Whalewatching: Die Krad-Studie "Spirit of Passion" auf Basis der BMW R 18

BMW hält seine Motorräder nach dem Vorbild von Yamaha mit Custom-Studien im Gespräch. Die neueste ist nur auf den ersten Blick retrofuturistisch.

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  • Florian Pillau

Yamahas Yard Built Project hat seit 2014 die Phantasien der Biker so erfolgreich auf Touren gebracht, dass seit einiger Zeit auch BMW ausdrücklich zu kreativem Umgang mit ihrem Krad-Material animiert. Im Rahmen der "SoulFuel"-Reihe arbeitet BMW Motorrad mit ausgewählten Customizern zusammen. Aufsehen ist beiden sicher. Nach Roland Sands ist es nun Dirk Oehlerking, der das Thema "BMW R 18" auf seine Art interpretiert.

Der Yard Built Project-Veteran (Yamaha XV950 "The Face", 2015) hat seine lange Karriere mit Yamaha begonnen, aber auch eine gut dokumentierte Neigung zu BMWs. In seiner Edel-Schrauberbude "Kingston Custom" haben schon etliche betagte Boxer – die meisten davon aus den 60er-Jahren – einen neuen optischen Dreh bekommen, die meisten davon auch echte Verbesserungen an Leistung und Fahrwerk. Als aktiver Kradist und vormaliger Routine-Rennsieger weiß Oehlerking gut, worauf es dabei ankommt. Seine Unikate kommen nicht nur beim Glemseck-Publikum bestens an, sie fahren auch gut.

Bei der R 18 wollte Oehlerking dazu nichts weiter beitragen, wie er sagt. Der Motor ist ohnehin bereits mehrfacher Overkill und das Fahrwerk bei allem offensichtlichen Retro-Schmelz derart seriös ausgereift und ausgewogen, dass jegliches Tuning höchstens noch etwas am Charakter hätte ändern können. Entgegen seinen Gepflogenheiten kam mehr dazu als wegfiel. Sogar die Lackierung blieb original BMW.

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 Wären Wale Landlebewesen, könnten sie aussehen wie BMWs neueste Studie.

Das größte Teil der "Spirit of Passion" und optisch prägend ist die Verkleidung mit ihrer Niere im Stil des BMW 328 von 1936. Wer sich an den Art Déco, die klassische Moderne und das daraus hervorgegangene Stromliniendesign der 30er- und 40er-Jahre erinnert, versteht auch den dazu passenden hinteren Kotflügel an der R 18 im Stil eines Tatra 77, wie er zwischen 1934 und -38 in der Tschechoslowakei gebaut wurde.

Die R 18 in unserem Fahrbericht

Das nachhaltig prägende Werk des Produktdesigners Loewy aus den USA kommt einem in den Sinn, der ab den 30er-Jahren von Dampf- Diesel- und Elektrolokomotiven über Pkw bis hin zu Staubsaugern und Toastern so gut wie alles auf Stromlinie brachte. Nicht mal die Colaflasche blieb unberührt. In den USA waren das Verkaufsschlager, während in Deutschland die Nazis versuchten, das Rad der Geschichte zu drehen und modernen Bungalows heimattümelnd nachträglich Giebeldächer aufsetzen ließen. Zur BMW R 5 von 1938 passt das Design im zeitgeistlichen Horizont gleichwohl genauso wie zur heutigen R 18, weil sie nach deren Vorbild entstand.

Mit der prominenten, vollverschalten BMW 500 Kompressor von 1937 hat das Konzept nichts zu tun. Das war eine beinharte No-Nonsense-Konstruktion unter einer schlichten Aluminiumhaut, deren Aussehen ausschließlich der Funktion gehorchte. Die Stichwörter "BMW" und "Verkleidung" bringen auch eine jüngere Assoziation: Die BMW 100 RS von 1976 war laut Hersteller immerhin das erste Motorrad mit serienmäßiger und rahmenfester Vollverkleidung. Aber mit diesem Reisekrad hat das Custombike nun erst recht nichts zu tun.

Nein, die "Spirit of Passion" ist ganz eigenständig durch und durch retro im Sinne des geschwindigkeitsberauschten Futurismus, ausgedrückt in der Bildsprache der klassischen Moderne. Damit konstruiert Oehlerking eine damals denkbare Zukunftsvision. Indem er das allerdings heute tut, kehrt er den Retrofuturismus praktisch um. Geschickt – und ästhetisch apart gelöst.

Die Entwicklungsgeschichte der BMW-Boxermodelle

(fpi)