Wie Japans langsames Impfprogramm die olympischen Spiele erschwert

Im Kampf gegen die vierte Coronawelle werden die Schwächen der Coronapolitik des Landes spürbar. Es bedarf einer Revolution im Gesundheitssystem.

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Die Spiele von Tokio werden vor allem digital sein – für die Zuseher.

(Bild: Martin Sanchez / Unsplash)

Von
  • Martin Kölling

Das Internationale Olympische Komitee IOC und Japans Regierung sind sich bisher in einem einig: Die schon einmal verschobenen olympischen Spiele sollen nicht erneut dem SARS-CoV-2-Virus zum Opfer fallen. Doch nun erhöht eine vierte Virenwelle, die von ansteckenderen Virenvarianten getrieben wird, die Wahrscheinlichkeit, dass das Horrorszenario der sportlichen Planer Wirklichkeit wird: Kein geringerer als der Generalsekretär der regierenden liberaldemokratischen Partei, Toshihiro Nikai, hat offen eine Absage der Spiele ins Spiel gebracht, wenn Japan die Lage nicht in den Griff bekommt.

So hat die Regierung in den vier größten Virenherden des Landes wieder einen Ausnahmezustand verhängt, der schärfer als die zwei vorhergehenden ist. Bisher mit wenig Erfolg: Die Zahl der Infektionen in Osaka ist immer noch hoch, während sie in Tokio sogar steigt. Doch dazu addiert sich ein anderes Problem im pandemischen Widerstandskampf: Japan hinkt wie in andere asiatischen Länder beim Impfen hinter den USA und Europa hinterher.

Dafür gibt es viele Gründe, einer ist der Eigensinn der Impfstoffproduzenten, die Vakzine erst daheim zu verwenden. Ein anderer, dass anderswo genehmigte Impfstoffe in Japan noch einmal klinische Tests durchlaufen müssen. Diese beiden Faktoren gelten auch in anderen Ländern der Region. Doch Japans Impfprogramm liegt sogar hinter dem Nachbarn Südkorea zurück, der bereits als langsam gilt.

Bisher wurden laut einer Informationsseite von Reuters nur 1,4 Prozent der Bevölkerung geimpft. In Südkorea liegt der Wert demnach immerhin doppelt so hoch. Die Regierung plant nun, bis zum Beginn des globalen Sportfests Ende Juli wenigstens das große Rentnerheer zu des Landes zu immunisieren. Doch ob das gelingt, ist unsicher. Denn Japans starre Regeln beschränken eine rasche Ausdehnung der Vakzinvergabe.

Wie bei Virentests, die in Japan im internationalen Vergleich ebenfalls nur in homöopathischen Dosen durchgeführt werden, war das Impfprogramm zuerst auf die angestammten Wege eingeschränkt. So sind die öffentlichen Gesundheitszentren für die Tests verantwortlich – und Kassenärzte sowie anerkannte Krankenpfleger für das Impfen. Nur reichen die nicht aus, um die Injektionen schnell auszuteilen.

Die Probleme führen nun zu einer Revolution in Japans Gesundheitssystem. So überlegt die Regierung bereits, Zahnärzten zu erlauben, die Vakzine zu injizieren. Außerdem will die Regierung nun in Osaka und Tokio mit Hilfe des Militärs Impfzentren aufbauen, um mehr Senioren zu erreichen. Doch die größte Reform könnte im Genehmigungsverfahren und den Notstandsrechten der Regierung anstehen.

Japans Ministerpräsident Yoshihide Suga will mit einer Gesetzesänderung ermöglichen, dass andernorts zugelassene Impfstoffe notfalls auch ohne japanische klinische Tests genutzt werden können. Damit rückt die Regierung ihrer bisher vorsichtigen Haltung zu Leibe, die von einem Desaster bei Mumps-, Masern- und Rötelnvakzinen in den 1980er Jahren stammt. Damals erlitten 1800 Menschen schwerere Nebenwirkungen und mussten entschädigt werden.

Doch in der jetzigen Pandemie hat dies dazu geführt, dass bisher nur der Impfstoff von Biontech und Pfizer in einem auf zwei Monate verkürzten Verfahren eine Zulassung erhalten hat. AstraZenecas und Modernas Alternativen befinden sich noch in der Prüfung. Dies schränkt die ohnehin geringe Verfügbarkeit von COVID-19-Vakzinen im Land noch weiter ein. Außerdem will die Regierung auch mehr Rechte im Krisenfall, um Betten für Kranke zu requirieren. Bisher behandeln in der Regel nur öffentliche Kliniken COVID-19-Patienten, während sich die große Zahl privater Krankenhäuser weigert. Dies führt dazu, dass Japan schon mit deutlich niedrigeren Fallzahlen als Deutschland ein Kollaps der medizinischen Versorgung von Coronakranken droht.

Nur werden die gesetzlichen Maßnahmen nicht bis zum Sommer verabschiedet werden, sondern wohl erst 2022. Damit muss das Land mit seinen bisherigen Maßnahmen mehr als 80.000 Athleten und mitreisende Helfer und Journalisten kontrollieren und bei Bedarf verarzten. Vereinigungen von Ärzten und Pflegepersonal hinterfragen bereits, wie das notwendige medizinische Personal zur Verfügung gestellt werden kann, ohne gleichzeitig die Versorgung der Bevölkerung zu beeinträchtigen. Ausländisches Publikum darf nicht ins Land.

Umso wichtiger wird es für die Regierung, die Wucht der vierten Virenwelle zu brechen. Der dritte Notstand wirkt dabei bislang schwächer als die vorhergehenden Maßnahmen, da laut Bewegungsdaten von Handys mehr Menschen als zuvor ihre Wohnungen verlassen, um tagsüber auszugehen. Als eine Gegenmaßnahme ist bereits eine Verlängerung des Corona-Notstands im Gespräch, der eigentlich am 11. Mai enden sollte. Denn es ist schon jetzt absehbar, dass die Kurve bis dahin nicht wieder auf niedrige Werte fallen wird.

(bsc)