Wichtige Forscher fordern Moratorium für genmanipulierte Babys

In der Debatte um gezielte DNA-Veränderungen an menschlichen Embryos melden sich Ethik-Experten und Nobelpreisträger aus den USA zu Wort: Bis zur Klärung wichtiger Fragen soll es ausschließlich Grundlagenforschung geben.

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  • Antonio Regalado

In der Debatte um gezielte DNA-Veränderungen an menschlichen Embryos melden sich Ethik-Experten und Nobelpreisträger aus den USA zu Wort: Bis zur Klärung wichtiger Fragen soll es ausschließlich Grundlagenforschung geben.

Eine Gruppe von bedeutenden Wissenschaftlern und Ethik-Experten aus den USA hat sich in die Debatte um Genmanipulationen an Menschen eingeschaltet. Nach ihrer Darstellung steht Technologie, mit der sich die DNA kommender Generationen verändern lässt, „kurz vor der Umsetzung“.

Zu der Gruppe gehören 18 Forscher, darunter 2 Nobelpreisträger, die ihre Politikempfehlungen Mitte März in der Fachzeitschrift Science veröffentlichten: Bis Sicherheits- und medizinische Fragen solcher Aktivitäten besser verstanden sind, sollte die Wissenschaft sich selbst ein Moratorium für jegliche Versuche auferlegen, genetisch veränderte Kinder zu schaffen.

Die Sorgen drehen sich um eine in schneller Weiterentwicklung befindliche Technologie zum Editieren von Genomen namens CRISPR-Cas9, mit der Wissenschaftler relativ problemlos die Genome von lebenden Zellen und Tieren verändern können. Mit der Technologie wäre es auch möglich, DNA-Buchstaben in einer Embryo- oder Eizelle zu korrigieren, um zum Beispiel Kinder ohne bestimmte krankheitsverursachende Gene oder sogar mit gezielt verbesserter Genausstattung zu erschaffen.

„Wir versuchen, die Öffentlichkeit darauf aufmerksam zu machen, dass so etwas jetzt einfach ist“, sagt David Baltimore, Nobelpreisträger und früherer President des Caltech, einer der Autoren des Beitrags. „Die Ausrede, die wir früher benutzt haben, nämlich dass es so schwierig ist, dass es niemand versuchen wird, gilt heute nicht mehr.“

Viele Staaten haben „Keimbahn“-Manipulationen – also genetische Veränderungen, die von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden – aus Sicherheits- oder Ethikgründen bereits verboten. Auch in den USA gibt es strenge Vorschriften, die das Schaffen von genveränderten Kindern um Jahre, wenn nicht Jahrzehnte verzögern würden. In manchen Ländern aber existieren nur lose Regeln oder sogar gar keine dazu. Einer der Gründe dafür, dass sich die Forscher jetzt zu Wort melden, ist laut Baltimore, „dass wir die Leute davon abhalten wollen, etwas Verrücktes zu tun.“

Erstmals wurde in den 1970er Jahren die Fähigkeit entwickelt, DNA in Mikroorganismen gezielt zu verändern. Mit dem Aufkommen von CRISPR kommen jetzt Fragen wieder auf, die schon damals gestellt wurden: Bei einem mittlerweile berühmten Treffen im Jahr 1975 in Asilomar in Kalifornien verständigten sich Forscher darauf, bestimmte Arten von Experimenten zu vermeiden, die zu dieser Zeit als gefährlich galten. Baltimore gehörte zu den Organisatoren des Treffens. Nach seinen Worten wollen die an der neuen Stellungnahme beteiligten Wissenschaftler jetzt bei genmanipulierten Babys ähnliche Leitlinien einrichten.

Die Möglichkeit genetisch veränderter Menschen ist mittlerweile bemerkenswert nah. Vor einem Jahr haben chinesische Forscher Affen geschaffen, deren DNA mit Hilfe von CRISPR editiert worden war.

Seitdem haben mehrere Forscherteams aus China, den USA und Großbritannien damit begonnen, mittels CRISPR die DNA von menschlichen Embryos, Eizellen und Spermien zu verändern, zumeist in der Absicht, die Technologie bei künstlichen Befruchtungen im Labor einzusetzen.

Anfang März hatten Vertreter eines Branchenverbandes, der Alliance for Regenerative Medicine, in der Fachzeitschrift Nature ein noch weiter gehendes Moratorium angeregt. Demnach sollten auch derartige Laborversuche eingestellt werden, denn sie seien “gefährlich und ethisch inakzeptabel“.

Die Autoren des neueren Aufrufs in Science aber wollen nicht so weit gehen. In ihren Augen sollte die Grundlagenforschung bei Keimbahn-Manipulationen fortgesetzt werden, um herauszufinden, „welche klinischen Anwendungen, wenn überhaupt, in Zukunft als akzeptabel angesehen werden könnten“.

Organisiert wurde die Stellungnahme von Jennifer Doudna, einer Biologin von der University of California in Berkeley, die zu den Entdeckern der CRISPR-Technologie gehört. Wie sie bestätigt, unterstützt die Gruppe die Nutzung der Technologie für das Editieren von menschlichen Embryos in einem frühen Stadium, soweit dies nur der wissenschaftlichen Forschung dient.

Diese Empfehlung könnte Kritikern von Keimbahn-Manipulationen vorkommen wie eine Zeitbombe, ebenso wie religiösen Gruppen. Manche sind der Ansicht, es müsse eine klare Trennlinie geben, die dafür sorgt, dass die Menschheit von Genmanipulationen frei bleibt, wie sie bei Pflanzen, Mikroben und Tieren vorgenommen werden. Doch welchen Sinn hätte es dann, die Technologie an menschlichen Embryos zu testen?

Einige der Autoren des Science-Aufrufs sind der Ansicht, dass die Grundlagenforschung freie Hand haben sollte. „Die Wissenschaft sollte in ihren frühesten Phasen nicht von Bedenken behindert werden, dass Verbesserungen und Validierungen mancher Teile dieser Technologie die Tür in Richtung Eugenik öffnen“, sagt Paul Berg, emeritierter Professor an der Medizinfakultät der Stanford University, der ebenfalls zu den Unterzeichnern gehört. Berg ist nach eigener Darstellung dafür, „die Technologie zu perfektionieren, um vorbereitet zu sein für die Zeit, wenn die Gesellschaft Keimbahn-Manipulationen in der Medizin akzeptabel finden könnte.“

Um das Editieren von Genen herum ist bereits eine wachsende Branche entstanden. Die Technologie wird bei Labortieren und Ackerpflanzen eingesetzt, über die Behandlung von erwachsenen Menschen mit Krankheiten wie Muskelschwund oder einer HIV-Infektion wird nachgedacht. Solche Anwendungen bei kranken Personen werden als somatische Gentherapie bezeichnet. Auf diesen Bereich beziehen sich die aktuelle Stellungnahme und der Aufruf zu einem Moratorium nicht.

In der Theorie ließen sich mit Keimbahn-Editierungen jedoch schon vor der Geburt Gene korrigieren, die tödliche Erkrankungen auslösen. Wenn ein Mensch beispielsweise durch ein einzelnes fehlerhaftes Gen an der Huntington-Krankheit leidet, ließe sich CRISPR nutzen, um seine Kinder von der Mutation zu befreien.

Das Biotechunternehmen OvaScience aus dem US-Bundestaat Massachusetts hat bereits mehr als 2 Millionen Dollar investiert, um herauszufinden, ob sich das Gen-Editieren bei künstlichen Befruchtungen einsetzen lässt. Auf Anfragen zu diesem Thema kam von OvaScience keine Reaktion.

Das Korrigieren von geerbten Krankheitsgenen könnte sich als medizinisch hilfreich erweisen, doch wie die Autoren des Science-Beitrags schreiben, ist noch vieles daran unsicher. „Selbst dieses scheinbar einfache Szenario wirft Fragen auf“, heißt es in Bezug auf das Umeditieren von fehlerhaften Genen in ihre gesunde Form. Der Grund: Noch können Forscher nicht alle Folgen voraussagen, die das Verändern eines DNA-Buchstabens bei einem Menschen hätte, vor allem nicht, wenn mehrere Gene gleichzeitig korrigiert werden.

„Man würde damit Änderungen für alle kommenden Generationen auslösen, und zwar auf sehr schwer vorhersagbare Weise“, sagt Baltimore.

In ihrem Beitrag regen die Wissenschaftler die Einrichtung von hochkarätigen technischen Foren für Diskussionen über CRISPR an. Außerdem solle es eine „weltweit repräsentative“ Gruppe aus Regierungsbehörden, Ethik-Experten und Wissenschaftlern geben, die politische Empfehlungen erarbeiten. In der Zwischenzeit sollten Wissenschaftler auf die Erzeugung von genetisch veränderten Babys verzichten, auch wenn sie inzwischen theoretisch möglich wäre.

Dazu der Aufruf: „Wissenschaftler sollten nicht einmal versuchen, lockere Rechtslagen zu nutzen, um Manipulationen am Keimbahn-Genom für klinische Anwendungen in Menschen vorzunehmen.“

(sma)