Was Sonys Elektroauto für die Autoindustrie bedeutet

Während Apple noch zögert, drängt Sony auf einen Einstieg ins Kfz-Geschäft. Konzernchef Yoshida will die Mobilitätswelt revolutionieren – und setzt vier Trends.

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Sonys neuer SUV-Prototyp Vision-S 02 (links), daneben die Limousine Vision-S 01.

(Bild: Sony)

Von
  • Martin Kölling

Von der Spielekonsole ans reale Lenkrad – Sony könnte Videogamern bald die Möglichkeit zu einem realweltlichen Upgrade virtueller Motorsport-Erfahrung bieten. Auf der amerikanischen Technikmesse CES stellte der japanische Elektronik- und Unterhaltungskonzern nicht nur seinen zweiten Autoprototypen vor, einen SUV namens Vision-S02. Konzernchef Yoshida kündigte auch die Gründung der Sparte Sony Mobility an, deren vornehmste Aufgabe es ist, Sonys Einstieg in die Elektroauto-Industrie zu prüfen.

Yoshida zeigte auf der CES den Ehrgeiz, tatsächlich die Autowelt umwälzen zu wollen. Mit seiner Elektroauto-Offensive zeigte er gleichzeitig vier Trends, die das Auto in eine unterhaltungselektronische Massenware verwandeln könnten: das Auto als Unterhaltungsraum, sanftes Fahrverhalten, Abo-Modelle und eine Flut fabrikloser Automarken.

Yoshida will den Wert des Autos von "Mobilität" auf "Unterhaltung" verändern, gab der Konzernchef offen zu Protokoll. Anders gesagt, das Fahrzeug soll ein Raum für Unterhaltung werden, vollvernetzte Videospiele sowie Filme und Musik inklusive.

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In dieser möglichen Revolution sieht sich Sony als Pionier, da der Konzern über einen Großteil der notwendigen Hardware, Software und Inhalte im eigenen Hause verfügt. Sony besitzt als Smartphonehersteller nicht nur Erfahrung in mobiler Netzwerktechnik, sondern über seinen Dienst Playstation plus bereits eine Online-Plattform, über seine Film- und Musikstudios einen breiten Katalog an Content und mit seiner Unterhaltungselektronik Musik- und TV-Systeme.

Mit dem Schwerpunkt auf Unterhaltung wachsen zum einen die Anforderungen an die Fahrassistenzfunktionen. So sollten aus Sonys Sicht Autos wenigstens auf der Autobahn in den meisten Situationen selbstständig fahren können (Level 3). Sonys Modell ist noch nicht ganz an diesem Punkt, es bietet bisher nur autonomes Fahren auf der Stufe 2 plus.

Aber je weniger sich der Fahrer am Lenkrad festklammern muss und je größer Entertainment geschrieben wird, desto weniger relevant wird der Spaß an sportlicher Fahrweise. Sony will daher ein Auto entwickeln, das eine Fahrweise etabliert, die Filme und Videospiele ungestört konsumieren lässt.

Der neue Fokus auf Software in der Automobilindustrie geht dabei Hand in Hand mit dem Trend, die Nutzung von Diensten und Software nicht zu verkaufen, sondern über Abos einen stetigen Strom an Einnahmen aufzubauen. Sony setzt bei der Playstation und seinem Roboterhund Aibo bereits auf dieses Konzept und überlegt nun, seine Erfahrungen in Cloud-Technik, Content-Vertrieb und Kundenbindung auch auf Autos auszudehnen.

Das Ziel ist dabei laut Sony-Managern ein Auto, das über fünf bis zehn Jahre über Software-Updates weiterentwickelt werden kann. Neu ist die Abo-Idee dabei nicht. Der amerikanische Elektroautohersteller Tesla bietet bereits Fahrassistenzfunktionen zur Miete an, andere traditionelle Autohersteller sogar für Hardware, sprich Autos.

Der japanische Autohersteller Toyota geht sogar noch einen Schritt weiter und macht die Hardware updatebar. So können bei ersten Modellen beispielsweise Lidar-Sensoren, die radarähnlichen Augen für autonome Autos, durch neuere Exemplare ersetzt werden. Von Batterien auf Zeit ganz zu schweigen.

Post aus Japan

Japan probiert mit Elektronik seit jeher alles Mögliche aus - und oft auch das Unmögliche. Jeden Donnerstag berichtet unser Autor Martin Kölling an dieser Stelle über die neuesten Trends aus Tokio.

Die wahre Revolution, die vielen Interessenten Mut auf einen Einstieg in die Autoindustrie machen könnte, ist allerdings das Produktionssystem: Wie schon die ersten beiden Konzepte Sonys zeigen, werden die Japaner die Produktion ihrer Autos – wie es bei Apple mit seinen Smartphones geschieht – an Auftragsfertiger vergeben.

Sonys Erstlinge, die Limousine Vision-S 01 und nun der SUV Vision-S 02, werden dabei von deutscher und österreichischer Technik mitgeprägt. Die Zulieferer Bosch, Continental und ZF waren genauso an der Entwicklung beteiligt wie das österreichische Unternehmen Magna Steyr, das unter anderem für BMW und Mercedes Autos in relativen kleinen Serien herstellt.

Sony

Die Österreicher gehen inzwischen mit einer eigenen Elektroautoplattform auf Kundenfang. Und sie sind damit bei Weitem nicht die einzigen: Japanische Autodesigner wenden sich bereits an Fabriken in China, um eigene Billigstromer zu produzieren. Aber auch große Namen der Technikwelt wittern ein Geschäft.

Taiwans Auftragsfertiger Foxconn, der mit der Produktion von Apples iPhone zum Weltriesen geworden ist, hat ebenfalls eine eigene Elektroplattform auf den Markt gebracht. In Japan wird bereits spekuliert, dass Sony beim Übergang von Kleinserienmodellen zu später folgenden Modellen von Magna Steyr auf Foxconn umsteigen könnte. Der amerikanische Elektroautohersteller Fisker hat dies bereits vorgemacht.

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Auch wenn mit dem Aufstieg der Elektroautos die Einstiegshürde für neue Anbieter sinkt, trivial ist der Start eines Autogeschäfts damit noch lange nicht. Neben der Herstellung müssen auch Vertrieb und das Update von Software wie auch die Wartung der Hardware aufgebaut werden. Sony sieht sich allerdings offenbar bei diesem Unterfangen auch technologisch in einer guten Startposition, um bei vernetzten Roboterautos das Tempo der großen Hersteller mitgehen zu können.

Zum einen reichen Sonys "Ausfahrten" in der Automobilindustrie bereits mehr als 20 Jahre zurück: So zeigte der Konzern 2001 zusammen mit Toyota den Pod (kurz für "Personalization On Demand"), ein vernetztes Auto, das die Innenbeleuchtung je nach Gemütslage der Insassen verändern konnte.

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Sony wiederholte diese Übung später immer mal wieder, bis der Konzern 2020 auf der CES einen ersten Prototyp vorstellte. Der wurde zwar vorrangig als Werbemodell für Sonys Qualitäten als Automobilhersteller verkauft, ließ aber schon die Ambitionen der Japaner erkennen.

Und zum anderen ist der Konzern bereits eine Weltmarke und verfügt darüber hinaus über Know-how in Vernetzungs- und Computertechnik, der Softwareentwicklung und zudem sogar in Halbleiterdesign und -herstellung. Außerdem ist der Konzern mit seinen Bildsensoren bereits in der Autoindustrie als Zulieferer unterwegs.

Seine neuesten Sensoren integrieren wichtige Funktionen künstlicher Intelligenz sogar auf dem Chip selbst, wodurch Daten nicht mehr in der Cloud ausgewertet müssen (Edge-Computing). Dieser Zeitgewinn ist auch wichtig für die Fahrassistenten in Autos. Nun muss Sony nur noch zeigen, dass es tatsächlich das Auto besser neu erfinden kann, als die Traditionshersteller, Tesla oder einer der vielen anderen Hersteller, die an der Startlinie schon die Reifen rotieren lassen.

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(jle)