Was heißt „gesund“?

Die erste randomisierte Genom-Studie an scheinbar gesunden Personen brachte überraschende Ergebnisse: Jeder fünfte Teilnehmer trug eine krankheitsrelevante Mutation in sich, ohne Symptome auszubilden.

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Von
  • Emily Mullin

Peter Ting hatte schon immer Schwierigkeiten damit, seine Augen an Dunkelheit anzupassen. Den Grund dafür erfuhr der 60 Jahre alte, ansonsten gesunde Rentner aber erst, als er sein Genom sequenzieren ließ: Die Ergebnisse zeigten, dass er eine seltene genetische Variante in sich trägt, die eine seltene Erbkrankheit der Augen auslöst.

Ting war einer der Teilnehmer an der ersten randomisierten Studie mit Gen-Sequenzierungen bei anscheinend gesunden Menschen. Für das MedSeq genannte Projekt wurden zunächst 100 Personen ausgewählt, die ihre Hausärzte besuchten; bei jedem Zweiten wurden dann die Gene analysiert. Das wichtigste Ergebnis: Jeder fünfte Proband trug eine Mutation in sich, die eine seltene Erbkrankheit auslösen kann.

Bei der Sequenzierung des vollständigen Genoms werden alle sechs Milliarden Buchstaben der DNA eines Menschen ausgelesen. Dies kann ein leistungsfähiges Werkzeug sein, um schwere und meist mysteriöse Krankheiten zu diagnostizieren.

Offen ist allerdings, ob die Genom-Sequenzierung auch bei ansonsten gesunden Menschen wirklich einen medizinischen Nutzen hat – oder vielleicht sogar schadet. Die Studie, an der Ting teilnahm, liefert vorläufige Antworten auf diese Frage, ist aber noch kein Beweis dafür, dass Genom-Sequenzierung breit eingesetzt werden sollte. Von den 50 scheinbar gesunden Erwachsenen, deren Genom analysiert wurde, wurden bei 11 – also 22 Prozent – genetische Variationen in einem von fast 5000 Genen festgestellt, die mit seltenen Erbkrankheiten zusammenhängen. Überraschend dabei: In den meisten dieser Fälle waren noch keinerlei Symptome zu beobachten. Bei zwei Teilnehmern etwa fanden sich genetische Variationen, von denen bekannt ist, dass sie Herzrhythmus-Anomalien auslösen können. Doch die kardiologischen Tests zeigten keine Auffälligkeiten bei ihnen.

„Das kann bedeuten, dass man die Krankheit gar nicht hat, oder dass man sie noch nicht hat“, sagt Jason Vassy, einer der Autoren der Studie, die Ende Juni in den Annals of Internal Medicine veröffentlicht wurde. Möglicherweise würden die Betroffenen in Zukunft Herzprobleme bekommen, aber das sei nicht einmal sicher.

Von den elf Probanden mit einer seltenen Gen-Variante gab es nur bei Ting und einem weiteren eine Krankheitsgeschichte, die sich dann durch ihre DNA erklären ließ.

„Was bedeutet gesund? Ich glaube, die Genomik wird das neu definieren“, sagt Vassy, ein Allgemeinarzt und Assistant Professor an der Harvard Medical School.

Laut Erica Ramos, Genetik-Beraterin beim Sequenzierungsanbieter Illumina und neu gewählte Präsidentin der National Society of Genetic Counselors, belegen die Studien-Ergebnisse, dass bei Krankheiten noch andere Faktoren als die Gene eines Menschen eine Rolle spielen, unter anderem Alter, Geschlecht, Lebensstil und Umgebung. Das gilt auch bei so genannten Einzelgen-Mutationen mit belegten Verbindungen zu Krankheiten wie den insgesamt 4631 Genen, die in der MedSeq-Studie untersucht wurden.

„Spezifische Gen-Varianten zeigen sich nicht immer als Krankheiten, auch wenn sie im Prinzip eine Krankheit auslösen könnten“, erklärt Ramos. In der Genetik wird dieses Phänomen als „Penetranz“ bezeichnet: Eine nicht vollständig penetrante Mutation führt nicht mit Sicherheit zu einer Krankheit. Laut Ramos ist deshalb die Wahrscheinlichkeit von 1 zu 5, dass man eine krankheitsrelevante Gen-Variante in sich trägt, bislang kein Grund, sofort das eigene Genom sequenzieren zu lassen.

Ting sagt, er habe sich für die Studie gemeldet, weil er wissen wollte, wie hoch die Gefahr ist, dass er Diabetes oder Schilddrüsen-Probleme bekommt; beides habe es in seiner Familie schon häufiger gegeben. Als er dann die Ursache für seine Sehprobleme erfuhr, war er überrascht. Die Information sei für ihn „aus dem Nichts gekommen“ und sei die Erklärung für „eine Sache, die mir jahrelang aufgefallen war“.

Ramos bezeichnet Sequenzierung dann als sinnvoll, wenn die Krankheitsgeschichte einer Familie unbekannt oder unvollständig ist. Bei den Teilnehmern der Studie, bei denen eine genetische Variante festgestellt wurde, ohne dass Krankheitssymptome zu beobachten seien, könnten die Ergebnisse immer noch für andere Familienmitglieder von Wert sein, sagt sie.

Und noch eine weitere Konsequenz kann es haben, wenn Menschen ihr Genom sequenzieren lassen. Bei der Teilnehmern waren die Behandlungskosten in den sechs Monaten nach der Studie um durchschnittlich 350 Dollar höher als in einer Kontrollgruppe. Die Autoren der Studie wissen nach eigenen Angaben nicht, ob dies direkt mit der Sequenzierung zusammenhängt. Denkbar sei, dass die Teilnehmer wegen ihrer Ergebnisse weitere Untersuchungen und Tests vornehmen ließen.

(sma)