Warum nicht nur der Westen Corona-Impfstoffe braucht, sondern die ganze Welt

In den Industrienationen kommen die Impfprogramme gegen Covid-19 voran. Doch das wird wenig nützen, wenn sie nicht schnell genug auch an ärmere Länder denken.

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(Bild: kckate16 / Shutterstock.com)

Von
  • Katharine Gammon

Isabel Rodriguez-Barraquer arbeitet zurzeit von Kolumbien aus. Aus weiter Entfernung beobachtet die Epidemiologin, wie ihre Kollegen an der University of California in San Francisco als Labor-Mitarbeitende nach und nach Impfstoffe gegen das Coronavirus bekommen.

An ihrem aktuellen Aufenthaltsort sieht es damit ganz anders aus. In Kolumbien gibt es einen massiven Ausbruch von Covid-19, und das Land wartet noch auf die ersten Impf-Dosen: 50.000 Stück von Pfizer und AstraZeneca sollen im Februar kommen und einige 100.000 weitere im März. Mit direkten Vereinbarungen mit Herstellern wie Sinovac aus China und über internationale Partnerschaften arbeitet Kolumbien daran, mehr zu bekommen. Aber Rodriguez-Barraquer fürchtet, dass es zu spät sein könnte.

Die Impfprogramme gegen das Coronavirus in reichen Ländern sind mittlerweile voll im Gang. Fast ein Viertel der britischen Bevölkerung hat inzwischen die erste Dosis bekommen. In den USA geht es nicht ganz so schnell voran, doch auch hier gab es Mitte Februar schon mehr als 35 Millionen Menschen mit mindestens der ersten Impfung.

In ärmeren Ländern weltweit dagegen könnte es noch eine Weile anders aussehen. Viele der ärmsten Menschen der Welt warten noch. Nicht vor 2023 könnten rund 85 Entwicklungsländer durchgeimpft sein, schätzt die Economist Intelligence Unit. Im Januar warnte die Weltgesundheitsorganisation (WHO), das westafrikanische Land Guinea sei das einzige mit niedrigem Einkommen auf dem ganzen Kontinent, in dem Impfungen schon begonnen hätten – mit 25 Personen (laut AP sämtlich hohe Regierungsmitglieder) bei einer Gesamtbevölkerung von fast 13 Millionen.

"Eines des großen Probleme besteht darin, dass es noch keine globale Koordinierung gibt“, sagt Chris Dickey von der Global Health School der New York University. Rodriguez-Barraquer schließt sich an: „Die Belastungen durch Krankheit und Tote könnten mit mehr globaler Koordination bei der Impfstoff-Versorgung verhindert werden“, sagt sie.

Das Ungleichgewicht wird nicht nur zu mehr Todesfällen führen. Es wird auch eine Welle von wirtschaftlichen, gesellschaftlichen und gesundheitlichen Effekten zur Folge haben – nicht nur in den direkt betroffenen Ländern, sondern auf der ganzen Welt.

Die Versorgung von ärmeren Ländern ist vor allem deshalb schlecht, weil die verfügbaren Impfstoffe größtenteils von reicheren Ländern in Nordamerika und Europa gekauft oder ihnen versprochen wurden. Um diese Ungleichheit anzugehen, hat eine Koalition aus internationalen Organisationen einschließlich WHO und Regierungen im April 2020 die Initiative Covax gegründet.

Die Idee dahinter war, eine globale Versorgung mit Impfstoffen für 92 Länder mit niedrigem und mittlerem Einkommen zu erreichen. Im Dezember 2020 gab Covax bekannt, durch Spenden und Zusagen mancher Hersteller für 2021 rund 2 Milliarden Dosen gesichert zu haben. Doch wie viele davon in diesem Jahr tatsächlich geliefert werden, ist offen. Das Problem wird dadurch noch komplizierter, dass manche Länder sowohl mit Covax zusammenarbeiten als auch versuchen, selbst Vereinbarungen mit Herstellern abzuschließen.

Ziel der Gruppe ist, rund 20 Prozent der Weltbevölkerung zu impfen. Der Schwerpunkt soll auf schwierig zu erreichenden Menschen in Afrika, Lateinamerika und Asien liegen. Dazu braucht Covax zusätzlich zu den schon vorhandenen 2,1 Milliarden Dollar weitere 4,9 Milliarden Dollar. Aber das ist nicht das einzige Problem. Die billigeren und leichter zu transportierenden Impfstoffe wie der von AstraZeneca werden langsamer zugelassen. Andere Unternehmen scheinen unterdessen weniger Interesse zu haben, sich zu beteiligen: Nur zwei Prozent des globalen Volumens von Pfizer wurden Covax zugeteilt, hat Ärzte ohne Grenzen festgestellt, und Moderna ist noch „in Gesprächen“ mit der Organisation.

„Covax ist ein entscheidender Ausgangspunkt, der – ohne Unterstützung durch US-Präsident Biden – nur geringe Chancen hatte. Inzwischen sieht es besser aus, doch ohne Geld und Impfstoffe könnte das Programm immer noch scheitern“, sagt Barry Bloom, Gesundheitsforscher an der T.H. Chan School of Public Health der Harvard University. Der neue US-Präsident hat seine Regierung Ende Januar offiziell angewiesen, sich Covax anzuschließen.

Bei einem Erfolg hätte das internationale Programm viele Vorteile. Es schafft einen Fairness-Mechanismus, der nicht nach der kolonialen Mentalität des Gebens und Nehmens gestaltet ist, sagt Bloom. Außerdem nimmt er einzelnen reichen Ländern die Aufgabe ab, selbst zu entscheiden, welche anderen welchen Anteil an Impfstoffen bekommen. „Auf diese Weise kann man sagen, jemand anders kümmert sich darum, einschließlich der Lieferzeiten“, sagt Bloom.

Die Motivation dafür, Impfstoffe schneller in ärmere Länder zu bekommen, ist nicht uneigennützig: Jegliche Verzögerungen werden von der Evolution bestraft. Inzwischen gibt es mehrere beunruhigende Mutationen von SARS-CoV-2, und weitere werden kommen. Wenn Länder mit großen Bevölkerungen jahrelang nicht geimpft werden, mutiert das Virus weiter – möglicherweise so weit, dass die ersten verfügbaren Impfstoffe ihre Wirkung verlieren. Das wäre schlecht für alle. Doch arme Länder, die auch auf neuere Impfungen weniger Zugriff hätten, wären erneut am stärksten betroffen.

Judd Walson, Forscher im Bereich globale Gesundheit an der University of Washington, macht sich mehr Sorgen über die indirekten Folgen der Pandemie in Entwicklungsländern; in vielen davon gehört sie nicht einmal zu den 20 wichtigsten Todesursachen. Gesundheitssysteme haben viel Personal und Ressourcen für die Pandemie abgestellt, mit Quarantäne-Zentren, Kontrollen und anderen Maßnahmen. Außerdem wurden Spender und Ministerien von Diarrhöe, Malaria und anderen tödlichen Krankheiten abgelenkt.

Als Folge davon leiden diese anderen Programme. Die Immunisierungsquoten gegen Masern, Diphtherie, Tetanus oder Keuchhusten sinken. Denn es mangelt an Impfstoffen und Personal, und viele Menschen haben in der aktuellen Lage Angst davor, sich in Gesundheitszentren zu begeben. „All die anderen Todesursachen werden vernachlässigt“, sagt Walson. Die Regierungen würden ihren Bevölkerungen keinen Corona-Impfstoff verschaffen, aber auch nicht zu ihren Prioritäten von vor der Pandemie zurückkehren.

In einer stark vernetzten Welt können sich Virus-Mutanten schnell ausbreiten – ebenso wie wirtschaftliche Instabilität. Das ist eine der Erkenntnisse in einem aktuellen Fachaufsatz des gemeinnützigen National Bureau of Economic Research in den USA. Zusammen mit Kollegen hat Sebnem Kalemli-Özcan, Ökonom an der University of Maryland, darin analysiert, welche Auswirkungen Verzögerungen bei der globalen Impfstoff-Verteilung auf die Bevölkerung von Ländern hat, in denen bereits geimpft wurde.

Dabei zeigte sich: Wenn ärmere Länder auf Impfungen warten müssen, würde das einen wirtschaftlichen Verlust von rund 9 Billionen Dollar in diesem Jahr bedeuten; fast die Hälfte davon würde in Form von weniger Handel und gebrochenen Lieferketten auf wohlhabende Länder entfallen (laut einer ähnlichen Studie der Rand Corporation könnte eine ungleiche Verteilung von Covid-19-Impfstoffen die Weltwirtschaft bis zu 1,2 Billionen Dollar pro Jahr kosten). Eine gerechte Verteilung liegt also im Interesse der Industrienationen selbst, sagt Kalamli-Özcan.

Wenn die Mehrheit der Bevölkerung in reicheren Ländern geimpft ist, mögen Restaurants und Fitness-Studios dort wieder öffnen können. Doch es gibt viele Sektoren der Wirtschaft, die in Schwellenländern einkaufen, etwa Einzelhandel, die Auto-Branche, Textil oder Bau. Sie alle wären von Problemen betroffen. Und Entwicklungsländer sind häufig auch Kunden. „Wenn es den USA und Europa besser geht und sie Waren verkaufen wollen, werden die anderen Länder sie nicht kaufen, wenn sie noch krank sind“, sagt Kalamli-Özcan. „Keine Volkswirtschaft ist eine Insel, und keine erholt sich, bis das auch alle anderen tun.“

Globalisierung mag die Pandemie begünstigt haben, doch gleichzeitig ist sie die einzige Lösung dafür, argumentiert der Forscher. Reiche Länder könnten wirtschaftliche Probleme nicht verhindern, indem sie Impfstoffe horten. Stattdessen müssten sie in Initiativen investieren, die für bessere Versorgung und Verteilung sorgen. Kanada zum Beispiel hat fünfmal so viele Impf-Dosen bestellt, wie für die eigene Bevölkerung gebraucht werden. Das Land denkt darüber nach, den Rest an Covax zu spenden, aber es ist noch nicht klar, wie das organisiert wird.

Die Studie ging davon aus, dass wohlhabende Länder in diesem Jahr geimpft sein werden und andere erst 2022. Doch wenn sich die zeitliche Lücke auf mehrere Jahre ausweitet, wären die wirtschaftlichen Folgen noch viel gravierender.

Das Horten von Impfstoffen, auch als Impf-Nationalismus bezeichnet, würde wahrscheinlich politisch wie wirtschaftlich nach hinten losgehen. Menschen rund um die Welt beobachten genau, wann Impfungen verfügbar werden.

Und dabei ist von großer Bedeutung, wie sich das auf die Wahrnehmung der USA in der Welt auswirkt, sagt Walson: „Impf-Nationalismus würde sehr deutlich das Gefühl verstärken, dass wir nur an uns selbst denken. Und das würde das Feuer gegen den Westen, das bei manchen ohnehin schon lodert, nur weiter anheizen.“ Ungleichheiten hinzunehmen, würde seiner Ansicht nach lang anhaltende Konsequenzen haben.

Genügend Geld für Covax ist die unmittelbarste Lösung. Außerdem gäbe es Möglichkeiten, Impf-Technologien zu lizenzieren oder geistige Eigentumsrechte zu lockern. Dann könnten Entwicklungsländer Kapazitäten für eine eigene Impfstoff-Produktion aufbauen oder zumindest die letzten Schritte darin, bekannt als „finish and fill“, selbst übernehmen.

"Ich wüsste nicht, warum Südafrika und Kenia keine Impfstoffe produzieren könnten oder warum Äthiopien und Botswana nicht selbst die Abfüllung übernehmen könnten“, sagt Bloom. Zu Beginn der Pandemie habe es in Afrika nur zwei Länder gegeben, die Tests auf Covid-19 vornehmen konnten – und nach einem Monat waren es schon elf. Afrikanische Länder haben sich sogar zusammengetan, um ein Zentrum für Seuchenkontrolle für den gesamten Kontinent zu schaffen. Darin tauschten sie Informationen und Best Practices zu Covid-19 aus, wie es nicht einmal unter allen 50 US-Bundesstaaten der Fall ist.

Aber Zeit ist ein entscheidender Faktor. Bei der aktuellen Übertragungsrate dürften 50 Prozent von Kolumbien infiziert sein, bevor dort Massenimpfungen beginnen. Bei Rodriguez-Barraquer löst das Sorgen um das Land aus, in dem sie aufgewachsen ist: „Ich befürchte, dass zu wenig und zu spät geschieht, und dass die Epidemie einfach ihren Lauf nimmt“, sagt sie.

(sma)