Warum Schönheitsfilter ein Massenexperiment an Mädchen und jungen Frauen sind

Der am weitesten verbreitete Einsatz von Augmented Reality ist nicht in Spielen zu finden: Es sind die Gesichtsfilter in den sozialen Medien. Das hat Folgen.

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(Bild: Montage: Shutterstock/Cookie Studio; Shutterstock/New Africa; Technology Review)

Von
  • Tate Ryan-Mosley
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Veronica begann mit 14, ihre Selfies auf sozialen Medien mit Filtern zu bearbeiten. Jeder auf ihrer Schule hatte Spaß daran, damit herumzuspielen, erinnert sie sich: „Es war eine Art Witz. Es ging den Leuten nicht darum, gut auszusehen.“

„Uns schon“, sagt ihre jüngere Schwester Sophia, die damals in der fünften Klasse war. „Zwölfjährige Mädchen, die Zugang zu etwas haben, das sie nicht wie zwölf aussehen lässt? Das ist das Coolste überhaupt. Man fühlt sich so hübsch.“

Als Augmented-Reality-Gesichtsfilter zum ersten Mal auf den sozialen Plattformen auftauchten, waren sie ein Gimmick, eine Art virtuelles Verkleidungsspiel, um wie ein Tier auszusehen oder sich plötzlich einen Schnurrbart wachsen zu lassen. Heute jedoch wollen vor allem Mädchen im Teenageralter mit solchen Filtern ihr Aussehen verschönern, indem sie Gesicht und Körperteile schärfen, verschlanken oder neu einfärben. Veronica und Sophia nutzen beide begeistert Snapchat, Instagram und TikTok, wo auch Millionen anderer Menschen solche Filter nutzen. Sie erlauben ihnen, sich durch verschiedene Identitäten zu wischen.

Veronica, jetzt 19, scrollt zurück zu alten Bildern auf ihrem iPhone. „Oh ja ... Hier habe ich definitiv versucht, gut auszusehen“, sagt sie und zeigt mir eine Glamour-Version ihrer selbst – verführerisch, mit weit aufgerissenen Augen, leicht geöffneten Lippen und gebräunter Haut, die aussieht, wie mit dem Airbrush bearbeitet. „Das bin ich mit 14“, sagt sie. Das Bild scheint sie zu verstören. Trotzdem, erzählt Veronica, benutze sie fast jeden Tag Filter. „Wenn ich kein Make-up trage oder glaube, gerade nicht unbedingt am besten auszusehen, dann kann der Beauty-Filter bestimmte Dinge korrigieren.“

Solche Gesichtsfilter sind die wohl am weitesten verbreitete Anwendung von Augmented Reality (AR). Forscher verstehen ihre Auswirkungen noch nicht, aber sie glauben zu wissen, dass es echte Risiken gibt – und dass es vor allem junge Mädchen sind, die diesem Risiko ausgesetzt sind. Sie sind Versuchspersonen in einem Experiment, das zeigen soll, wie Technologie unsere Identität, unsere Selbstdarstellung und unsere Beziehungen beeinflusst. Und das alles ohne Aufsicht.

TR 5/2021

Bei Schönheitsfiltern erkennt die Software ein Gesicht und überlagert es mit einer unsichtbaren Schablone, die aus Dutzenden Punkten besteht und eine Art topografisches Netz bildet. Darauf kann ein ganzes Universum an fantastischen Grafiken gelegt werden – von einer anderen Augenfarbe bis hin zu aufgesetzten Teufelshörnern, je nachdem, welche Regeln die Schöpfer des Filters dafür festgelegt haben. Dank neuronaler Netze funktioniert das sogar in Echtzeit auf Videos. Jeremy Bailenson, Gründungsdirektor des Virtual Human Interaction Lab der Stanford University und Koryphäe in der Virtual-Reality-Forschung, hält das für eine Meisterleistung: „Es ist schwer, das technisch so hinzubekommen.“

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Diese Videofilter haben ihre Wurzeln in der japanischen Selfie- und „Kawaii“-Kultur, die von (typischerweise mädchenhafter) Niedlichkeit besessen ist. Mitte der 1990er wurden Selfies in Japan zum Massenphänomen, als sich Fotokabinen, in denen die Kunden ihre Selbstporträts verzieren konnten, zu einem festen Bestandteil von Spielhallen wurden. Der Aufstieg von MySpace und Facebook in den frühen 2000ern verbreitete Selfies dann weltweit. Mit Snapchat begann 2011 die nächste Stufe: Die App machte Selfies zum idealen Medium, um die eigenen Reaktionen, Gefühle und Stimmungen visuell zu kommunizieren. 2015 übernahm Snapchat das ukrainische Unternehmen „Looksery“ und veröffentlichte dessen „Lenses“-Funktion – sehr zur Freude von Veronicas Schul-Clique.

Facetune-Filter: Die kleinen Bilder zeigen das Originalfoto. Nach der Filterbehandlung sehen normale Teenager...

(Bild: Facetune)

Snapchat spricht von „200 Millionen täglich aktiver Nutzer“ von Lenses. Mehr als 90 Prozent der Jugendlichen in den USA, Frankreich und Großbritannien würden die AR-Produkte des Unternehmens nutzen. Und Facebook und Instagram melden, dass über 600 Millionen Menschen mindestens einen ihrer AR-Effekte verwendet haben. Fast ein Fünftel der Facebook-Mitarbeiter – etwa 10 000 Personen – arbeitet laut Bloomberg an AR- oder VR-Produkten. Die meisten Filter selbst werden allerdings von Drittanbietern erstellt. Schon im ersten Jahr haben mehr als 400 000 Ersteller insgesamt über 1,2 Millionen Effekte auf Facebook-Produkten veröffentlicht. Bis September 2020 hatten mehr als 150 Ersteller-Accounts jeweils den Meilenstein von einer Milliarde Views überschritten.

Für die Visagistin und Fotografin Caroline Rocha boten insbesondere Instagram-Filter in einem entscheidenden Moment ihres Lebens einen Rettungsanker. 2018 befand sie sich an einem persönlichen Tiefpunkt: Jemand, der ihr sehr am Herzen lag, war gestorben und dann erlitt sie noch einen Schlaganfall, der zur vorübergehenden Lähmung eines Beins und zur dauerhaften Lähmung einer Hand führte. Die Dinge wurden so unerträglich, dass sie einen Selbstmordversuch unternahm.

... aus wie Models auf dem Cover einer Fernsehzeitschrift – glatte Haut, strahlend weiße Zähne, perfekte Ausleuchtung.

(Bild: Facetune)

„Ich wollte einfach nur raus aus meiner Realität“, sagt sie. „Meine Realität war dunkel. Sie war tief. Ich verbrachte meine Tage zwischen vier Wänden.“ Die Filter fühlten sich wie ein Ausbruch an. Sie gaben ihr die Möglichkeit, „zu reisen, zu experimentieren, Make-up zu testen oder Schmuck anzuprobieren“, sagt sie. „Das öffnete ein großes Fenster für mich.“

Rocha hat Kunstgeschichte studiert und Instagram-Filter fühlten sich wie eine zutiefst menschliche und künstlerische Welt voller Möglichkeiten an. Sie freundete sich mit AR-Schöpfern an, deren Ästhetik sie ansprach. Sie besprach verschiedene Filter für eine wachsende Zahl von Followern und wurde dadurch zu einer „Filter-Influencerin“, obwohl sie diesen Begriff hasst.