberwitzig schnelle Roadster und der Sattelschlepper Semi mit riesiger Reichweite. Und dann soll SpaceX 2019 ja außerdem erstmals Menschen ins All bringen.

Mit tränenerstickter Stimme berichtete Musk im Spätsommer, das zurückliegende Jahr sei das "schwierigste und schmerzhafteste" seines Lebens gewesen. Warum aber tut er sich das an? Für ihn selbst ist die Antwort ganz einfach: Weil es Tesla geben muss, damit der Übergang zu einem nachhaltigen Energiesystem schneller erfolgt. Den Gedanken, dass der Zug zur E-Mobilität inzwischen auch ohne ihn schnell genug rollt, scheint Musk nicht einmal zuzulassen.

Schon früh muss der gebürtige Südafrikaner beschlossen haben, sein Glück in brutaler Leistung zu suchen. Seine Kindheit kann man als zumindest teilweise schrecklich beschreiben. Schon als kleiner Junge las er wie besessen und war gelegentlich geistig völlig abwesend. Nach der Trennung der Eltern zog er zu seinem Vater, der zwar ein gefragter Ingenieur war, aber offenbar ein sehr schwieriger Mensch. Musk will nichts über ihn erzählen. Seiner halboffiziellen Biografie ist lediglich zu entnehmen, dass er und seine erste Frau Justine geschworen haben, niemals zuzulassen, dass der Großvater ihre Kinder kennenlernt.

Auf der Schule erging es dem jungen Musk nicht besser. Als unsportlicher Sonderling wurde er zum Ziel einer Schülerbande, die ihn einmal bis zur Bewusstlosigkeit verprügelte und ihm dann jahrelang nachstellte. "In der Schule wurde ich von Gangs gejagt, die die Scheiße aus mir herausprügeln wollten, und wenn ich dann nach Hause kam, war es dort genauso schrecklich. Es war wie Nonstop-Terror", erzählte Musk für seine Biografie.

Erst ein Schulwechsel und ein Wachstumsschub machten dem langen Schrecken ein Ende. Nach dem Abschluss wanderte Musk nach Kanada aus, kurz vor seinem 18. Geburtstag und gegen den Willen des Vaters. Das Studium finanzierte er sich selbst, mit Gelegenheitsjobs und einem illegalen Wochenend-Nachtclub, den er zusammen mit einem Mitbewohner in ihrem gemieteten Haus betrieb. Aber anders als die Gäste trank er nicht und feierte auch nicht mit. Exzessiv war er höchstens beim Videospielen. In dieser Zeit, sagt Musk, entstand seine Leidenschaft für Elektroautos, Solarenergie und Raketen.

Und vielleicht auch seine Missachtung von Autoritäten? Wer auch immer in Musks Augen im Unrecht ist, bekommt das überdeutlich zu hören. Schon in der Frühzeit von SpaceX etwa legte er sich massiv mit Mitarbeitern der US-Flugsicherheitsbehörde FAA an. Im Oktober lehnte er einen Vergleich mit der SEC wegen seiner Twitter-Äußerung zum Börsenende von Tesla erst einmal ab – vermutlich weil er sich nicht darauf einlassen wollte, wie bei solchen Deals üblich nichts mehr zu dem Fall sagen zu dürfen. Erst im zweiten Anlauf und nach einem kurzen Absturz der Tesla-Aktie machte Musk doch mit.

Den Mund verbieten aber ließ er sich trotzdem nicht. Seit Mitte November muss er gemäß der Einigung seine Tweets vorher durch einen Juristen prüfen lassen, außerdem musste er den Posten als Tesla-Chairman aufgeben. Vorher aber verspottete er die SEC noch als "Shortseller Enrichment Commission" und erklärte, er habe alle seine Titel bei Tesla "gelöscht", um zu sehen, was passiert. Schon vorher, auf dem Höhepunkt der Zweifel und Kritik an ihm im Sommer, hatte Musk sich wenig interessiert an der öffentlichen Meinung gezeigt, indem er in einem Radio-Interview mit Kamera genüsslich an einem Joint zog.

Elon Musk ist nicht perfekt. Die Menschheit will er nur deshalb retten, weil ihm alles andere zu unbedeutend wäre. Er braucht das Gefühl, gebraucht zu werden. Er ist unsensibel gegenüber Mitarbeitern, hat beim Model 3 laut Produktionsexperten unnötige Fehler gemacht, keine Partnerin hält es lange mit ihm aus. Er wird auch in Zukunft kein Blatt vor den Mund nehmen und keinen Hehl daraus machen, dass er gelegentlich weiche Drogen oder Schlafmittel zu sich nimmt. Musk hat keine Leichen im Keller – alles, was man ihm vorwerfen könnte, zeigt er gut sichtbar in seinem Wohnzimmer auf Twitter.

Damit wird er auch weiterhin bei den Leuten anecken, die Innovationen wollen, aber keine Regelverstöße. Alle anderen aber werden ihm applaudieren.

(bsc)