Wie Indien sein Corona-Trauma per Social Media verarbeitet

COVID-19 hat den Subkontinent spät, aber umso härter getroffen. Online entwickelt sich eine neue Trauerkultur, erklären Forscher.

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Corona-Desinfektion in Indien.

(Bild: Sujeeth Potla / Unsplash)

Von
  • Tanya Basu

Der Frühling 2021 war in Indien so entsetzlich wie beängstigend: Krankenwagen heulten unaufhörlich, Scheiterhaufen brannten 24 Stunden am Tag, scheinbar endlose Leichensäcke stapelten sich – und die Trauer hing schwer in der Luft.

Vor einem Jahr sah es noch so aus, als wäre der Subkontinent beim Coronavirus dem Schlimmsten entgangen. Während die westliche Welt kämpfte, blieb Indien relativ unversehrt und erreichte Ende September 2020 einen Höchststand von etwa 1.300 Todesfällen pro Tag, bevor die Rate wieder stark zurückging. Anfang des Jahres erklärte Premierminister Narendra Modi stolz, dass das Land seinen Kampf gegen das Virus gewonnen habe. In einem virtuellen Auftritt beim Davos-Dialog des Weltwirtschaftsforums am 28. Januar prahlte Modi mit Indiens "proaktivem Ansatz zur Beteiligung der Öffentlichkeit", seiner für COVID optimierten Gesundheitsinfrastruktur und seinen breiten Ressourcen zu dessen Bekämpfung.

Als dann die Impfungen anzulaufen begannen und die Fälle weiter zurückgingen, wurden die Bemühungen zur Eindämmung des Virus gelockert. Es kam Ende März und Anfang April zu etwas, das sich als katastrophales Superspreader-Ereignis herausstellte: die Kumbh Mela, die große Hindu-Pilgerreise zu Indiens vier heiligen Flüssen, sowie riesige Wahlveranstaltungen in den Bundesstaaten Westbengalen, Kerala, Assam und Tamil Nadu.

Die überfüllten Veranstaltungen zogen Tausende von Menschen an, die keine Masken trugen – und das oft auch auf der Reise nicht. Innerhalb weniger Wochen brach das Krankenhaussystem zusammen; dieser Monat war der bisher tödlichste in Indiens Kampf gegen das Coronavirus, womit das Land insgesamt knapp hinter Brasilien und den USA liegt. Offiziellen Angaben zufolge sind bisher über 311.000 Inder an COVID-19 gestorben – die tatsächliche Zahl der Todesopfer dürfte jedoch weit höher liegen.

Wie an anderen Orten auch, kämpfen die Menschen damit, mit diesen Todesfällen klarzukommen – in einer Zeit, in der ein normales Trauern unmöglich ist. Natasha Mickles, Professorin für Religionswissenschaften an der Texas State University, die über hinduistische und buddhistische Totenrituale forscht, meint, dass jahrtausendealte Traditionen ignoriert werden mussten. "Traditionell ist im Hinduismus und Jainismus der älteste Sohn für das Anzünden des Scheiterhaufens zuständig", sagt Mickles. Aber die Ansteckungsgefahr und Todesrate bei COVID-19 bedeuteten, dass der älteste Sohn oft nicht verfügbar oder, schlimmer noch, gar tot war. Das bedeutete eine enorme Belastung der Menschen.

"Totenrituale sind einige der konservativsten Teile dieser Kultur", sagt Mickles. "Viele von ihnen sind so tief verwurzelt, dass es erst kulturelle Katastrophen braucht, um sie zu ändern. Wir sehen das bei dieser Pandemie. Wir sehen eine Veränderung darin, wie wir trauern."

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Das Internet sei ein wichtiges Forum geworden, um Trauer auszudrücken und der sich seiner Wut über den Umgang der indischen Regierung mit der Krise Luft zu machen. Familien, die einen Verlust erlitten haben, teilen ihren Schmerz in WhatsApp-Gruppen. In schnell eingerichteten Hilfsorganisationen, die Crowdsourcing betreiben, können Freiwillige ihre Trauer um die Verstorbenen kaum verarbeiten, aber helfen anderen Menschen dabei, die Pandemie zu bewältigen. Twitter ist zu einem ständigen Strom von Nachrufen indischer Menschen geworden; die Bitte einer trauernden Frau an Modi, Suizidbeihilfe für besonders Kranke zuzulassen, ging viral.

Doch obwohl Smartphones in Indien auf allen sozioökonomischen Ebenen weit verbreitet sind, sind die digitale Kompetenz und die Fähigkeit, sich online zu vernetzen, immer noch mit Reichtum und Privilegien verbunden – was bedeutet, dass nur ein bestimmter Teil der Bevölkerung in der Lage ist, online wirklich zu trauern.

"Ich habe noch nie etwas in diesem Ausmaß gesehen", sagt Shah Alam Khan, ein Onkologe und Professor am All India Institute of Medical Sciences in Delhi. "Früher hat man nur Zahlen von Menschen gelesen, die an COVID-19 gestorben sind. Jetzt gibt es Namen. Jeder von uns kennt jemanden, der von der Krankheit dahingerafft wurde. Ich kenne niemanden, der nicht jemanden kennt, der gestorben ist."

Khan sieht Ärzte, die von ihrer Trauer so überwältigt sind, dass sie selbst zusammenbrechen. Erst kürzlich hat sich ein Kollege in einem anderen Krankenhaus nach seinem achten erfolglosen Wiederbelebungsversuch in seinem Büro umgebracht. Es ist ein Tod, über den Khan nur leise spricht: Er gibt zu, dass er ihn noch nicht verkraftet hat. "Wenn der Tod in unserer zutiefst religiösen Gesellschaft eintritt, ist die Trauer eher ein Teil der Tradition als alles andere", sagt er. "Ich bin Atheist, aber in diesem Land sind Tod und Trauer einfacher, wenn man ein spiritueller Mensch ist."

Seema Hari war eine von unzähligen Menschen, die die Stories-Funktion auf Instagram nutzten, um Ressourcen mit Informationen darüber zu teilen, wo man beispielsweise Sauerstoffflaschen finden kann, wobei sie sich auf ihre Heimatstadt Mumbai konzentrierte. Aber als Mitglieder ihrer eigenen Familie an COVID-19 erkrankten, versank sie in tiefe Trauer und war bis auf ihre Social-Media-Aktivitäten isoliert.

"Ich habe die meisten meiner Tage damit verbracht, mir Sorgen zu machen und zu versuchen, Leuten Ressourcen zu vermitteln – und die Nächte damit, per WhatsApp zu reden. Nicht nur mit meiner Familie, sondern auch mit anderen Freunden in ganz Indien, um ihnen die furchtbare Frage zu stellen, ob es allen auf ihrer Seite gut geht und ob sie Hilfe brauchen", erzählt Hari per E-Mail.

Hari meint, sie habe nicht die Fähigkeit verspürt, richtig zu trauern und sieht sich auch nicht in der Lage, dies zu tun: "Es gibt so viel kollektiven und persönlichen Schmerz zu verarbeiten, aber es ist fast so, als wäre uns nicht einmal das Privileg vergönnt, zu trauern, weil der Verlust so unerbittlich ist und so viele Dinge unser Handeln und unsere Aufmerksamkeit erfordern." Nikhil Taneja, der Gründer der Jugendmedienorganisation Yuvaa, hat den Menschen während der sich ausbreitenden Katastrophe geholfen, sich zu vernetzen, indem er Gesprächsrunden bei "Twitter Spaces" mit Neha Kirpal, einer Fachkraft für psychische Gesundheit, veranstaltete.

Taneja sagt, dass das Veranstalten dieser Sitzungen ein wichtiger Weg war, um jungen Menschen zu helfen, die er auf Twitter und Instagram mit der Trauer kämpfen sah. "Es scheint in unserem Land keine Anerkennung dieser Trauer zu geben", sagt er und verweist auf das Fehlen einer Entschuldigung von Modi. "Wir verlieren Familie, Freunde und geliebte Menschen. Das Leben wird auf Statistiken und Zahlen reduziert." (bsc)