Warum künstliche Wolken Korallenriffe retten könnten

Zu viel Sonne ist für das angeschlagene Great Barrier Reef gar nicht gut. Australische Forscher wollen nun das Wetter verändern, um etwas dagegen zu tun.

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Selbstgemachte Wolken in Down Under.

(Bild: Brendan Kelaher / Southern Cross University)

Von
  • Ben Schwan

Der Klimawandel sorgt dafür, dass sowieso schon vorgeschädigte Korallenriffe mehr und mehr absterben. Besonders betroffen ist das Great Barrier Reef in Australien vor der Provinz Queensland, das größte zusammenhängende Korallenriff der Welt, wo sich der Korallenbesatz in 20 Jahren ungefähr halbiert haben soll. Die sogenannte Korallenbleiche wird durch die Temperaturerhöhung des Meeres befördert – die Korallen bleichen wortwörtlich aus, verlieren ihre Farbe und ihre Funktion als Lebensraum.

Mit verschiedenen neuartigen Techniken versuchen Forscher nun, die Auswirkungen der Erderwärmung auf dieses komplexe Ökosystem zu verringern. Dabei kommt erstmals auch das sogenannte Geoengineering zum Einsatz, das nicht unumstritten ist. Dabei wird mit verschiedenen technischen Verfahren versucht, die sich beschleunigenden problematischen geochemischen Feedbackschleifen zu bremsen, die der Klimawandel befördert.

Ein Team der Southern Cross University (SCU) im australischen Coffs Harbour versucht, von umgebauten Fähren aus künstliche Wolken zu erzeugen, die die vorhandenen Wolken verdichten. So soll die starke Sonneneinstrahlung auf die Korallen reduziert werden. Die Boote ankern 100 Kilometer von der Küste entfernt und nutzen trichterförmige Turbinen, mit denen Seewasser angesaugt und dann in Form von Tröpfchen in die Luft geblasen wird.

Southern Cross University

Wie das Journal Nature berichtet, driften die von den "Nebelmaschinen" erzeugten Miniwolken zunächst über der Meeresoberfläche, bevor sie tatsächlich fahnenförmig in den Himmel aufsteigen und so (etwas) mehr Schatten für die Korallen liefern. Um zu überwachen, ob das funktioniert, werden die künstlichen Wolken mit Sensoren, Drohnen und einem zweiten, entfernt liegenden Boot überwacht.

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Die "Nebelmaschine" der Forscher verfügt über 320 Zerstäubungseinheiten, die aus dem Meerwasser nanogroße Tröpfchen erzeugt. Die ersten Experimente waren zwar nicht groß genug, um die Wolkenbildung tatsächlich signifikant zu verändern. Doch Computermodelle, die Nature vorliegen, sollen zeigen, dass die Idee grundsätzlich funktioniert. Man sei "sehr zuversichtlich, dass wir die Partikel hoch in die Wolken kriegen", so der Meeresforscher und Studienleiter Daniel Harrison. Aktuell wisse man allerdings noch nicht, wie die vorhandenen Wolken darauf reagierten.

Southern Cross University

Im Labor wurden diese und andere Verfahren bereits erprobt. Allerdings ist die Umsetzung in freier Natur stets von Kontroversen umgeben. Zuletzt war etwa ein Projekt in Schweden gescheitert, bei dem mithilfe von Ballons und dem Ausstoß von Partikeln die auf die Erde auftreffende Sonnenenergie reduziert werden sollte. Bei dem von der Harvard University betreuten Projekt gelang es nicht einmal, Probeballons aufsteigen zu lassen, weil die Bürgerbeteiligung versagte.

Das Projekt der SCU ist der erste Feldversuch des sogenannten Cloud Brightening. Geoengineering wird als eine der letzten Methoden gesehen, gegen einen nicht mehr aufzuhaltenden Klimawandel anzukämpfen, hat aber selbst möglicherweise unabsehbare Folgen. Die SCU-Gruppe wurde von anderen Wissenschaftlern kritisiert, weil sie bislang zu dem Vorhaben kaum publiziert hat. Zwar sind die verwendeten Materialien harmlos – so werden nur aus dem Meerwasser Wolken "gewonnen" und keine weiteren chemischen Stoffe oder Partikel verwendet. Dennoch könnte es zu unvorhergesehenen Auswirkungen kommen.

Cedric Robillot vom Reef Restoration and Adaptation Program, das die australische Regierung finanziert, meinte gegenüber Nature, man müsse die Technik "von allen Winkeln aus betrachten". Das gelte für Grundlagenforschung ebenso wie für die technische Umsetzung. "Es reicht nicht, zu beweisen, dass man es kann. Man muss es auch erklären können." Das SCU-Projekt läuft seit März 2020. Damals gab es nur einen kleinen Proof-of-Concept-Test mit geringem Budget. (bsc)