Wie Japan und Südkorea aus der Chipkrise kommen wollen

Die USA, China und die EU kämpfen um die Dominanz in der globalen Chipindustrie. Nun kontern Tokio und Seoul mit eigenen Förderprogrammen.

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(Bild: Brian Kostiuk / Unsplash)

Von
  • Martin Kölling

Der neue Halbleitermerkantilismus der drei Wirtschaftsgroßmächte Europa, Vereinigte Staaten von Amerika und China setzt Ostasiens Hightechriesen Japan und Südkorea mächtig unter Druck. Mit vielen Milliarden Euro versuchen die USA, China und die EU derzeit, in ihren Wirtschaftsgrenzen Chipwerke anzusiedeln. Damit wollen sie bei einem Schlüsselbauteil der Digitalwelt autarker werden, denn die aktuelle Chipkrise macht ihnen massiv zu schaffen.

Nun legen auch Japan und Südkorea eigene Förderprogramme und Überlebensstrategien aus. Denn die Wirtschaftsplaner in Tokio und Seoul fürchten, bei dem Wettlauf der drei Giganten und dem Technikkrieg zwischen den USA und China ihre derzeit starke Position in der globalen Lieferkette zu verlieren.

Die japanische Regierung wird voraussichtlich im Juni eine neue Wachstumsstrategie vorstellen, in der die Wiederbelebung der lokalen Chipindustrie, die früher mit der amerikanischen die Welt dominierte, eine prominente Rolle spielen wird. Kazumi Nishikawa, der zuständige Beamte im Ministerium für Wirtschaft, Handel und Industrie (Meti), nennt den Grund: "Wir fürchten, dass alle Bereiche der Chipindustrie außerhalb Japans liegen werden, wenn wir jetzt nichts tun."

Die genauen Details des Plans sind noch unbekannt, die Stoßrichtung nicht. Seine starke Position als Produktionsstandort hat Japan bereits verloren. Die Speicherchipherstellung wird von den südkoreanischen Konzernen Samsung Electronics und SK Hynix dominiert, die Waferherstellung von TSMC in Taiwan. Nur Kioxia, die frühere Halbleitersparte des Technikriesen Toshiba, bei Speicherchips und Renesas bei Komponentenchips halten noch die Stellung.

Immerhin konnten bisher die Hersteller von Produktions- und Testanlagen sowie die Hersteller von Materialien und Spezialchemie für die Chipindustrie ihre oft dominierende Stellung in der Lieferkette behaupten. Auch an den Universitäten und in den Technikkonzernen gibt es weiterhin großes Chip-Knowhow. Aber die Regierung sorgt sich, dass auch diese Funktionen über kurz oder lang dorthin wandern, wo auch in großen Mengen Chips hergestellt werden.

In ihrem Hilfsprogramm setzt Japans Regierung allerdings nicht darauf, die gesamte Lieferkette im eigenen Land abzubilden, erklärt Nishikawa. "Wir müssen die Kapazitäten verbessern, aber gemeinsam mit anderen Ländern." Dafür will die Regierung ihre begrenzten Ressourcen auf Bereiche fokussieren, in denen die Industrie heute stark ist und die mit der Vernetzung des Alltags und der Fabriken boomen werden.

Dazu zählen Chips für vernetzte Geräte und Maschinen, Autos, Künstliche Intelligenz, Sensoren, Umwelttechnologien und als ein weiterer Bereich die Materialwissenschaft. Denn kein einzelnes Land könne die benötigte Vielfalt und die Stückzahlen liefern, meint Nishikawa. "Man braucht eine globale Lieferkette."

Japans Regierung verhandelt daher bereits mit den USA über gemeinsame Initiativen und buhlt massiv um den derzeit größten Auftragsfertiger von Chips, TSMC aus Taiwan. Und es gibt bereits einen ersten Erfolg: TSMC wird in Japan ein neues Forschungszentrum aufbauen, das sich auf neue Materialien und Packaging-Prozesse konzentrieren wird. Südkorea hingegen versucht die dominante Stellung seiner Konzerne bei Speicherchips zu nutzen, um nun auch zum führenden Hersteller von LSI- und Computerchips zu werden. Im Mai stellte die Regierung ihre "K-Halbleiterstrategie" vor, die bis 2030 mit Subventionen und Steuernachlässen für Forschung und Entwicklung sowie den Fabrikbau Investitionen von mehr als 370 Milliarden Euro in die Chipindustrie anregen will.

Gleichzeitig versuchen Regierung und Konzerne sich als verlässlicher Partner und Zulieferer des US-Versuchs anzudienen, Amerikas Chipproduktion wieder großartig zu machen – und die von Akkus und Autos gleich mit dazu. Südkoreas Präsident Moon Jae-in präsentierte US-Präsident Joe Biden im Mai bei einem Gipfeltreffen ein staatliches Antrittsgeschenk der Korea AG. Die vier koreanischen Konzerne Samsung Electronics, LG Energy Solution, SK Innovation und Hyundai Motor versprachen, zusammen 39,4 Milliarden Dollar in die Produktion von Halbleitern, Elektroautos und Batterien in den USA zu investieren.

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Der Erfolg der japanischen und koreanischen Pläne ist dabei keineswegs gesichert. Noch versuchen sowohl Japan als auch Korea, ihre Rolle als neutraler Lieferant für alle Nationen zu bewahren. Beide Länder vermeiden daher, ihren wichtigsten Handelspartner China allzu arg zu brüskieren. Aber ihre Strategien deuten an, dass Unternehmen und Länder im Technikkrieg zwischen den USA und China immer stärker entscheiden müssen, an wen sie sich enger binden. Europa könnte davon profitieren, in dem es stärker um Allianzen mit den zwei ostasiatischen Technikexporteuren wirbt. (bsc)