"Was wir in Sachen Lockdown unternommen haben, das gab es noch nie"

Autorin Laura Spinney hat einen Bestseller über die Spanische Grippe geschrieben. Gegenüber Technology Review äußert sie sich zur zweiten Corona-Welle.

Lesezeit: 2 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 530 Beiträge

(Bild: Photo by Volodymyr Hryshchenko on Unsplash)

Von
  • Ben Schwan

Wenn es eine Gemeinsamkeit zwischen der Coronavirus-Pandemie und der Spanischen Grippe vor rund 100 Jahren gibt, dann die, dass sie in mehreren Wellen kam. Allerdings besteht bei COVID-19 noch die Hoffnung, dass die zweite Welle milder ausfällt – jedenfalls im Hinblick auf die Zahl der Toten und Schwerkranken, selbst wenn aufgrund wieder stark ansteigender Infektionszahlen neue Maßnahmen ergriffen werden müssen.

Bei der Spanischen Grippe kam ein erschwerender Faktor hinzu, wie Laura Spinney, Wissenschaftsjournalistin und Autorin des vielbeachteten Bestsellers "Pale Rider" über die Superseuche, im Gespräch mit Technology Review sagt. "Es gibt viele Belege dafür, dass das Virus im Frühjahr 1918 mutiert ist und die Krankheit sehr viel ansteckender, sehr viel gefährlicher war, als sie im August wiederkehrte."

Laufe es wie 1918, könne das Virus mutieren und noch virulenter werden, das sei möglich, aber unwahrscheinlich. "Coronaviren sind biologisch sehr viel gefestigter als Grippeviren. Auf ganz lange Sicht ist es wahrscheinlich, dass das Virus uns weniger gefährlich wird und wir lernen, mit ihm zu leben."

Wer sich mit der Geschichte der Spanischen Grippe beschäftigt, wird lernen, dass auch vor 100 Jahren eine Maskendebatte herrschte. In Städten wie San Francisco schickte der Bürgermeister Polizisten auf die Straße, um sicherzustellen, dass die Menschen Mund und Nase bedeckten. "Menschen sind nicht gut darin, ihre Freiheit auf längere Zeit einschränken zu lassen", sagt Spinney. "Für kurze Zeit ist es ihnen möglich, doch leider verlangt so eine Pandemie, dass Disziplin gewahrt wird, zum Beispiel wenn es darum geht, eine Maske über längere Zeit zu tragen, und das mögen wir nicht."

Die Autorin Laura Spinney.

(Bild: Studio Cabrelli)

Persönliche empfinde sie es nicht als eine massive Einschränkung ihrer Freiheit, eine Maske zu tragen. "Denken wir doch mal ein paar Monate zurück, wo wir uns alle auf die Balkone gestellt haben und den Ärzten, Krankenpflegern und dem medizinischem Personal applaudiert haben, weil sie buchstäblich ihr Leben riskiert haben, um für Patienten zu sorgen, in diesem ersten Gipfel der Pandemie. Haben wir das schon wieder vergessen?"

Das Freiheitsstreben hat sich seit 1918 nicht geändert. Allerdings ist der Lockdown, den viele westliche Länder umgesetzt haben, geschichtlich einzigartig – denn den gab es bei der Spanischen Grippe nicht. "Was wir in Sachen Lockdown unternommen haben, das gab es noch nie. Sowas haben wir noch nie in solch einer umfassenden, breiten und organisierten Weise unternommen. Auch wenn der europäische Lockdown nicht vergleichbar ist mit dem in Wuhan. Da kam niemand rein, niemand raus."

In Deutschland warnt Spinney vor dem sogenannten Präventionsparadox. Das sei in mancher Hinsicht eine richtige Tragödie. "[Deutschland] wird zum Opfer seines eigenen Erfolgs. Man war so früh so gut darin, die Kurve flach zu halten, sodass viele Leute nicht verstehen, nicht sehen, warum sie sich noch an die Einschränkungen halten müssen."

Insgesamt sei es schwieriger geworden, den Leuten Disziplin zu vermitteln. "Als wir alle zuhause bleiben mussten, wussten wir noch, wo wir sind und was wir zu tun gefragt sind. Und es war eben nur für einen kurzen Zeitraum. Jeder war mehr oder weniger bereit, für die gemeinsame Anstrengung einen Teil seiner Freiheit einzubußen, um [den Ausbruch] unter Kontrolle zu bringen."

Spinney sieht Gefahren für die Wirtschaft, warnt aber davor, Regeln auszusetzen. "Ich denke, grundsätzlich muss man sich mit dem Kollateralschaden auseinandersetzen, aber sie sind kein Argument gegen die Eindämmungsmaßnahmen, um die Kurve flach halten und Menschenleben vor COVID zu schützen.“

(bsc)