Wie Kapstadt ohne Wasser überleben will

Regelmäßig leidet die südafrikanische Stadt unter massiven Dürren. Wie vorbereitet ist sie auf den "Day Zero"?

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(Bild: Photo by kylefromthenorth on Unsplash)

Von
  • Joseph Dana

Die letzten Wochen des Jahres 2017 waren für viele Bewohner der südafrikanischen Metropole Kapstadt ein Graus. Sie standen Tag und Nacht Schlange, um alte Krüge mit Wasser aus den wenigen natürlich vorhandenen Quellen der Stadt zu füllen. Angst lag in der Luft. Denn nach monatelangen Warnungen wegen einer ungewöhnlich langen Dürre stand die Millionenregion kurz davor, die erste Metropole der Welt zu werden, die gar kein Wasser mehr hat. Die vorhandenen Trinkwasserreservoire waren auf unter 25 Prozent ihrer Kapazität gesunken und der Pegel sank weiter. Würde der Inhalt auf 13,5 Prozent der Kapazität sinken, würde das städtische Wassernetz zusammenbrechen, sagten Experten – und Millionen von Einwohnern müssten mit erheblichen Einschränkungen rechnen.

Die Reservoire erreichten den kritischen Wert von 13,5 Prozent zum Glück nie, was als "Day Zero" bezeichnet wurde. Die Stadt führte Wasserbeschränkungen ein, erhöhte die Wassertarife und gab den größten Teil ihres Budgets für den Bau von drei Entsalzungsanlagen aus, die die Wasserversorgung sicherstellten. Die Einwohner nahmen die Dinge auch selbst in die Hand, indem sie Wasser aus natürlichen Quellen schöpften und Regenauffangsysteme installierten, wenn sie die Mittel dazu hatten.

Vier Monate später regnete es wieder und die Pegel der Reservoire stiegen. Doch der Schatten von "Day Zero" liegt noch immer über der Stadt. "Die Bürger Kapstadts haben die Ängste, die durch die Dürre und die Gefahr, dass der Stadt das Wasser ausgehen könnte, ausgelöst wurden, nicht vergessen", sagt Kevin Winter, Dozent für Umwelt- und Geowissenschaften an der Universität Kapstadt.

Aufgrund der Angst vor einem echten "Day Zero", so Winter, liege der durchschnittliche tägliche Wasserverbrauch in der Stadt nun zwischen 700 und 800 Millionen Litern und damit etwa halb so hoch wie noch im Jahr 2014. Aber selbst wenn der Verbrauch niedrig bleibt, könnte die nächste Dürre all diese Bemühungen konterkarieren. Wissenschaftler gehen davon aus, dass Kapstadt in den nächsten 100 Jahren aufgrund des Klimawandels mit weiteren lang anhaltenden Dürreperioden zu rechnen hat.

Obwohl die Dürre hauptsächlicher Auslöser der Wasserkrise war, wurde sie nach Ansicht von Experten durch bereits vorhandene Probleme verschärft – darunter grundlegende Schwächen beim Wassermanagement, bei der Infrastruktur der Reservoire und den Regenwassersammelanlagen.

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Die Stadt hat mittlerweile einen Plan, um die Situation in den Griff zu bekommen. In Absprache mit Forschern und Wissenschaftlern hat sie schon 2020 eine neue Wasserstrategie entworfen, die die Versorgung der Stadt grundlegend widerstandsfähiger gegen künftige Dürreperioden machen soll. Zu den geplanten Ansätzen gehört eine Diversifizierung der Wasserherkunft durch die Nutzung von Grundwasser aus Brunnen und Bohrlöchern. Zudem soll Regenwasser wiederverwendet werden und gereinigtes Abwasser sowie Grauwasser aus Haushalten für die Bewässerung von Gärten und landwirtschaftlichen Flächen zum Einsatz kommen. Es gibt auch Pläne für mehr Entsalzungsanlagen, bessere Kontrollen des Wasserverbrauchs, eine Verringerung von Leckagen und Investitionen in die Infrastruktur.

Das klingt alles gut, doch es könnte schwierig werden, die Reformen politisch umzusetzen. Die Ausweitung des Zugangs zu Wasser ist für den regierenden ANC seit dem Ende der Apartheid im Jahr 1994 ein großer Streitpunkt. In den meisten Elendsvierteln können mindestens 2 Millionen Bewohner – von Kapstadts Gesamtbevölkerung von etwa 4,6 Millionen – das städtische Wasser nur an kommunalen Zapfstellen nutzen. Die Regierung hat Millionen von armen Südafrikanern immer wieder versprochen, wichtige Dienstleistungen wie diese zu verbessern – und dabei versagt.

Insgesamt sieht der Plan der Stadt für eine bessere Wasserversorgung Investitionen in Höhe von rund 300 Millionen Euro vor. Im Rahmen der Strategie will die Stadt bis 2026 eine neue Entsalzungsanlage mit einer Kapazität von 50 Millionen Litern pro Tag im Wert von 100 Millionen Euro bauen. Gleichzeitig werden allerdings die drei Entsalzungsanlagen, die 2017 zur Bekämpfung des "Day Zero" aus dem Boden gestampft wurden, wieder abgebaut. Sowohl die Stadt als auch die beteiligten Baufirmen halten sich über den genauen Grund für die Stilllegung der Anlagen bedeckt. Es gebe eine höhere Nachfrage "in anderen Bereichen", sagte ein Baumanager.

Die Privatwirtschaft wartet indes nicht darauf, bis die Stadt das Wasserproblem behebt. Die wichtige Weinindustrie zum Beispiel wurde von der Dürre besonders hart getroffen. Seitdem haben viele Weingüter hochmoderne Wassermanagementsysteme eingeführt, die auf Selbstversorgung basieren. Dazu gehören die Wiederverwendung von gereinigtem Abwasser, das Sammeln von Regenwasser und der Einsatz ausgeklügelter Bewässerungssysteme, die auf eine Reduzierung von Wasserverschwendung ausgerichtet sind. Auf den Weingütern wurde auch viel in eigene Forschung investiert, um sicherzustellen, dass man die wissenschaftlich besten Methoden findet.

Dennoch ist Gerard Martin, Geschäftsführer von Winetech, einer Non-Profit-Organisation, die von der südafrikanischen Weinindustrie ins Leben gerufen wurde, der Meinung, dass weder die Stadtverwaltung noch seine Branche bislang ausreichend für die nächste Dürre vorgesorgt haben. "Wir bereiten uns auf jeden Fall auf die Zukunft vor", sagt er.

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(bsc)