Wie Duolingo und Babbel die Nutzer zum Lernen "nudgen"

Die beiden populären Sprachlern-Apps arbeiten nach dem selben Prinzip, zeigen aber im Detail deutliche Unterschiede. Ein Vergleich.

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Babbel

Babbel-App.

(Bild: dpa, Arno Burghi)

Von
  • Gregor Honsel

Seit einiger Zeit lerne ich Niederländisch per App. Zunächst mit Duolingo, nach einem halben Jahr bin ich zu Babbel gewechselt. Das Prinzip ist bei beiden ähnlich: Ich klicke mich durch eine Reihe von Übungen zur Aussprache, zum Hörverständnis und zum Wortschatz.

Im Detail könnten die beiden Ansätze allerdings kaum unterschiedlicher sein. Bei Duolingo (werbefreie "Plus"-Version: 47,99 Euro / 6 Monate) gibt es bei jeder Gelegenheit Kronen, Herzchen, Skills oder Punkte zu gewinnen. Was man damit anfangen kann? Im Grunde nichts, außer sich gut zu fühlen. Überhaupt werde ich ständig für die trivialsten Dinge gelobt. Solche positiven Verstärkungen mögen pädagogisch gut gemeint sein. Aber wenn Lob ständig automatisiert und undifferenziert ausgeschüttet wird, welchen Wert hat es dann noch?

Irgendwann habe ich zu meinem eigenen Schrecken festgestellt, dass ich für dieses plumpe Nudging trotzdem recht empfänglich bin. Die verschiedenen Ligen, in die ich nach und nach aufgestiegen bin, könnten mir zum Beispiel eigentlich ziemlich egal sein. Schließlich sehe ich das Ganze nicht als Wettkampfsport. Aber aus einer einmal erreichten Liga wieder absteigen? Niemals! Und so wird kurz vor einer drohenden Deklassierung noch einmal geklickt und gepunktet, dass der Touchscreen qualmt.

Als gut geölte Nudging-Maschine schafft es Duolingo tatsächlich, die Nutzer bei der Stange zu halten. Dazu trägt auch bei, dass die Lektionen kurz sind und oft auch mit einer halben Hirnhälfte zu bewältigen. Doch irgendwann fiel mir auf, dass ich zunehmend mehr auf meinen Punktestand fixiert war als auf die Sprache. Es fiel mir nicht leicht, mich von meinen hart erarbeiteten 264 Kronen und 14.594 Punkten zu trennen, aber diese Fremdbestimmung musste ein Ende haben. Also wechselte ich zu Babbel (59,99 Euro / 6 Monate).

Leider musste ich dort wieder fast bei Null anfangen. Für die meisten Sprachen gibt es dort einen Einstufungstest, für Niederländisch nicht. Also klicke ich mich wahllos durch ein paar Anfänger-Lektionen, bis ich ein halbwegs passendes Niveau gefunden zu haben glaubte. Trotzdem tauchen ständig Aufgaben auf, die mich entweder unter- oder überfordern. Das hilft der Motivation nicht wirklich. Außerdem stellt sich Anfangs ein gewisser Phantomschmerz ein, weil sich mein Übungsfleiß nicht mehr in einem zwar sinnlosen, aber doch immerhin anwachsenden Punktekonto niederschlug.

Insgesamt aber fühle ich mich von Babbel angenehm erwachsen behandelt. Duolingo folgt zum Beispiel der Philosophie, dass man Sprachen am besten durch Beispiele und Übungen lernt. Regeln und Grammatik muss man sich selbst erschließen, erklärt werden sie nie. Dabei wäre die eine oder andere Erläuterung oft durchaus hilfreich. Babbel setzt solche Mittel wohldosiert ein – und beschränkt sich dabei nicht nur auf die Sprache, sondern erklärt gelegentlich auch Kultur, Sitten und Gebräuche. Man merkt der App an, dass an ihrer Entwicklung offenbar auch ein paar Pädagogen mit Liebe zum Detail involviert waren. Die Kehrseite: Die Lektionen sind tendenziell länger und anspruchsvoller als bei Duolingo – und damit anstrengender. Man muss also wirklich wollen.

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Enttäuschend finde ich bei beiden Apps, dass die Übungen sehr starr und schematisch aufgebaut sind. Bei Duolingo etwa bekomme ich oft den exakt selben Satz zweimal hintereinander vorgesetzt, einmal als Diktat, einmal zum Übersetzen – egal, ob die Antwort beim ersten Mal schon korrekt war oder nicht. Ich hatte vorher geglaubt, Lernsoftware sei da schon weiter und könne sich den eigenen Lernfortschritten etwas geschmeidiger anpassen. Trotzdem ist es dank solcher Apps so bequem wie nie zuvor, zumindest das Grundverständnis für eine Sprache zu entwickeln.

(grh)