Japans Traum von einem Stromtanker soll Wirklichkeit werden

Ein Start-up-Gründer sucht nach Geld für seine Idee, Strom per Schiff zu transportieren. In Nippons Medien findet die Idee Gehör, doch auch in der Wirtschaft?

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So könnte der Stromtanker aussehen.

(Bild: PowerX (Rendering))

Von
  • Martin Kölling

Masahiro Itos Traum von der Revolution im Tankerbau sieht aus wie ein Zwitter aus U-Boot und Katamaran. Trimaran nennt der japanische Gründer des Start-ups PowerX den Zukunftstanker der besonderen Art, von dem es noch kein Exemplar gibt. Das Schiff soll der erste Elektrizitätstanker der Welt werden und künftig Strom von Windkraftanlagen weit vor Japans Küste an Land bringen.

Ito hegt hohe Ambitionen. Er wolle den "Tesla der See" ins Leben rufen, erklärte er gerade der japanischen Wirtschaftszeitung Nikkei. Und genau wie Tesla-Gründer Elon Musk seiner Zeit stellt er ehrgeizige Ziele auf, ohne viel vorzeigen zu können, noch nicht einmal einen Investor. Doch die Idee ist so verwegen, dass es sich darüber nachzudenken lohnt.

Bereits 2025 soll das erste Schiff vom Stapel laufen, die Power Ark 100. Auf 100,5 Metern Länge und 21,9 Metern maximaler Breite bietet es im Entwurf des Gründers 100 containergroßen Batterien mit 222 MWh Kapazität Platz. Elektrisch angetrieben soll es 300 Kilometer weit fahren können. Doch auch Methanmotoren denkt PowerX an.

Trimaran nennt der japanische Gründer des Start-ups PowerX den Zukunftstanker der besonderen Art, der erst noch gebaut werden soll.

(Bild: PowerX)

Aber Ito hat auch schon Zeichnungen und Computergrafiken von 150 und 300 Meter langen Stromtankern und großen Batteriefabriken parat. So will Ito in großem Maßstab vom bevorstehenden Windkraftboom in Japan profitieren. Immerhin hat die Regierung voriges Jahr das Ziel ausgegeben, bis 2050 treibhausgasneutral zu wirtschaften.

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Bis zum Etappenziel 2030 wurde daher der geplante Anteil von erneuerbaren Energien von 22 bis 24 Prozent auf 36 bis 38 Prozent erhöht. Um das Ziel zu erreichen, rechnet die Regierung damit, die installierten Windkraftkraftkapazitäten von 20 MW auf 10 GW im Jahr 2030 zu erhöhen. Bis 2040 könnte die installierte Kapazität auf 30 bis 45 GW steigen, glaubt Ito.

Ito will nun mit seinen Tankern dabei helfen, zwei Probleme Japans bei dem Plan zu entschärfen: die Energiespeicherung und die Topografie. Generell stellt sich weltweit die Frage, wie bei einem Ausbau stark fluktuierender Versorgung mit Solar- und Windkraftwerken Überkapazitäten und Flauten ausgeglichen werden können.

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Pumpkraftwerke, bei denen Wasser aus dem Tal in höher gelegene Stauseen gepumpt und bei Bedarf durch Turbinen wieder abgelassen wird, ist eine oft in Japan praktizierte Lösung. Die Produktion von Wasserstoff wird ebenfalls vorangetrieben, während Autohersteller die Akkus ihrer Hybrid- und Elektroautos als mobile Zwischenspeicher anpreisen. Ein Flotte schwimmender Akkus würde dies noch ergänzen.

Doch Japan-spezifisch sind die schwierigen Bedingungen für Windkraft. Das ostasiatische Inselreich wird durch den Zusammenstoß mehrerer tektonischer Platten in die Höhe geschoben. Daher wird die Landschaft meist von Bergen mit sehr steilen Hängen geprägt, die sich oft nicht für Windkraftanlagen eigenen.

Also müssen die Windfänger ins Meer. Nur senkt sich der Meeresboden ebenso rasch wie die Berghänge. Damit sind auf Meeresgrund gebaute Windmühlen wie in der Nordsee nicht in großer Masse möglich. Japan müsste daher viele schwimmende Windparks bauen, die ihren Strom mit Kabeln an Land schaffen können. Ob die Schiffe das billiger können, hat Ito allerdings noch nicht bewiesen. Lieber wirbt PowerX damit, dass Schiffe weniger in die maritimen Biotope eingreifen würden als Stromkabel.

Trotz seiner vagen Pläne findet Ito in Japan Gehör. Denn bis zu diesem Jahr gehörte der ehemalige Start-up-Gründer und zuletzt als COO des Moderiesen Zozo irgendwie zum IT-Establishment. Schon 2000 hat er das Start-up Yappa gegründet, das digitale Visualisierungstechniken entwickelt hat. 2014 wurde das Unternehmen von Zozo gekauft, das nun selbst zur Z Holdings gehört, einem Internetkonzern des Investmentkonzerns Softbank.

Wohl um sich mehr Glaubwürdigkeit zu verschaffen, benennt er zudem prominente beratende Vorstandsmitglieder. Einer ist Paolo Cerruti, Mitbegründer und COO des schwedischen Akkuentwicklers Northvolt. Damit suggeriert Ito, im Zweifel schon mal einen Partner für seine eigenen Akkuwerke zu haben. Doch ein wichtiger Baustein fehlt Ito noch, um zu zeigen, dass es sich bei seinen Stromtankern nicht nur um maritime Hirngespinste handelt: ein Partner, der mit ihm wenigstens den Bau des ersten Prototyp finanziert.

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(bsc)