Wie Fake-Experten den Ratgebermarkt bei Amazon erobern

Einige Tricks sorgen dafür, dass sich billig gemachte Bücher und E-Books tatsächlich gut verkaufen. Selbst drohende E-Mails an Kunden wurden schon versandt.

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(Bild: charles taylor / Shutterstock.com)

Von
  • Irene Gronegger

Mit seiner Plattform „Kindle Direct Publishing“ (KDP) ermöglicht Amazon allen Interessierten, eigene Bücher und E-Books unkompliziert zu veröffentlichen. Auch andere Firmen bieten solche Dienste an, in Deutschland haben sich unter anderem Book on Demand und Tolino Media etabliert. Viele Selbstverleger laden ihre Inhalte auf solchen Plattformen hoch und vermarkten sie im Internet, sporadisch gehen auch Kleinstverlage solche Wege.

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Seit einigen Jahren nutzen auch andere Akteure die KDP-Plattform, um das schnelle Geld zu machen: Sie schreiben nicht mehr selbst und betreuen auch keine ambitionierten Autorinnen, sondern kaufen billige Ratgeber-Texte ein, verpacken sie in schicke Cover und verkaufen sie unter frei erfundenen Autorennamen. Manche bewirtschaften mehrere Pseudonyme.

Online-Berater wie Grigori Kalinski oder auch die Firma „Business Vibes“ versprechen ihrem Publikum hohe Nebenverdienste. Auf Kalinskis Youtube-Kanal heißt es zum Beispiel: „9500 Euro pro Monat trotz Hauptjob“. Es gibt viele, die es versuchen und auch etliche, die dabei sehr gut verdienen. Der Autor und Blogger Dr. Jan Höpker analysiert die Szene seit zwei Jahren und schätzt, dass es mittlerweile im Amazon-Shop eine gut vierstellige Zahl an Fake-Ratgebern gibt.

Startseite von Businessvibes.de

(Bild: Business Vibes)

Das Geschäftsmodell wurde offenbar vom US-amerikanischen Markt kopiert, die Washington Post berichtete jedenfalls schon im Jahr 2015 über diese Masche. Dort war von „Catfishing“ und „Scam“ zu lesen, im deutschen Sprachraum hat sich mittlerweile der Begriff „Schrottbuch“ durchgesetzt. Doch das Problem beschränkt sich nicht auf die teils schwachen Inhalte der Ratgeber: Einige der Szene-üblichen Praktiken verstoßen gegen die Regeln von Amazon und auch gegen das deutsche Wettbewerbsrecht.

Manches völlig unbekannte Buch hat schon wenige Wochen nach Veröffentlichung eine zwei- bis dreistellige Zahl an Fünf-Sterne-Bewertungen auf Amazon. Hier liegt der Gedanke nahe, dass jemand nachgeholfen haben könnte. Manche Auffälligkeiten lassen sich sehr gut über das Online-Tool „Reviewmeta“ nachvollziehen: Interessierte geben dort die URL eines Amazon-Artikels ein und erhalten eine automatische Auswertung. Besonders aufschlussreich ist die „Overlapping Review History“: Die Rezensionen verdächtiger Bücher haben nämlich eine deutliche Schnittmenge mit den Rezensionen völlig anderer Titel. Je größer diese Überschneidung zwischen themenfremden Büchern ist, umso wahrscheinlicher ist es, dass etliche Bewertungen gemeinsam gekauft oder anderweitig organisiert wurden.

Aber nicht nur Rezensionen sind käuflich, sondern auch Klicks auf den „Nützlich“-Button bei Amazon, damit gefällige Bewertungen möglichst weit oben auf der Produktseite stehen. Oder auch nachteilige Rezensionen ganz oben, wenn es sich um die Produktseite der Konkurrenz handelt.

Ein anderer Trick ist immer kostenlos: Manche Betreiber lassen ihren Ratgeber bei Amazon in völlig unpassenden Fachbuch-Kategorien listen, um leichter an das begehrte orangefarbene Bestseller-Label zu kommen. Wer im Shop gezielt sucht, stößt allerdings auch auf manchen etablierten Verlag, der es mit den richtigen Kategorien nicht so genau nimmt.

Veganes Kochbuch ist Amazon-Bestseller Nr. 1 Architekturjahrbücher

(Bild: Amazon.de)

Noch typischer für die so genannten Schrottbücher ist etwas anderes: Viele angebliche Autoren sind mit einer Biografie ausstaffiert, die fachliche Kompetenz oder Erfahrung suggerieren soll. Amazon erlaubt es nämlich, die hauseigenen Autorenseiten mit frei erfundenen Lebensgeschichten zu füllen und beliebige Fotos von Bildagenturen (Stockfotos) hochzuladen.

Dasselbe gilt sogar für den deutschen Selfpublishing-Dienstleister Epubli, der zur Holzbrinck Publishing Group gehört – ein Unternehmen, das auch an großen Wissenschaftsverlagen beteiligt ist. Die Presse-Anfrage an Epubli, ob es im Ratgeber-Bereich erlaubt sei, Pseudonyme und erfundene Autoren-Biografien einzusetzen, und was für Stockfotos als Autorenfoto gelte, wurde prompt von der Autorenberatung beantwortet: „ja, es ist völlig legitim, unter einem Pseudonym zu veröffentlichen. Was die Stockfotos betrifft, so müssten Sie bei Benutzung natürlich die rechtlichen Bestimmungen des Verkäufers beachten.“

Mancher nutzt den gewährten Spielraum tatsächlich: Bei Epubli publiziert zum Beispiel der angebliche Arzt Dr. Alessio Rammer zwei Gesundheitsbücher, sein Bild ist ein Stockfoto. Rammer ist bei Amazon zusätzlich mit dem Namen „Green Indie Publishing“ gelistet, eine Firma, die auch im Buch-Impressum eines angeblichen „Dr. Alexander F. Rautenberg“ steht. Letzterer soll als „Managementtrainer, Berater, Moderator und Coach“ arbeiten, ist aber nur in Verbindung mit seinen Büchern online auffindbar.

"Dr. Alessio Rammer" und seine Bücher

(Bild: Epubli.de)

Der Großteil des Geschäfts mit Fake-Experten läuft aber direkt auf Amazon. Die Inhalte der Bücher verfassen unterbezahlte Autorinnen und Texter, die üblicherweise nirgends genannt sind. Ihre Werke können Fake-Verleger bei Agenturen kaufen oder selbst auf Online-Plattformen nach billigen Schreibern suchen.

In der ARD-Sendung „Plusminus“ vom 15. Dezember 2021 packte eine Frau aus, die eine Zeitlang für eine Agentur geschrieben hatte: Einige ihrer Ratgeber landeten beim Label „Empire of Books“ der Malik & Mähleke GmbH. Dort hatte man den Camping-Ratgeber aus den Tasten von Franziska Dietz einem erfundenen Abenteurer und Prepper zugeordnet. Dietz arbeitete damals hauptberuflich in einer Steuerkanzlei.

Wenige Tage nach dem Plusminus-Beitrag löschte Amazon alle Bücher und E-Books von „Empire of Books“. Das betraf rund 100 Titel sowie kleinere Labels desselben Unternehmens, die sich den Themen Kochen und Reise widmeten. Die Hörbücher sind derzeit noch da, auch andere in der Sendung erwähnte Pseudonyme (William Lakefield und Matthias Brandt) sind weiterhin bei Amazon präsent.

Unter den Büchern, die Franziska Dietz im Agenturauftrag für „Empire of Books“ geschrieben hatte, war auch eines über agiles Projektmanagement. Andere Fake-Verleger vertreiben ebenfalls Titel über berufliche Herausforderungen: Es geht um Bewerbung, Zeitmanagement, Führung oder gar um Fachkunde Elektrotechnik (letzteres ist gedruckt am 27.12. „Bestseller Nr. 1 in Geschichte des 11. Septembers“). Auch im Finanzbereich findet man anspruchsvoll klingende Titel, zum Beispiel über Immobilien-Investment und Forex-Handel.

Manche Betreiber tragen gar keine erfundene Person in das KDP-Formular ihres Schrottbuchs ein, sondern nur ein thematisch passendes Label, das offenbar Kompetenz suggerieren soll: Beispiele dafür sind Healthcare Institute, Medical Academy, Psychology Experts, Geld Academy, Rezepte Profis oder Code Campus. Manche Herausgeber schmücken auch derartige Labels mit einer Geschichte aus.

Das Stockfoto-Team der „Medical Academy“

(Bild: Amazon.de)

Bei Amazon klappt das Publizieren sogar komplett anonym: Manche Bücher enthalten weder ein Impressum noch einen Verlagsnamen, sodass aus der Sicht der Kunden völlig unklar bleibt, wer für den Inhalt verantwortlich ist.

Andere nennen im Buch eine Adresse im Ausland, die Pseudonyme „Martin von Oldenburg“ und „Andreas Beaumont“ werden anscheinend von Malta aus bewirtschaftet. Der besondere Gag bei Oldenburg: Mehrere positive Rezensionen sind mit hübschen Kundenfotos bebildert, die einander sehr ähneln – anscheinend Mockups, die man online aus dem Cover erzeugen lassen kann.

Manipulation in Aktion mit Mockup

(Bild: Amazon.de)

Wenn Bücher mit schicker Verpackung und dünnem Inhalt eine Weile online sind, treffen irgendwann echte Bewertungen von unzufriedenen Menschen ein. Doch einige Fake-Verleger wollen keine Kritik hinnehmen: Birgit Brixius schrieb auf Amazon eine Ein-Sterne-Bewertung eines Ratgebers, der bei „Empire of Books“ erschienen war. Darauf erhielt sie eine E-Mail von einer angeblichen „Rechtsabteilung von mehreren namhaften Autoren“, die sie massiv drängte, ihre Rezension zu löschen (siehe Bild).

Doch Brixius ist Volljuristin und war davon nicht beeindruckt – ihre Bewertung ließ sie online stehen und informierte Amazon. „Ich fürchte allerdings, dass manch anderer, der sich seiner Sache nicht so sicher ist, seine negative Bewertung aus Angst zurückzieht“, meinte die Juristin.

E-Mail von der erfundenen Rechtsabteilung schüchterte Amazon-Kunden ein

Solche Mails bekamen auch andere Personen, die Bücher einiger weiterer Herausgeber kritisierten. Betroffene hatten sich online bei Dr. Jan Höpker gemeldet, weitere kommentierten unter seinem Blogartikel. Andere aktualisierten ihre Amazon-Bewertung: Hinweise auf die E-Mail finden sich unter einigen Büchern der Pseudonyme Konrad Sewell und Julius Löwenstein. Manche jener Rezensenten waren bei Amazon völlig anonym unterwegs, sie hießen dort Charly, Martin oder einfach „Kunde“. Die meisten hatten Bewertungen geschrieben, die keine persönlichen Informationen enthielten. Woher hatte die erfundene Rechtsabteilung die Mailadressen der unzufriedenen Rezensenten?

Da kommt wohl nur Amazon selbst in Frage. Eine Amazon-Sprecherin mailte im Dezember zum Fall Brixius: „Wir geben die Kontaktinformationen von Rezensent:innen nicht weiter, es sei denn, wir sind gesetzlich dazu verpflichtet.“ Falls das tatsächlich zutrifft, legt das den Gedanken nahe, dass es jemand geschafft hat, ein berechtigtes Interesse gegenüber Amazon vorzutäuschen.

Auch wenn die letzte bekannt gewordene Droh-Mail schon einige Monate her ist: Solange Amazon nur punktuell auf Fake-Betreiber reagiert, wenn das Fernsehen berichtet, funktioniert die Masche mit erfundenen Experten, falschen Kategorien und manipulierten Bewertungen weiterhin fast reibungslos. Vielleicht auch bald außerhalb des deutschsprachigen Raums – einige Schrottbücher wurden bereits in romanische Sprachen übersetzt.

(mack)