Warum Twitter-Trends noch immer so schlecht sind

Der Kurznachrichtendienst schraubt zwar regelmäßig an seinen Algorithmen, doch die "Trends"-Funktion wird weiterhin regelmäßig missbraucht.

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(Bild: In Green/Shutterstock.com)

Von
  • Abby Ohlheiser

Die sogenannten Trends gibt es bei Twitter bereits seit Mitte 2008. Damals beschrieb der Mitbegründer des Kurznachrichtendienstes, Jack Dorsey, diese als eine "Weiterentwicklung der morgendlichen Mediendiät". Wo man früher durch das Lesen von Zeitungen oder journalistischer Online-Medien ein Gefühl dafür bekommen habe, was in der Welt wichtig war, schrieb Dorsey, erlaube ihm Trends nun, "auf einen Blick" zu sehen, "was die Welt in diesem Moment als wichtig erachtet, was mir wiederum den Weg weist, weiter zu forschen, was für mich wichtig ist".

Seit dem offiziellen Startschuss durch Dorsey haben sich die Twitter Trends zumindest oberflächlich verändert. Es gibt nach wie vor Ranglisten der national und weltweit wichtigen Themen, aber einige der angezeigten Themen sind auf die Interessen und Standorte der Nutzer zugeschnitten. Heutzutage hängt Twitter hier besonders repräsentative Tweets an oder fügt einigen Themen einen Kontext hinzu.

Was ist also im Moment für die Welt wichtig? Der Trend #ClimateScam am vorvergangenen Freitag führte die Nutzer zu einem reißenden Fluss aus Memes über den Klimawandel von jenen, die darauf bestehen, dass es sich dabei um einen Schwindel handelt. Anfang dieser Woche war "Sodom und Gomorrah" in den USA ein Trend, der dann auch noch von rechtsextremen Anti-LGBTQ-Verschwörungstheoretikern angeheizt wurde. Kurz darauf tauchte der Begriff "Satanic Panic" auf, zusammen mit dem Namen von Ashli Babbitt, einer Frau, die beim Sturm auf das US-Kapitol Anfang 2021 getötet wurde und inzwischen zum Mittelpunkt von Verschwörungstheorien rund um die Umstände ihres Todes geworden ist.

Neu ist es freilich nicht, dass algorithmisch bestimmte Listen dazu dienen können, Fake News und schlechte Stimmung zu verbreiten. Doch wie kann es sein, dass das Twitter-Trends-Problem auch im Jahr 2022 noch nicht gelöst ist?

Das Hauptargument von Twitter für die Darstellung seiner Trends hat sich seit Dorseys Blogbeitrag nicht wesentlich geändert. Es handelt sich um eine Funktion, so Twitter-Sprecherin Lindsay McCallum in einer E-Mail, die dazu dient, den Menschen zu zeigen, was in der Welt und auf Twitter zu einem bestimmten Zeitpunkt passiert. Wenn die Funktion am besten funktioniert, werden Trends zu so etwas wie Online-Events: Wenn hier etwa "Choco Taco" auftaucht, nachdem diese Eissorte in den USA eingestellt wurde, werden andere dazu aufgefordert, ihre eigenen Gedanken zu diesem vergleichsweise amüsanten Thema zu twittern.

Trends sind ein zentraler Bestandteil der Story, die Twitter über sich selbst erzählen möchte, sagt auch Shireen Mitchell, Technikanalystin und Gründerin von "Stop Online Violence Against Women". Die soll belegen, wie Twitter den öffentliche Diskurs erfasst und bedient. Aber manipulierte Trends – selbst harmloser Art – und zunehmender Extremismus auf Basis der Algorithmen untergraben das alles. "Twitter versucht immer wieder, den Anschein zu erwecken, dass die Trends irgendwie authentisch sind und heiße Themen anzeigt, für die sich die Menschen interessieren. Aber in den meisten Fällen handelt es sich um eine Spielerei", sagt sie.

Neben der Behauptung von Twitter, dass Trends eine wichtige öffentliche Funktion erfüllt, gibt es noch einen weiteren Grund, warum die Funktion bislang bestehen bleibt. Sie ist eine gute Einnahmequelle für die Plattform: Twitter begann 2010 mit dem Verkauf von Werbeflächen in den Trends. Derzeit verkauft Twitter so genannte Trend-Takeover-Spots und schaltet Anzeigen in den Suchergebnissen für Trendthemen, die eigentlich keine sind. Am 28. Juli zum Beispiel wurde ein gesponsertes Trendthema für einen neuen Christopher-Nolan-Film an der Spitze der US-Trendliste von Twitter und in der Spalte "Für Dich" der benutzerdefinierten Trends angezeigt.

"Ich glaube nicht, dass Twitter den tatsächlichen Nutzen für die User gegen den Nutzen für seine Gewinnabsicht abwägen", sagt Mitchell. Twitter lehnte eine Stellungnahme zum Werbeprogramm für Trends ab.

Es ist ja nicht so, dass Twitter nicht versucht hätte, seine Trends zu verbessern. Das Unternehmen führte Funktionen wie "Moments" ein, die es den Nutzern ermöglichten, Debatten in der App zu kuratierten Sammlungen zusammenzustellen. Besonders unangenehme Trends werden auf der Website manchmal manuell beseitigt. Und eine Kombination aus Algorithmen und Menschen wählt für einige Trends einen repräsentativen Tweet aus, um den Kontext hinzuzufügen. Im Jahr 2020, als die US-Wahlen näher rückten, beschränkte Twitter die Trendthemen, die auf den benutzerdefinierten Listen der Nutzer erschienen, auf solche mit diesem Kontext.

Und natürlich haben Trendthemen auch Stimmen marginalisierter Gruppen mehr Gehör verschafft und sind zu brauchbaren Instrumenten für den Aktivismus geworden. Es gab #MeToo und #BlackLivesMatter. Und in den letzten Jahren ist eine Form der "Gegenprogrammierung" entstanden: die Übernahme von rassistischen oder anderweitig schädlichen Trends durch die Community, um die Leute, die die üblen Ideen verbreiten, zu vertreiben. Twitter argumentiert, dass es klüger ist, an der Verbesserung von Trends zu arbeiten, als die Funktion ganz abzuschaffen – und betont die Rolle menschlicher Kuratoren bei der Schaffung von Kontext und der Nennung von Quellen, die mittlerweile teilweise angeführt werden.

Doch trotz wiederholter Versuche, das Schadenspotenzial der Trends-Funktion zu beseitigen, ist sie im Wesentlichen unverändert geblieben. Eine algorithmische Funktion, die die Themen des Tages auf Twitter widerspiegeln sollte, indem sie automatisch auf den schnellen Anstieg der Posting-Häufigkeit achtet, ist zu einer Möglichkeit geworden, Twitter-Diskussionen zu manipulieren und damit auch Medienberichterstattung zu generieren.

Einige Tage vor den US-Präsidentschaftswahlen 2016 wurde #SpiritCooking zum Trend und verstärkte Memes, die sich schließlich zur Pizzagate-Verschwörungstheorie entwickeln sollte. Trumps Präsidentschaft war selbst ein nicht enden wollender Kreislauf von Twitter-Trend-Übernahmen inklusive konzertierter Aktionen seiner Unterstützer. Der Hashtag #StopTheSteal, der am stärksten mit Trumps wiederholten Behauptungen über Wahlbetrug bei den Wahlen 2020 in Verbindung gebracht wird, verstärkte seine Bewegung. Es kam zum Sturm auf das US-Kapitol.

Inzwischen ist der Prozess, mit dem selbst kleine Gruppen Trends kapern können, gut dokumentiert. Forscher von Cornell University und MIT haben kürzlich eine koordinierte Kampagne dargestellt, die während der Parlamentswahlen 2019 in Indien auf Twitter ablief. Anhand von Chatprotokollen öffentlicher WhatsApp-Gruppen und Twitter-Daten fanden sie heraus, dass einige wenige Unterstützungsorganisatoren für eine rechtsgerichtete Partei in der Lage waren, Hunderte von Themen in ganz Indien in die Trends zu bringen, indem sie eine Flut von Beiträgen mit einer bestimmten Botschaft oder einem bestimmten Schlüsselwort koordinierten. Diese Trends wurden dann von echten Medien aufgegriffen.

Das Einzige, was sich in Bezug auf den Umgang mit den Trends wirklich geändert hat, so Mitchell, ist das Maß an Strategie, das erforderlich ist, um die Moderatoren von Twitter auszutricksen. Ein Beispiel: Die Anhänger von QAnon haben früher routinemäßig Trending-Themen auf Twitter gesetzt, um auf sich aufmerksam zu machen. Diese Hashtags enthielten manchmal den Namen der Bewegung oder eng damit verbundene Phrasen.

Im Jahr 2021 kündigte Twitter dann ein drastisches Vorgehen gegen Konten und Themen an, die mit QAnon in Verbindung standen. Der Hashtag #SaveTheChildren wurde Tage später zum Trend. Der Begriff, der im Allgemeinen mit Kampagnen zur Beendigung des Kinderhandels in Verbindung gebracht wird, wurde von QAnon-Konten und solchen, die der Verschwörungstheorie nahestehen, nach oben gebracht.

Twitter gab an, dass man sich der Bekämpfung des Missbrauchs seiner Plattform verschrieben habe und sich bewusst sei, dass es bei den Trends noch einiges zu tun gebe. Die Arbeit wird hoffentlich fortgesetzt. In der Zwischenzeit konnten sich Twitter-Nutzer in den USA vorletzten Donnerstag mit dem Morgenkaffee in der Hand vor die App setzen und sehen, dass einer der Top-10-Trends ein Link auf komplett unbegründeten Klatsch über ein Mitglied der britischen Königsfamilie war.

(bsc)