Warum Facebook- und Twitter-Alternativen anstrengend sind, aber dennoch gut tun

Technology Review-Autorin Eva Wolfangel hat sich nach Facebook- und Twitter-Alternativen umgeschaut und ist auf interessante Ansätz gestoßen.

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Soziale Medien

(Bild: dpa, Robert Günther/dpa-tmn/dpa)

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  • Eva Wolfangel

Soziale Medien ohne Hassrede, ohne Falschmeldungen, ohne ein Strom aus Banalitäten, dafür mit sozialen Umgangsformeln, konstruktivem Austausch und wohl durchdachten Posts – wie schön wäre das? Doch die Realität sieht anders aus: Durch soziale Medien und ihre Algorithmen verlernen wir, selbst zu bestimmen, was uns interessiert. Das kann sehr bequem sein, aber eben massiv fremdbestimmt.

Und: es ist gefährlich. Schließlich zeigt sich immer deutlicher, dass die Mechanismen hinter sozialen Netzwerken wie Facebook und Twitter dazu führen, dass Hassrede und Falschmeldungen verstärkt werden. Angesichts der Facebook-Paper wurde auch klar, dass sich der Konzern darum eigentlich nicht schert, trotz anderslautender Beteuerungen. Im Gegenteil: Facebooks Fokus auf Wachstum führt dazu, dass Facebook nicht gut sein kann.


Eva Wolfangel ist Journalistin, Speakerin und Moderatorin. Sie schreibt über Themen wie künstliche Intelligenz, virtuelle Realität, Cybersecurity und soziale Medien. 2019/20 war sie als Knight Science Journalism Fellow am MIT in Boston.


Wie geht also ein besseres Facebook? Was könnte es sich von alternativen sozialen Netzwerken abschauen? Immer wieder gibt es Initiativen, "gute" soziale Netzwerke im gesellschaftlichen Sinne zu schaffen, die nicht polarisieren, keine Hassrede groß werden lassen und stattdessen eine gesunde Diskussionskultur ermöglichen.

Der US-Künstler Ben Grosser hat beispielsweise das Netzwerk "Minus" entwickelt, dessen Nutzerinnen und Nutzer nur insgesamt 100 Posts zur Verfügung haben. Die Idee ist also, sehr genau zu überlegen, was gepostet wird – denn mit jedem Post steht einer weniger zur Verfügung – "für das ganze Leben", wie Grosser betont. Lediglich antworten auf andere Beiträge darf man unbegrenzt. Zudem gibt es keine Likes oder Zahlen über Follower und ähnliches. Was gepostet wird, hängt also nicht von einer Vorstellung ab, wie andere darauf reagieren könnten. Minus belohnt also im Idealfall wohl durchdachte Posts, die eine Unterhaltung fördern. So habe menschliche Interaktion funktioniert, bevor es soziale Medien gab, erklärt Grosser. Man sei nicht auf Parties gegangen und habe sie am Ende wieder verlassen mit einer Liste von Zahlen, die aussagen, wie andere uns gesehen haben. "Wir mussten anderen zuhören, darüber nachdenken, was sie sagten und darauf reagieren, wenn uns danach war."

Ben Grosser hat außerdem eine Browser-Erweiterung entwickelt, den Facebook Demetricator, der alle Metriken auf Facebook entfernt, also Informationen darüber, wie viele Likes ein Beitrag hat, wie oft er geteilt wurde, wie viele darauf geantwortet haben. "Der Fokus liegt damit nicht mehr darauf, wie viele Freunde du hast oder wie sehr sie deinen Status mögen, sondern wer sie sind und was sie sagen", schreibt Grosser.

Wer Maßnahmen wie diese, die soziale Medien offenbar besser und gesünder machen, in einem ausprobieren will, kann es aber auch leichter haben – und ins "Fediverse" umsteigen. Dort verdient kein Konzern an unserer Kommunikation, dort laufen die entscheidenden Dinge anders. Wer wissen will, wie ein gesellschaftlich gesünderes Facebook aussehen könnte, kann hier beobachten, was sich verändert, wenn Algorithmen nicht in die Kommunikation eingreifen.

Was ist das Fediverse? Fediverse ist ein Kofferwort aus der englischen Bezeichnung "Federated Universe", also "föderiertes Universum", das aus der Bündelung alternativer sozialer Netzwerke besteht. Es ist eine eigene Welt aus vielen verschiedenen Angeboten, von denen das bekannteste sicherlich Mastodon ist, ein dezentrales soziales Netzwerk, das aus "Instanzen" besteht. Sie stellen – um im Universum-Bild zu bleiben – viele verschiedene kleine Heimatplaneten dar, auf denen sich Menschen ansammeln, die irgendetwas gemeinsam haben: Themengebiete oder Interessen. Für sie gibt es eine eigene, so genannte lokale Timeline, dort erscheinen alle Posts der eigenen Instanz. Dann gibt es die "föderierte Timeline". Dort erscheinen alle Posts aller Instanzen, mit denen die eigene Instanz föderiert, also zusammengeschlossen ist. Das sind in der Regel sehr viele, meist werden sie eher nach dem Ausschlussprinzip ausgesucht: keine Nazis etwa. Und es gibt die eigene Timeline – also alle Posts derer, denen man selbst folgt.

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Wer im Fediverse herumfragt, was denn dort besser ist, bekommt unisono zu hören: Keine Daten an Facebook, nette Kommunikation, es geht um Inhalt und die Frage "Wozu um Himmels willen möchte man eine algorithmische Timeline haben?". Sie ist der Hauptunterschied zu anderen sozialen Medien – und das verhindert gleichzeitig die Hauptprobleme dieser.

Ich erinnere mich noch daran, als Twitter seine Timeline von einer chronologischen auf eine durch Algorithmen sortierte umstellte. Ich habe damals viele Twitter-Listen angelegt, denn die sind weiterhin chronologisch. Auch heute noch nutze ich Twitter viel über Listen und interagiere weniger mit Beiträgen in der Timeline. Ähnlich auf Facebook. Doch das führt dazu, dass man den Algorithmus noch unmittelbarer "spürt": er wird geradezu aufdringlich. Sobald ich mit einem Beitrag interagiere, bekomme ich "mehr vom gleichen". Der Algorithmus klammert sich an jedes Like wie an einen Strohhalm.

Christian Pietsch, einer der Administratoren der Mastodon-Instanz digitalcourage.social sagt, er habe später als andere verstanden, wie schwerwiegend Twitters Abkehr von der chronologischen Timeline war. "Heute sehe ich darin eine inakzeptable Bevormundung der User durch Twitter. Ich möchte selbst entscheiden, was ich für relevant halte."

Neben der Bevormundung einer algorithmischen Timeline fällt aber noch etwas Zweites weg: Der teils recht raue Tonfall. Und auch der lässt sich zum Teil dadurch erklären, dass algorithmisch gesteuerte Kommunikation in den sozialen Medien Konflikte "belohnt", weil sie für mehr Traffic sorgen. "Der Umgang scheint mir hier [auf Mastodon] häufig freundlicher, besonders wenn es mal Meinungsverschiedenheiten gibt", erklärt Leah Oswald, Administratorin von chaos.social. Das liegt auch an der Moderation und daran, dass die einzelnen Instanzen selbst entscheiden, mit wem sie föderieren – oder vor allem auch nicht.

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Allerdings bleibt das Problem der Filterblase. Ganz Mastodon ist eine Filterblase, so fühlt es sich für mich zumindest an: Schließlich sind die meisten hier, weil sie die algorithmische Steuerung von Kommunikation ablehnen, weil sie ihre Daten nicht an Facebook und Co. verkaufen wollen und weil ihnen dezentrale Projekte am Herzen liegen. Würde das Konzept auch funktionieren, wenn die breite Masse hier eintreten würde? "Das funktioniert solange gut, wie sie sich dezentral verteilen und die Moderation noch gut möglich ist", vermutet Leah Oswald.

Zurück zur Einstiegsfrage: Was könnte Facebook tun, um besser zu werden? Die Antwort lautet ehrlicherweise: Es müsste sich selbst abschaffen. Das ist eigentlich nichts Neues. Aber wer sich die Alternativen zu Facebook anschaut, die etwas besser machen, sieht schnell: Das Facebook-Konzept an sich ist das Problem. Ohne algorithmische Steuerung müssen wir wieder selbst denken. Die News finden nicht mich – ich finde sie selbst. Das kann anstrengend sein, aber es tut gut. Uns selbst und der Gesellschaft.

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(jle)