Warum die Generation Z auf Fake News im Netz hereinfällt

Junge Menschen bewerten die Wahrheit im Internet anders als die Generation vor ihnen. Das hat künftig Auswirkungen auf die Demokratie.

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Von
  • Jennifer Neda John

Eine Teenagerin richtet ihr Handy auf ihr Gesicht und blickt ernst in die Kamera. Eine Schrift blendet sich auf ihrem Kapuzenpulli ein mit einer bedrohlichen Warnung: Wenn Joe Biden zum Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt wird, werden fanatische Trump-Anhänger ("Trumpies") Massenmorde an LGBT-Personen und an Farbigen begehen. Eine zweite Bildunterschrift verkündet: "Das ist der 3. Weltkrieg in echt." Das Video wurde am 2. November 2020 auf dem Videoportal TikTok gepostet und mehr als 20.000 Mal geliked. In dieser Zeit verteilten Dutzende anderer junger Menschen ähnliche Warnungen in den sozialen Medien, und ihre Beiträge erhielten Hunderttausende Likes und Kommentare.

Natürlich waren die Behauptungen eindeutig falsch. Warum sind dann so viele Mitglieder der Generation Z – eine Bezeichnung für Menschen im Alter von etwa 9 bis 24 Jahren, die vermutlich digital versierter sind als ihre Vorgänger – auf solch eklatante Fehlinformationen hereingefallen?

Seit letztem Sommer arbeite ich als Forschungsassistentin am Stanford Internet Observatory und analysiere die Verbreitung von Online-Falschinformationen und Fake News. Dabei habe ich untersucht, wie solches Material über die Wahl 2020 und Covid-19-Impfstoffe viral ging – und herausgefunden, dass junge Menschen eher dazu neigen, solche Inhalte zu glauben und weiterzugeben, wenn sie sich mit der Person, die sie verbreitet hat, identifizieren können.

Wenn Teenager offline entscheiden, wessen Behauptungen sie vertrauen und wessen sie anzweifeln sollten, orientieren sie sich in aller Regel an ihrem sozialen Umfeld. Jahrelange gemeinsame Erfahrungen prägen die Entscheidung der Jungen, auf welche Familienmitglieder, Freunde und Klassenkameraden sie sich verlassen, wenn sie sich eine Meinung bilden und aktuelle Informationen bewerten. Das kollektive Wissen einer Gemeinschaft trägt offline mehr zur Beurteilung bei, welchen Aussagen man vertrauen kann, als die Person, die diese Behauptung aufstellt – selbst dann, wenn sich der Jugendliche mit der Person identifizieren kann.

Soziale Medien begünstigen jedoch, dass man eher einzelnen Persönlichkeiten vertraut. Dadurch gewinnen Influencer an Autorität. Allein, weil sie wie ihre Follower aussehen und sprechen, wird ihren Aussagen vertraut – auch bei Themen, für die sie keine Expertise haben. Laut einer Umfrage von Common Sense Media wenden sich 60 Prozent der Teenager auf YouTube eher Influencern zu als Nachrichtenorganisationen, um aktuelle Ereignisse zu verfolgen. So werden Behauptungen von Meinungsmachern oft als Fakten gewertet – während Fachexperten darum kämpfen müssen, gehört zu werden.

Das war einer der Hauptgründe, warum das Gerücht über drohende, massive Gewalt nach der Wahl viral ging. Die Personen, die solche Warnungen teilten, wirkten auf ihr Publikum sehr glaubwürdig. Viele von ihnen waren divers oder offen Teil der LGBT-Gemeinschaft, und ihre früheren Beiträge behandelten vertraute Themen wie Familienkonflikte oder Probleme beim Matheunterricht. So vermittelten sie ein Gefühl, ähnliche Erfahrungen wie ihre Follower gemacht zu haben, wodurch es leicht fiel, ihnen zu glauben – auch, wenn sie keine Beweise für ihre Behauptungen hatten.

Erschwerend kommt die Informationsflut in den sozialen Medien dazu. Sie führt dazu, dass man Informationen leichter vertraut und sie teilt. Das Wahlgerücht erschien zwischen Dutzenden anderer Beiträge in den TikTok-Feeds der Teenager, so dass sie wenig Zeit hatten, kritisch über jede Behauptung nachzudenken. Jeder kritische Beitrag, der das Gerücht widerlegen wollte, wurde in die Kommentare verschoben.

Da junge Menschen immer häufiger online an politischen Diskussionen teilnehmen, können wir davon ausgehen, dass diejenigen, die ihre Glaubwürdigkeit auf diese Weise kultiviert haben, de facto zu Anführern dieser Gemeinschaft werden. Sie ziehen Gleichgesinnte an und lenken die Konversation.

Einerseits können so Randgruppen gestärkt werden, aber es wächst auch die Gefahr, dass sich Fehlinformationen verbreiten. Menschen, die Gleichgesinnte suchen, sind anfällig für Gerüchte, wenn die genau auf das abzielen, was die Gruppe zusammenhält.

Welche Möglichkeiten gibt es, dem entgegenzusteuern? Social-Media-Plattformen könnten Algorithmen implementieren, die Beiträge mit größerer Meinungsvielfalt empfehlen, zum Beispiel, indem sie Diskurs über Clickbait stellen. Journalisten müssen akzeptieren, dass viele Leser ihre Nachrichten aus Social-Media-Beiträgen beziehen und sich dabei gerne mit dem Nachrichtenüberbringer identifizieren – und Informationen entsprechend präsentieren.

Politische Entscheidungsträger müssen Social-Media-Plattformen stärker reglementieren und Gesetze erlassen, um gegen Fake News vorzugehen. Und Lehrer können Schülern beibringen, wie man die Glaubwürdigkeit von Quellen und deren Behauptungen hinterfragt.

Es wird nicht einfach werden, die Dynamik des Online-Dialogs zu verändern. Aber die Gefahren, die durch Falschinformationen drohen – und die Hoffnung auf wieder bessere Diskurse – zwingen uns, es zu versuchen.

Jennifer Neda John erforscht Online-Fehlinformationen am Stanford Internet Observatory und ist selbst im zweiten Studienjahr in Humanbiologie an der Stanford University eingeschrieben.

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(bsc)