Wie Bürgerwissenschaftler auf die Jagd nach Zikaden gehen

Nach 17 Jahren tauchen in Amerika wieder Milliarden von Zikaden für einen dreiwöchigen Insektenkarneval auf. "Citizen Scientists" kartieren sie mit Handys.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen 11 Beiträge

(Bild: Bill Nino / Unsplash)

Von
  • Tanya Basu

Vor einigen Wochen wachte Michelle Watson von einem ohrenbetäubenden, stets oszillierenden Kreischen auf. „Was zum Teufel ist das für ein Geräusch?“ wunderte sie sich. Sie ging nach draußen in ihren Garten und sah Hunderte von perläugigen, wie von einer goldfarbenen Hülle umgebenen Insekten aus dem Boden auftauchen und die Bäume hinaufkrabbeln. Watson wurde Zeugin des Erwachens von Tausenden von Brut-X-Zikaden. Sie gehören zu dem milliardenstarken Insektenschwarm, der nach 17 Jahren unterirdischem Nymphen-Dasein nun auftaucht, um sich über etwa drei sehr laute Wochen hinweg zu paaren.

Watson hatte die letzten 20 Jahre in Las Vegas verbracht und zog erst letztes Jahr in die Blue Ridge Mountains von Georgia. Sie hatte Social-Media-Beiträge über die Zikaden gesehen, die einmal in einer Generation in einem riesigen Teil des Ostens der Vereinigten Staaten auftauchen, dachte aber, dass es sich nur um die üblichen Sommerkäfer handelte, die sie ihr ganzes Leben lang gehört hatte. „Ich dachte: ‚Was soll daran schon die große Sache sein?‘“, sagt sie. Angesichts des Ansturms dieser bizarren Kreaturen verstand sie jedoch plötzlich, was das Große an der Sache war – und tat, was jeder moderne Mensch tun würde: Sie googelte es. Innerhalb weniger Minuten hatte sie Cicada Safari heruntergeladen, eine App zum Aufspüren von Zikaden (im App Store und bei Google Play erhältlich).

Apps wie iNaturalist, PictureThis und PlantIn sind zu beliebten Erholungspausen inmitten der Pandemie geworden. Viele dieser Apps fungieren als digitale Ressource und ermöglichen es Benutzern, Fotos und Videos für wissenschaftliche Studien einzureichen. Ihr Erfolg inspirierte den Schöpfer von Cicada Safari, den Entomologen und Biologieprofessor Gene Kritsky von der Mount St. Joseph University, seinen eigenen Dienst für die Beobachtung von Brut-X-Zikaden zu entwickeln.

Mehr von MIT Technology Review Mehr von MIT Technology Review

Crowdsourcing ist schon lange eine gute Möglichkeit, Informationen über Großereignisse zu sammeln, selbst wenn sie nur einmal in einer Generation stattfinden, sagt Kritsky. Forscher baten bereits 1858 an Zeitungsredakteure darum, die Leser dazu zu bringen, ihre Beobachtungen auf den damals gerade sehr beliebten Postkarten einzuschicken. In den späten Achtzigern nutzte Kritsky eine Telefon-Hotline, die allerdings oft so sehr mit Tipps überhäuft wurde, dass das Band des Anrufbeantworters voll lief. Beim letzten Auftauchen der Brut-X-Tiere im Jahr 2004 bat er Menschen wiederum, Beobachtungen per E-Mail mit angehängten Fotos einzusenden. Er erhielt etwa 1000 Nachrichten.

Seine Cicada-Safari-App kann sich mit fast 180.000 Downloads zum Zeitpunkt der Veröffentlichung auf jeden Fall sehen lassen – schließlich dürften die meisten Menschen sie nicht über die dreiwöchige Lebensdauer der Insekten hinaus verwenden, Mit ihr können Benutzer Sichtungen von Zikaden auf einer Karte verfolgen sowie Fotos von den Insekten an die App senden. Doch der Erfolg der App hat Kritskys ursprüngliches Ziel von 5000 Beobachtungen schnell erreichbar gemacht. Bis zum 2. Juni „haben wir über 400.000 Zikadenfotos bekommen“, sagt er. „Wir erhalten 16000 Fotos pro Tag, und bei dieser Geschwindigkeit werden wir sehr wahrscheinlich eine halbe Million Beobachtungen bekommen.“

Ein Team von 20 Freiwilligen, einschließlich seiner Frau, sichtet jedes Foto von Hand und überprüft, ob es sich bei den Bildern eindeutig um eine Brut-X-Zikade handelt. Wenn Aufnahmen nicht eindeutig sind, werden sie gelöscht. Kritsky hofft, dass er bis zum Auftreten der nächsten großen Zikadenexplosion in 2024 – einer Brut im Norden von Illinois, die in einem 13-Jahres-Zyklus auftaucht – einen Weg gefunden hat, künstliche Intelligenz für das Erledigen der mühsamen Arbeit zu nutzen.

Obwohl Cicada Safari der einzige Zikaden-Tracker im US-App Store ist, profitiert die App von einigen wichtigen Trends. Solche Natur-Services nutzen die Freude der Menschen an Wanderungen und an Outdoor-Parks, weil sie garantiert Pandemie-freundlich sind, egal ob geimpft oder nicht. Citizen-Science-Apps bieten eine familienfreundliche Aktivität, die es jedem ermöglicht, Naturbeobachtungen aufzuzeichnen und einzureichen. Michelle Watson sieht ihre Meldungen in der App als „meine kleine Möglichkeit, zu dieser Forschung beizutragen“.

Das spiegelt sich in der Bandbreite der Menschen wider, die sich mit Bürgerwissenschaften beschäftigen. Kritsky sagt, dass Cicada Safari keine Daten darüber sammelt, wer den Dienst nutzt. Er hat aber Fotos von Benutzern verschiedener Ethnien gesehen, oft mit Kindern und älteren Menschen im Hintergrund. „Wir wollten, dass die Benutzeroberfläche wirklich einfach ist“, sagt der Forscher.

Mit Citizen-Science-Apps ist es gelungen, vielen Menschen ohne naturwissenschaftlichen Hintergrund Einblicke in die Forschung zu eröffnen. Watson, eine ehemalige Rechtsanwaltsfachangestellte, ist jetzt einer Facebook-Gruppe beigetreten, die sich dem Tracking der Zikaden widmet. Sie führt auch einen Gruppenchat mit anderen Enthusiasten. Die Bestenliste der App – eine Rangliste der 500 besten Einsender von verwendbaren Zikadenbildern – zeigt, dass sie mit 3785 Fotos zum Zeitpunkt der Veröffentlichung derzeit den 2. Platz im Land hält, hinter dem Spitzenreiter mit fast 7000.

Aber was diese Gemeinschaft vielleicht am meisten eint, ist ein Gefühl, das vielen heute fremd geworden ist: Ehrfurcht vor der Natur. Janet Sun, eine 23-jährige Doktorandin in Maryland, erinnert sich an das letzte Auftauchen von Brut-X und weiß noch, wie sie abgeworfenen Exoskelette vom Boden aufgehoben hat. „Es war eine magische Erinnerung für mich“, sagte Sun in einer Twitter-Direktnachricht. „Ich hatte den Eindruck, dass sie drei Zoll lang waren, weil ich das letzte Mal so viel kleiner war.“

Watson stimmt zu. „So etwas habe ich noch nie gesehen“, sagt sie. „Sie kräuseln sich aus dem Boden, klettern auf den Baum, häuten sich und blasen innerhalb weniger Stunden ihre Flügel auf. Man sieht ihre Lebenszyklus direkt vor den eigenen Augen ablaufen. Ich habe einfach Ehrfurcht.“

(vsz)