Warum Google weiter für "Stalkerware" wirbt

Google hatte versprochen, Reklame für Spionageprogramme, die oft bei Gewalt in Beziehungen eine Rolle spielen, zu sperren. Doch sie sind noch da.

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Ein grüner Android steht vor dem Google-Hauptquartier (Glasgebäude Hintergrund)

(Bild: Daniel AJ Sokolov)

Von
  • Rhiannon Williams
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Sogenannte Stalkerware ist ein echter Albtraum: Dabei handelt es sich um Spionageprogramme, mit denen das Opfer über sein Smartphone vollständig überwacht werden kann. Erstaunlicherweise werden diese oft kriminellen Produkte offen bei Google beworben. In der Suchmaschine tauchen Anzeigen auf, in denen sich die Hersteller mit der darüber möglichen Echtzeit-Spionage bei Liebespartnern und Ehegatten brüsten – obwohl Google eigentlich längst ein Verbot von solcher Reklame erlassen hatte.

Nach Untersuchungen des auf mobile Sicherheit spezialisierten Unternehmens Certo Software, die von MIT Technology Review nachvollzogen wurden, werden bei Google-Suchanfragen, die sich auf die Überwachung von Partnern wie Ehefrauen oder Freundinnen beziehen, häufig Anzeigen für Software und Dienste angezeigt, die ausdrücklich das Ausspionieren anderer Personen anbieten.

Stalkerware, die auch unter dem Begriff Spyware bekannt ist (der allerdings auch für andere Spionageprogramm etwa von Regierungsorganisationen und kriminellen Banden steht), ist Software, die darauf ausgelegt ist, eine andere Person heimlich zu überwachen und ihren Standort, ihre Telefonanrufe, privaten Nachrichten, Suchanfragen im Web sowie deren Tastatureingaben zu verfolgen. Solche Anwendungen, von denen einige kostenlos, die meisten jedoch kostenpflichtig sind, laufen in der Regel unbemerkt im Hintergrund oder tarnen sich als harmlos wirkende Taschenrechner, Kalender oder Systemwartungsanwendungen.

Google hatte Anzeigen, die Stalkerware bewerben, im August 2020 eigentlich explizit verboten. "Die aktualisierte Richtlinie verbietet die Werbung für Produkte oder Dienstleistungen, die mit dem ausdrücklichen Ziel vermarktet werden, eine andere Person oder deren Aktivitäten ohne deren Erlaubnis zu verfolgen oder zu überwachen", schrieb das Unternehmen. Software, die zur Überwachung von Intimpartnern eingesetzt wird, fällt klar in diese Kategorie, obwohl Google nach wie vor Werbung für Privatdetektive und Produkte oder Dienstleistungen zur Überwachung (eigener) Kinder zulässt.

Die Unternehmen, die hinter Stalkerware-Diensten stehen, kaufen Anzeigen bei Google gegen Suchergebnisse wie "Spionage-App für Betrüger", "App zum Lesen von SMS der Ehefrau" und "App zum Lesen von Nachrichten der Freundin". Und die von MIT Technology Review gesichteten Anzeigen enthalten eindeutige Formulierungen wie "App, um die Textnachrichten des Ehepartners zu sehen", "Sehen Sie, mit wem Ihre Freundin schreibt" oder "Diese App ist, als hätten Sie ihr Gerät".

Auf ihren Websites geben sich Stalkerware-Firmen oft als Anbieter legaler Überwachungssoftware für besorgte Eltern aus. Certo nutzte daher ein Suchanalysetool namens Spyfu, um nach den Anzeigen zu suchen, die diese Unternehmen bei Google kaufen. Die Experten stellten fest, dass die Firmen Anzeigen zu Begriffen kauften, die sich auf das digitale Ausspionieren ihrer Partner beziehen. MIT Technology Review hat sich dafür entschieden, die Namen dieser Unternehmen explizit nicht zu nennen.

Google sieht das Problem nicht bei sich. "Wir erlauben keine Anzeigen, die Spyware zur Überwachung von Partnern bewerben", so eine Sprecherin. "Wir haben die fraglichen Anzeigen überprüft und entfernen diejenigen, die gegen unsere Richtlinien verstoßen." Nachdem der Konzern auf die Anzeigen aufmerksam gemacht wurde, hat Google zumindest einige, aber eben nicht alle Anzeigen aus seinen Suchergebnissen entfernt. So wurde zum Redaktionsschluss dieses Beitrags beispielsweise bei der Suche nach "read wife's texts app" ("App, um die SMS der Ehefrau zu lesen") immer noch Werbung für Stalkerware angezeigt.