Wie Corona-Cluster bei Geimpften den Traum von der Normalität​ zerstören

Die USA hatten gehofft, dass die Impfungen vor Superspreading schützen. Aber dann kam die Delta-Variante und der Sommer auf Cape Cod.​

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(Bild: narongpon chaibot/Shutterstock.com)

Von
  • Antonio Regalado

Goldgräber in Französisch-Guayana, Feiernde in Cape Cod und indische Pfleger: Obwohl sie in verschiedenen Ecken der Welten leben, haben sie zwei Dinge gemeinsam. Alle waren gegen COVID-19 geimpft und alle wurden Teil von neuen Infektionsclustern. In den letzten Wochen haben Fälle wie diese gezeigt, dass Corona-Übertragungsketten und Superspreading selbst in solchen Gruppen auftreten können, in denen fast alle das Vakzin erhalten hatten.

Das löste nicht nur Alarm bei den Gesundheitsbehörden aus, sondern torpediert auch die Hoffnung auf eine schnelle Rückkehr zur Normalität in den USA. Der Grund dafür sind Erkenntnisse von Gesundheitsermittlern aus einem Ausbruch in Provincetown, einer Küstenstadt auf Cape Cod an der Ostküste, in der Anfang Juli eine ausgelassene Parade und wochenlang überfüllte Poolpartys stattfanden. Seitdem sind nach Angaben der Gesundheitsbehörden mehr als 500 Fälle von COVID-19 aufgetreten, die mit diesen Veranstaltungen in Verbindung gebracht werden. 73 Prozent davon waren geimpfte Menschen.

Der Ausbruch in Provincetown wurde durch die Delta-Variante verursacht, die – so wie in Europa auch – inzwischen für die meisten Fälle in den USA verantwortlich ist. Laut CDC-Direktorin Rochelle Walensky besteht die „entscheidende Entdeckung“ darin, dass geimpfte Personen offenbar genauso viel Virus in ihrem Körper haben wie ungeimpfte Personen – zumindest gibt es erste Daten, die das nahelegen. Den Centers for Disease Control, der obersten Seuchenschutzbehörde, scheint das einen gehörigen Schrecken eingejagt zu haben.

Seit Wochen häufen sich bei Untersuchungen in aller Welt die Hinweise auf Ausbrüche bei Geimpften. So beschrieb ein wissenschaftliches Team in Paris und Französisch-Guayana kürzlich, wie COVID-19 im Mai in einer südamerikanischen Goldmine grassierte, obwohl fast alle Bergleute den Biontech-Pfizer-Impfstoff erhalten hatten. Trotz der Immunisierung infizierten sich 60 Prozent von ihnen mit einer weiteren Variante – hier war es Gamma. Das überraschte die Wissenschaftler so sehr, dass sie überprüften, ob die Impfstoffe beim Transport beschädigt worden waren. Aber das war nicht der Fall.

Die ersten Studien mit dem Biontech-Pfizer-Impfstoff, der in den USA am häufigsten zum Einsatz kommt und auch in Deutschland das beliebteste Produkt ist, hatten gezeigt, dass er symptomatische Erkrankungen mit mehr als 90-prozentiger Wirksamkeit verhindert. Das aber war bei den Goldgräbern ganz anders, denn die Hälfte von ihnen erkrankte mit Symptomen wie Fieber. Möglicherweise, und das ist die gute Nachricht, hat der Impfstoff aber dennoch geholfen: Denn keiner der Bergleute wurde ernsthaft krank, obwohl die meisten älter als 50 Jahre waren und einige Risikofaktoren wie Bluthochdruck und Diabetes aufwiesen.

Weitere Superspreading-Ereignisse bei Geimpften kamen in Indien vor, wo Beschäftigte im Gesundheitswesen ab Anfang 2021 den AstraZeneca-Impfstoff bekommen konnten. Als ein britisch-indisches Forschungsteam die COVID-19-Fälle dort untersuchte, fanden sie in drei Krankenhäusern in Delhi eine erhebliche Anzahl von sogenannten Durchbruchsinfektionen bei Geimpften, darunter ein Superverbreitungsgeschehen, bei dem 30 Personen infiziert wurden.

Die Durchbruchsinfektionen seien bei der Delta-Variante viel wahrscheinlicher als durch einen der älteren Stämme, so die Forscher. Die älteren Varianten waren nie in der Lage, eine Häufung von mehr als zwei miteinander verbundenen Fällen unter den Beschäftigten im Gesundheitswesen zu verursachen. Die Forscher fanden jedoch zehn solcher Delta-Ausbrüche.

Die leichtere Übertragbarkeit der Variante könnte einer der Gründe dafür sein, dass dieser Stamm möglicherweise dem Immunsystem „entgehen kann“, sagen die Forscher. Dies könnte also die Ausbrüche bei geimpften Personen erklären und bedeutet auch, dass man sich leichter wieder anstecken kann, auch wenn man bereits an COVID-19 erkrankt war. Das britisch-indische Team schätzt, dass der natürliche Schutz gegen die Infektion um die Hälfte abnimmt, wenn die Menschen dem Delta-Virus ausgesetzt sind.

In den USA hat sich der Ausbruch in Provincetown möglicherweise während der Unabhängigkeitswoche um den 4. Juli ereignet, als die Stadt Tausende von Besuchern empfing. Im selben Monat erfuhren die Ermittler laut einer von US-Medien veröffentlichten CDC-Präsentation von Hundert COVID-19-Fällen. Sequenzierungslabore in Boston stellten fest, dass sie durch die Delta-Variante verursacht wurden.Der Ausbruch in Provincetown ließ bei den CDC die Alarmglocken schrillen, weil die Impfstoffe die Übertragung des Virus von Mensch zu Mensch hier nicht zu verhindern schienen, obwohl die meisten geimpft waren. In der CDC-Präsentation kam auch die erstaunliche Aussage vor, dass Delta ebenso ansteckend wie Windpocken sei.

Ein weiterer wichtiger Hinweis ergab sich aus PCR-Tests, die bei etwa 200 Personen aus dem Provincetown-Cluster durchgeführt wurden. Die Menge des Virus in den Atemwegen einer Person – und damit das, was sie bei jedem Husten und Niesen in die Welt setzen konnte – war in etwa gleich, unabhängig davon, ob die Menschen geimpft waren oder nicht.

Das beweist – und das ist wichtig – allerdings noch nicht, dass geimpfte Menschen genauso viele Viren übertragen, sagt Monica Gandhi, die an der University of California in San Francisco Infektionskrankheiten erforscht. Denn PCR-Tests weisen sowohl Virusfragmente als auch lebende Erreger nach, so dass geimpfte Personen möglicherweise weniger lebende Viren ausscheiden oder weniger lange infektiös sind. Gandhi fügt hinzu, dass die Impfstoffe trotz verschiedener Varianten noch immer wirksam sind und die meisten schweren Erkrankungen verhindern. Dennoch „sehen wir mehr milde, symptomatische Fälle“, sagt sie – und auch Übertragung unter Geimpften. Das wiederum ergibt sich eigentlich schon aus der Tatsache, dass die aktuellen Impfstoffe nicht sterilisierend sind, also eine Virenweitergabe nicht automatisch verhindert wird.

Die Delta-Problematik stellt die CDC vor ein Problem: Noch im Mai hatte die Behörde geimpften Amerikanern gesagt, sie bräuchten in Innenräumen keine Masken mehr tragen, in vielen Ladengeschäften und an öffentlichen Orten wurde dieser Rat befolgt. Nun aber vollzieht die Seuchenschutzbehörde angesichts der neuen Ereignisse eine Kehrtwende und empfiehlt seit Anfang August, dass sich auch Geimpfte wieder per Maske schützen sollen, wenn kein Abstand möglich ist.

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(vsz)