Wie Japan bei den olympischen Spielen Robotern den Weg in den Alltag bahnt

Noch könnte die Pandemie die Spiele von Tokio stoppen. Doch die Roboter, die seit vorigem Jahr auf ihren Einsatz warten, laufen sich schon warm.

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Der Human Support Robot von Toyota im Einsatz.

(Bild: Toyota)

Von
  • Martin Kölling

Die olympischen Spiele in Tokio könnten für Roboter das werden, was die Tokioter Spiele von 1964 für die elektronische Zeitmessung war: der Durchbruch. Damals half die weltweite Aufmerksamkeit dem Uhrenhersteller Seiko, zu einer weltweiten Uhrenmarke zu werden. Dieses Mal könnten das Sportspektakel den Aufstieg von Toyotas Robotersparte zu einem ernsthaften Anbieter beschleunigen. Denn maschinelle Helfer des Autobauers werden die Stadien und Japan bevölkern, wenn die schon einmal verschobene Großveranstaltung denn dieses Jahr überhaupt stattfinden sollte.

Einer der maschinellen Helfer hat sich sogar schon öffentlich für seinen Einsatz warmgelaufen. Der einarmige Human Support Robot von Toyota trug beim olympischen Fackellauf die Fackel für einen behinderten Läufer. In den Stadien solle er behinderte und andere Gäste an ihre Plätze führen, von denen die Besucher von Leichtathletik-Veranstaltungen dann den nächsten Toyota-Roboter im Einsatz sehen könnten.

FSR, der Field Support Robot, dürfte im Olympiastadion über das Feld surren. Sein Design haben die Ingenieure Toyotas Konzept für autonome "E-Palette"-Nutzfahrzeuge nachempfunden, die vor den Stadien verkehren sollen (mitsamt einer schnell aufladbaren Feststoffbatterie an Bord, die als nächste Batteriegeneration gilt). Aber die FSRs werden keine Menschen transportieren, sondern Speer, Diskus und Kugel. Nebenbei wird ihr Einsatz ein guter Test für die Entwickler sein, ob die Technik so funktioniert, wie sie es sich wünschen.

Außerdem wird der lebensgroße, ferngesteuerte T-HR3 in anderen Orten Japans als eine Art Cheerleader eingesetzt. Es ist einer der derzeit faszinierendsten humanoiden Roboter Toyotas. Das Gerät ist sehr gelenkig und verliert selbst bei karateähnlicher Gymnastik nicht das Gleichgewicht. Normalerweise imitiert der Automat daher Bewegungen von Menschen oder führt mit filigraner Genauigkeit einprogrammierte Bewegungen vor. Während der Spiele ist allerdings geplant, dass T-HR3 als Vorturner die Bewegungen der Robotermaskottchen Miraitowa und Someity kopiert, um fernab der Stadien olympischen Geist zu verbreiten.

Auch ein anschnallbares Exoskelett dürfte eingesetzt werden, das Helfern beim Heben schwerer Gegenstände unterstützt. Hersteller ist in diesem Fall ein kleiner Hersteller, der vom Großsponsor und Technikkonzern Panasonic ausgegründet wurde. Das Gerät hilft jetzt schon in der Logistik Arbeitern beim Tragen.

Darüber hinaus hat Toyota noch eine Reihe weiterer Roboter entworfen, deren Nutzen allerdings durch die Corona-Pandemie in Frage gestellt werden könnte. Denn die Organisatoren haben noch nicht entschieden, ob wegen der Pandemie überhaupt Zuschauer in die Stadien dürfen. Ausländische Touristen sind ohnehin schon ausgesperrt worden.

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Da ist der Telepräsenzroboter T-TRI, ein nahezu menschengroßer, schmaler Bildschirm auf Rädern, in den sich Zuschauer aus der Ferne einloggen können. Der Plan: Über eine 360-Grad-Kamera die Atmosphäre einfangen und mit Gästen oder Sportlern quasi in Echtzeit (und Echtgröße) telekommunizieren. Toyotas Entwickler glauben, dass Onlinekommunikation besser funktioniert, wenn sie in lebensecht stattfindet. Ohne Zuschauer wird es mit der Kommunikation allerdings schwierig.

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Auch das Schicksal des DSR (Delivery Support Robot) ist ungewiss. Bei ihm handelt es sich um ein tonnenförmiges Wesen, das Getränke und Snacks an Zuschauer ausliefern könnte. Vielleicht muss sich der Roboter nun auf das Begleitpersonal, olympische Kader und lokale Helfer konzentrieren. Aber vielleicht werden Zuschauer ja doch zugelassen. Die Entscheidung soll bis zum 24. Juni fallen.

Wie auch immer die Spiele ausgehen, die Olympia-Sponsoren sind mit ihren Robotern dem Plan der Regierung nachgekommen, die olympischen Spiele als Bühne für Hightech aus Japan zu nutzen. Und gerade Roboter spielen in Japan industriepolitisch eine große Rolle. Denn die Wirtschaftsplaner hoffen, Japans Weltmarktführerschaft bei Industrierobotern künftig bei Alltagsautomaten zu duplizieren.

Bei dem Versuch spielen nicht nur Großkonzerne eine Rolle. Der Roboterentwickler Kentaro Yoshifuji will noch im Juni ein behindertfreundliches Café öffnen, in dem ferngesteuerte Roboter die Gäste begrüßen, bedienen und mit ihnen sprechen – und so bettlägerigen Schwerbehinderten eine Arbeit geben werden.

Bereits 2018 führte er vor, wie der funktionieren soll: Sein Servierroboter heißt OriHime-D. Dabei handelt es sich um eine größere Version des bisherigen Hauptprodukts von Yoshifujis Unternehmen OryLaboratories. Der künstliche Kellner ist 120 Zentimeter groß und kann mit seinen zwei Armen Dinge tragen. Yoshifujis Idee ist, dass ALS- und SMA-Patienten, die ihre Körper nicht mehr bewegen können, den Roboter mit den Augen steuern und so Geld verdienen können. Es wäre einer der Fälle, in denen Roboter keine Jobs ersetzen, sondern welche schaffen. (bsc)