Weltraumbahnhof in der Nordsee: Warum der Plan Schwächen hat

Die Absichtserklärungen zum Bau einer schwimmenden Raketenstartplattform sind unterzeichnet. Doch bestimmte Umstände rücken das Projekt in zweifelhaftes Licht.

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So könnte die Startrampe auf einem Schiff in der Nordsee aussehen.

(Bild: GOSA / Harren & Partner)

Von
  • Christian Rauch

Die Tinte der Unterschriften der vier europäischen Start-ups ist gerade einigermaßen getrocknet, da gilt es nun einen genaueren Blick auf die Absichten und Akteure auf dem geplanten Weltraumbahnhof in der Nordsee zu werfen. Warum ist eine Rampe im Meer vor unserer Haustür nötig? Welche Raketen sollen dort starten? Welche Aufgaben stehen nun an?

Vor diesem Hintergrund führte der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) schon im Herbst 2019 Gespräche mit der Bundesregierung über einen Raketenstartplatz auf deutschem Boden. Eine erste Machbarkeitsstudie entstand und skizzierte eine schwimmende Raketenstartplattform in der Nordsee. Einfach ausgedrückt: Ein Schiff mit Startrampe. Doch die Idee versandete zwischenzeitlich. Die Bild-Zeitung witzelte schon vom "schönen Traum von Peterchens Mondfahrt", in Anspielung auf Wirtschaftsminister Peter Altmaier. Im April 2021 hieß es vom Koordinator vom Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR), Thomas Jarzombek, man favorisiere eine europäische Lösung. Doch angesichts der Erfolge der kommerziellen Raumfahrt in den USA wuchs offenbar der Druck.

Und so unterzeichneten am 6. September vier europäische Microlauncher-Startups, darunter Rocket Factory Augsburg und HyImpulse aus Baden-Württemberg, eine Absichtserklärung für die Nutzung der Nordseeplattform. Bei dem Zusammentreffen kurz vor der Bundestagswahl hielt der scheidende Peter Altmaier eine Rede und gelobte Unterstützung für den deutschen Weltraumbahnhof. Außerdem versprach er die hälftige Finanzierung für eine neue Machbarkeitsstudie.

Was jetzt bereits klar ist: Große Trägerraketen wie die Falcon-9 der US-Firma SpaceX könnten in Deutschland nicht wirtschaftlich starten. Sie brauchen die Nähe zum Äquator, wo die Erddrehung den Transport in zahlreiche Erdumlaufbahnen energetisch unterstützt. Wohl aber könnten kleinere Trägerraketen, sogenannte Microlauncher, auf deutschem Boden abheben, die einen oder viele Klein- und Kleinstsatelliten in eine geeignete Erdumlaufbahn bringen. Vor allem eine polare Umlaufbahn wäre von der Nordsee aus direkt und einfach erreichbar.

Drei deutsche Startups sind seit ein paar Jahren dabei, Microlauncher zu entwickeln. Dazu zählen die Unterzeichner von HyImpulse. Ihr 27 Meter hoher Small Launcher SL1 soll 500 Kilogramm Nutzlast in einen niedrigen Erdorbit (LEO) bringen. Die ähnlich große "Spectrum" von Isar Aerospace aus dem bayerischen Ottobrunn soll eine Tonne Nutzlast in einen LEO befördern können. Dritter im Bunde ist der Unterzeichner Rocket Factory Augsburg mit der etwa 30 Meter langen RFA One. Bei ihr sind die Nutzlastangaben bisher nicht eindeutig, sie sollte aber in der gleichen Leistungsklasse wie die anderen beiden spielen. Im kommenden Jahr sollen alle drei deutschen Microlauncher ihre Feuertaufe bei einem ersten Start bestehen.

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Federführend für die Planung und mögliche Errichtung des deutschen Weltraumbahnhofs ist die German Offshore Spaceport Alliance (GOSA), ein Konsortium, unterstützt von der OHB SE. Das deutsche Raumfahrtunternehmen, das auch Ausrüster für die Internationale Raumstation (ISS) und Zulieferer für die europäische Ariane-Rakete ist, hat seinen Sitz in Bremen. Und die Schiffe für den Start sollen von den Häfen in Bremen und Bremerhaven auslaufen. OHB ist auch maßgeblich an der Rocket Factory Augsburg beteiligt, wie ein Bericht auf dem Portal "Golem" beschreibt.

Quelle: Harren & Partner

Diese Verflechtungen lassen bei einigen Beobachtern Zweifel an der Seriosität des Plans aufkommen. Doch weitere Umstände rücken den Startplatz in der Nordsee in ein zweifelhaftes Licht. Zunächst braucht es mehrere Schiffe, die rund 460 Kilometer auf das Meer hinausfahren: eins zum Transport und zum Start der Rakete, eins für die Versorgung mit Arbeitskräften und Material, und weitere, etwa zur Sperrung von Seegebieten beim Start. Startverzögerungen, die aufgrund von Schlechtwetterlagen und Sturmentwicklungen über der Nordsee häufig vorkommen dürften, binden Schiffe und Besatzung. Nicht zuletzt könnte das Schiff mit der Startplattform bei einem Fehlstart zerstört werden. Der Schaden wäre größer als bei einer Startplattform am Land.

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Unklar ist auch die gesetzliche Grundlage für Raketenstarts auf deutschem Boden. Die große Koalition will seit Jahren ein deutsches Weltraumgesetz schaffen. Zustande kam es in der jetzt ablaufenden Legislaturperiode nicht. Dabei kann nur ein solches Gesetz ausreichende Planungs- und Investitionssicherheit für die Unternehmen schaffen. "Nur mit einem Weltraumgesetz ist klar, bis zu welcher Höhe die Startdienstleistungsunternehmen bei Schäden durch Unfälle, Fehlstarts oder unkontrollierte Abstürzen haften", erklärt Raumfahrtjurist Ingo Baumann von BHO Legal aus Köln. "Und bis zu dieser Höhe können sie sich versichern."

Das Weltraumgesetz würde ein detailliertes Genehmigungsverfahren definieren, in dem relevante Aspekte wie Umweltschutz, Lärmschutz und Sicherheit berücksichtigt werden. Fehlt dies, müssten Einzelfallgenehmigungen für jeden Start bei Behörden eingeholt werden. Ohne Gesetz könnte es zudem passieren, dass der deutsche Steuerzahler aufgrund der völkerrechtlichen Regeln des UN-Weltraumvertrages voll für Schäden aufkommen muss, die ein Raketen- oder Satellitenbetreiber nach einem misslungenen Start an Deutschlands Nordgrenze in einem anderen Land verursacht.

Solange ein solches Damoklesschwert über einem potenziellen Startplatz schwebt, wäre die Akzeptanz von Staat und Behörden gering und die Planungssicherheit von Unternehmen nicht gegeben. Schließlich gibt es auch in Norwegen, Schweden und Schottland, und auf den portugiesischen Azoren Planungen für Raketenstartplätze. Wäre eine europäische Lösung nicht besser als nationale Alleingänge?

In den Kreisen der Befürworter führt man die kurzen Wege an, die deutsche Hersteller von Raketen und Satelliten bis zur Nordsee hätten – anstatt in europäische Nachbarländer oder gar ins südamerikanische Kourou, wo seit Langem die europäischen Ariane-Raketen starten. Auch hofft man, dass sich Dienstleister und Zulieferfirmen um Bremen ansiedeln und Arbeitsplätze schaffen. Schließlich habe ein Start auf dem Meer auch Vorteile: Man müsse nur eine begrenzte Zone kurzzeitig für Schiffe sperren. Die Risiken wären, verglichen mit einem Start über Land, geringer, da die Raketen ausschließlich über Wasser flögen. Auch die staatliche Anschubfinanzierung, rund 30 Millionen Euro über sechs Jahre, scheint überschaubar.

Eine Studie der Euroconsult von 2020 besagt, dass bis zum Jahr 2030 an die 14.000 Kleinsatelliten unter 500 Kilogramm Gewicht starten werden, fast fünfmal so viel wie im letzten Jahrzehnt. Ob ein kleiner Teil davon schon 2023 mit Microlaunchern von der Nordsee aus abhebt, scheint momentan möglich. Ob es nach der Bundestagswahl weiterhin politisch gewollt sein wird und ob die deutsche New Space-Industrie ihre Absichtserklärungen einlösen kann, muss man abwarten. (jle)