Warum kurze Unterbrechungen dem Gehirn beim Lernen helfen

Eine neue US-Studie zeigt auf, dass es sehr darauf ankommt, wie wir neue Fähigkeiten erwerben. Die Qualität steigt, wenn sich der Lernende weniger stresst.

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(Bild: Green Chameleon / Unsplash)

Von
  • Ben Schwan

Nicht erst seit Corona müssen mehr und mehr Menschen multitasken. Büromenschen springen von der Tabellenkalkulation ins Textprogramm und dann in den Browser, wichtige KPIs abfragen, haben zwischendurch eine einstündige Videokonferenz – und die vielen Mails und Chats lenken regelmäßig davon ab, sich wirklich tief in ein einzelnes Stück Arbeit zu versenken. Ist man im Heimbüro, kommt womöglich auch noch der Nachwuchs hinzu, der "deep work" scheinbar gänzlich unmöglich macht.

Doch sind Unterbrechungen bei der Arbeit wirklich so problematisch, wie wir sie erleben? Eine neue Studie der amerikanischen National Institutes of Health (NIH) legt nun nahe: Es kommt ganz darauf an, wie diese organisiert sind. Wie sich zeigt, gilt dies insbesondere dabei, wenn wir eine neue Fähigkeit beherrschen wollen, die mit Praxis verbunden ist. "Alle denken immer, man muss "üben, üben, üben", wenn man etwas Neues lernt. Stattdessen fanden wir heraus, dass das Ausruhen, und zwar früh und häufig, mindestens genauso lernkritisch ist", so Leonardo G. Cohen, Arzt und Hirnspezialist am National Institute of Neurological Disorders and Stroke in Bethesda, Maryland.

Die Studie, die von Cohen übersehen und von der Postdoktorandin Marlene Bönstrup aus Deutschland durchgeführt wurde, zeigt, dass es nicht genügt, während eines Lernprozesses ausreichend Schlaf zu bekommen, damit über Nacht im Gehirn die notwendigen Speicherprozesse ablaufen können. Stattdessen helfen auch Pausen während des eigentlichen Lernvorgangs selbst, was sich mittels Gehirnscans über die Magnetoenzephalographie (MEG) am lebenden Objekt zeigen ließ.

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Im Versuch wurden den Probanden eine Reihe von Zahlen auf einem Bildschirm gezeigt, die diese anschließend so oft wie möglich mit ihrer linken Hand eintippen mussten – dabei waren alle Versuchspersonen Rechtshänder. Bei dieser Arbeit kam es stets zu 10 Sekunden Tippen und 10 Sekunden Pause – insgesamt 36 Mal. Mit zunehmender Zykluszahl verbesserte sich die Korrektheit der eingetippte Zahlen.

Spannend daran: Die Gehirnwellendarstellung aus dem MEG zeigten, dass sich die Ruhephasen deutlich von den Tippphasen abhoben. Bönstrup wollte herausfinden, wann das Lernen tatsächlich stattfand – in den Pausen oder in der Praxis. Wie eine Datenanalyse zeigte, war dies tatsächlich während der kurzen Ruhephasen der Fall. Offenbar erfolgte die Konsolidierung und Verfestigung der Fingerfertigkeit in den Pausen. Eine weitere Untersuchung ergab, dass in diesen Phasen die Bereiche des Gehirns angesprochen wurden, die der Bewegungsplanung dienen.

Bönstrup und ihr Chef Cohen glauben, dass es sehr darauf ankommt, wie man Übungs- und Pausenintervalle koordiniert, um den Lerneffekt zu optimieren. Das gilt nicht nur für gesunde Menschen, die etwa das Klavierspielen üben wollen. Auch in der Rehabilitation von Schlaganfallpatienten könnte man solche Muster nutzen, um das Wiedererlernen auch einfacher Fähigkeiten zu vereinfachen. Als Nächstes wollen die Forscher herausfinden, wie ein optimales Verhältnis aus Übung und Pausen aussieht.

(bsc)