Warum die Labor-Theorie zum Ursprung von COVID-19 einen Nerv trifft

US-Intellektuelle sehen die Diskussion um den Ursprung des Coronavirus eingebettet in einen anti-asiatischen Rassismus in den USA.

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(Bild: Glsun GuiLin / Unsplash)

Von
  • Wolfgang Stieler

Der Wandel ist erstaunlich: Noch im Februar 2020 verurteilten führende Wissenschaftler in einem Brief an die angesehene Fachzeitschrift The Lancet die sogenannte Lab-Leak-Theorie als Verschwörungserzählung – wesentlich gepusht von einer außer Kontrolle geratenen Trump-Regierung. Kaum ein Jahr später veröffentlichte "Science" dann einen Brief, in dem 19 US-Forscher, darunter renommierte Experten, forderten, die Theorie, nach der COVID-19 aus einem Labor in Wuhan entwichen ist, "ernsthaft zu prüfen". Nur wenig später verkündete US-Präsident Joe Biden, er habe den Geheimdienst angewiesen, den Ursprung des Virus erneut zu untersuchen – und die Anstrengungen zu verdoppeln.

Unter der Unterzeichnern des "Science"-Briefes ist auch Alina Chan, die einen wesentlichen Anteil daran hatte, dass sich die Stimmung bezüglich der Labor-Theorie in den USA wesentlich gedreht hat. Chan schreibt selbstironisch auf Twitter, sie sei kein "Spion mit Beziehungen zu den Superreichen" sondern "nur ein Postdoc, der möchte, dass die Lab-Leak-Hypothese vernünftig untersucht wird". Dass eine einzelne Twitter-Aktivistin solch einen Einfluss entwickeln kann, ist jedoch eher unwahrscheinlich.

Vielmehr passt die Wiederaufnahme der Untersuchung hervorragend in ein politisches Klima, das von anhaltenden wirtschaftlichen und politischen Spannungen zwischen den beiden Blöcken geprägt ist: Während die US-Regierung mit Milliardensummen und einer verstärkten Zusammenarbeit mit Europa China technologisch übertrumpfen will, droht die chinesische Regierung mit Strafen für Unternehmen, die sich an ausländischen Sanktionen gegen China beteiligen.

Doch US-Intellektuelle mit asiatischen Wurzeln gehen weiter: Sie sehen die Diskussion um den Ursprung von COVID-19 eingebettet in einen anti-asiatischen Rassismus in den USA. Die Aktivistin Lily Zheng verweist auf dessen lange Geschichte: Beginnend mit chinesischen Arbeitern, die für Billiglöhne das US-Eisenbahnsystem mit aufbauten bis zu den Internierungen von über 100.000 Migranten aus Japan in Lagern während des zweiten Weltkriegs.

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Der Historiker und Politologe Chi Wang von der Georgetown University beklagt in einem Gastkommentar für das internationale Nachrichtenmagazin "The Diplomat" den Generalverdacht, dem viele Migranten aus Asien – insbesondere aus China – ausgesetzt sind: "Wenn die US-Regierung mich ansieht, was sieht sie dann? Sieht sie mich? Oder sieht sie einen imaginären Spion?", schreibt Wang. "Ich bin seit 70 Jahren Amerikaner. Ist das nicht genug?"

Die Gruppe Critical China Scholars äußert "schwere Bedenken" gegen die "politisierte Wiederaufnahme" der Untersuchung zur Lab-Leak-Theorie. "Das einzig wahrscheinliche Ergebnis ist die weitere Verschlechterung der Beziehungen zwischen den USA und der Volksrepublik China, was die ohnehin schon hohe Sinophobie und den Anti-Asiatismus in den Vereinigten Staaten und darüber hinaus weiter anheizt", schreibt die Gruppe auf ihrer Internetseite.

Ein Effekt, der bereits jetzt messbar ist. Fatemeh Tahmasbi von der Binghamton University gemeinsam mit Kollegen vom CISPA Helmholtz Center for Information Security, der Boston University und dem Max Planck Institut für Informatik eine Untersuchung über die Verbreitung "sinophober", also chinafeindlicher, Einstellungen auf Twitter und im Imageboard 4chan nach dem Ausbruch von COVID-19 veröffentlicht.

Das Ergebnis ist wenig überraschend: "Unsere Ergebnisse zeigen, dass COVID-19 in der Tat mit einem Anstieg von sinophobem Inhalt sowohl in Randgruppenforen wie "/pol/" auf 4chan als auch in Mainstream-Communities wie Twitter", schreiben die Forscher. "Auf Twitter beobachten wir eine Verschiebung hin zur Beschuldigung Chinas für die Situation, während wir auf "/pol/" eine eine Verschiebung hin zu mehr (und neuen) sinophoben Begriffen sehen."

Doch die Entwicklung hatte sich bereits vor Corona deutlich verschärft, denn 2018 warnte FBI-Direktor Christopher A. Wray in einer Anhörung vor dem US-Senat vor der massenhaften Spionagetätigkeit von "nicht traditionellen Informationssammlern, speziell im akademischen Umfeld", die in großen oder kleinen Städten und in allen Disziplinen wissenschaftliche Ergebnisse an chinesische Institutionen weitergeben und unrechtmäßig Gelder zur Forschungsförderung kassieren. Laut Wray eine Bedrohung "für die gesamte Gesellschaft" auf die auch die "gesamte Gesellschaft reagieren" müsse.

Die Anhörung bildete den Startschuss für die so genannte China-Initiative des US-Justizministeriums, mit der solche Spionagefälle aufgedeckt werden sollten. Mittlerweile steht die Initiative allerdings selbst unter Druck, denn die Bilanz ist nicht sonderlich überzeugend: Nach einer Analyse der gemeinnützigen Organisation Asian Americans Advancing Justice (AAJC) ging es in 48 Prozent der untersuchten Fälle letztendlich weder um den Vorwurf der Wirtschaftsspionage, des Handelsdiebstahls noch und spionagebezogener Straftaten.

Nur eine Handvoll Fälle landeten tatsächlich vor Gericht. Eine wachsende Zahl von führenden US-Universitäten plädiert deshalb für interne Untersuchungen der Forschungszusammenarbeit mit China, klare Regeln und Schulungen für Forschende.

Einer der prominentesten Wissenschaftler, der ins Visier der China-Initiative geraten ist, ist der Chemiker und Nanowissenschaftler Charles Lieber von der Harvard University. Ihm wird vorgeworfen, seine Zusammenarbeit mit der Wuhan University of Technology verschleiert und Forschungsgelder veruntreut zu haben. Juristisch geht Lieber nun allerdings in die Offensive: Er verklagt seinerseits die Harvard University, weil sie ihn entlassen hat, statt ihn juristisch zu unterstützen.

(wst)