New World, New Work: Wie Künstliche Intelligenz die Arbeitswelt verändern könnte

Auf der Konferenz "Bits & Bäume" wagt Jonas Kohl in seinem Vortrag „New World, New Work" eine Annäherung an die Arbeitswelt von morgen. Eine Vorschau.

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(Bild: sdecoret / Shutterstock.com)

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  • Jonas Kohl
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Vom 30. September bis zum 2. Oktober 2022 findet in Berlin die Konferenz "Bits & Bäume" statt. „Bits & Bäume“ ist ein deutschlandweites zivilgesellschaftliches Bündnis. Die Auftaktkonferenz fand im Jahr 2018 statt. Heise online ist Medienpartner der diesjährigen Konferenz. In diesem Gastbeitrag gibt Jonas Kohl einen Einblick in seinen Vortrag „New World, New Work – Eine Spekulative Annäherung an die Arbeitswelt von Morgen“.

Kaum ein Feld der Technologie wurde wohl in den letzten Jahren außerhalb von Fachkreisen so lebhaft diskutiert wie das der Künstlichen Intelligenz. Dabei scheint gleichermaßen in der breiten Öffentlichkeit immer noch ein Mangel an Verständnis darüber zu herrschen, was sogenannte KI genau sein soll, und für die Erledigung welcher Aufgaben sie letztlich geeignet ist.

Ein Gastbeitrag von Jonas Kohl

Jonas Laurenz Kohl studierte Philosophie, Maschinenbau und Mensch-Computer-Interaktion in Berlin und Nottingham. Er arbeitet als freischaffender Musiker und forscht an der TU Berlin zu Künstlicher Intelligenz und ihrer Einbettung in kreative Prozesse und soziale Kontexte.

Eine derart unbekannte Technologie, von der es aber gleichzeitig heißt, dass sie unser Leben und unsere Gesellschaft grundsätzlich verändern wird, regt vielerorts fantasiereiches Spekulieren über Endzeitszenarien an, in welchen wir von Maschinen, die uns in allen Belangen überlegen sind, bekriegt oder unterdrückt werden. Solche Vorstellungen gehören jedoch in das Reich der Fiktion und haben mit dem Entwicklungsstand der KI und ihrer absehbaren Zukunft wenig zu tun. In der Tat wäre es angebracht, den inzwischen üblichen, aber alles andere als unumstrittenen Begriff der ‚Künstlichen Intelligenz‘ durch ein weniger irreführendes und ominös klingendes Pendant zu ersetzen. Denn die entsprechend bezeichneten Algorithmen und Programme, so beeindruckend ihre Errungenschaften auch sein mögen, sind nicht ‚intelligent‘ in einem mit menschlicher Intelligenz vergleichbaren Sinne. Genauer gesagt sind sie nach qualitativen Gesichtspunkten nicht intelligenter als ‚herkömmliche‘ Software oder damit im Übrigen auch als mechanische Apparate. Sie sind, grob gesprochen, lediglich ungemein besser darin geworden, Regelmäßigkeiten in Datensätzen zu finden und auf wiederum andere Datensätze anzuwenden.

Der Knackpunkt an der Sache ist, dass dies bereits ausreicht, die meisten der in unserem Alltag anfallenden Aufgaben, schneller und zuverlässiger zu erledigen als wir. Das ist überall dort von Vorteil, wo es sich um lästige Angelegenheiten handelt, die die meisten Leute gerne abgeben. Es entsteht jedoch dort ein potenzielles Problem, wo das Nachkommen dieser Tätigkeiten letztlich für den Erhalt unseres Lebensunterhalts sorgt: Schon heute steht fest, dass sich der Arbeitsmarkt durch die voranschreitende Implementierung und Verbesserung Künstlicher Intelligenz grundlegend transformieren wird. Dies könnte sich schon in absehbarer Zeit im fast vollständigen Verschwinden ganzer Berufsgruppen äußern – von BerufsfahrerInnen über viele Angestellte in Logistik, Vertrieb und Callcentern bis zu Jobs in der Dateneingabe oder Prozessüberwachung.

Noch prägnanter wird jedoch wahrscheinlich ins Gewicht fallen, dass beinahe alle Berufe zu einem beträchtlichen Teil aus Aufgaben bestehen, die mithilfe Künstlicher Intelligenz schon bald automatisiert werden können. Das bedeutet, dass, auch wenn zahlreiche Jobbezeichnungen in den nächsten Jahren noch existieren werden, die hierin für Menschen anfallenden Aufgaben und damit auch die Anzahl der benötigten Personalstunden sinkt.

Würde dies automatisch eine gesellschaftliche Krise mit sich bringen? Das ist schwer zu sagen und hängt zunächst davon ab, inwiefern wir in dieser Angelegenheit auf unsere Geschichte zurückgreifen können, die uns bis jetzt gelehrt hat, dass mehr Automatisierung zu sichereren, qualifizierteren und oft allumfassend besseren Stellen führt. Man kann die ExpertInnenstimmen hier in zwei Lager aufteilen.

Auf der einen Seite stehen jene, die davon ausgehen, dass die technologischen Trends von heute auf ähnliche Weise wie bisher ArbeitnehmerInnen zugutekommen werden, da sie insgesamt mehr (und bessere) Arbeitsmöglichkeiten schaffen, als sie obsolet machen.

Auf der anderen Seite gibt es die, die einen kritischen Punkt in der Entwicklung von Automatisierungstechnologie erwarten, ab welchem es nicht mehr genug Aufgaben gibt, die ein Mensch noch schneller, besser oder günstiger erledigen kann als ein maschinelles System. Niemand kann mit Sicherheit sagen, welches dieser Szenarien unsere Zukunft besser beschreibt.

Die aktuell bestehende, enorme Nachfrage nach Fachkräften, trotz schwächelnder Wirtschaft und einer Pandemie, die starke Anreize zur Automatisierung geschaffen hat, zeigt zwar, dass noch nicht alle Zeichen auf eine anstehende Explosion der Arbeitslosenzahlen hindeuten. Doch dies kann auch lediglich bedeuten, dass der kritische Punkt, der eine solche Explosion verursachen würde, noch nicht erreicht worden ist. Sobald ein technisches System eine Aufgabe allumfassend besser – und vor allem günstiger – als ein Mensch zu erledigen vermag, ein Punkt, der zum Beispiel hinsichtlich des Autofahrens schon bald erreicht sein könnte, kann alles sehr schnell gehen.

Ähnlich entscheidend darüber, inwiefern wir auf eine Krise zusteuern, ist aber selbstverständlich auch der gesellschaftliche und politische Rahmen, in welchem sich eine solche Entwicklung abspielt. Eine Reduktion der benötigten Arbeitsstunden kann sowohl zu einer kürzeren Arbeitswoche führen als auch zu weniger und schlechter bezahlten Stellen, je nachdem welche Entscheidungen von Politik und Unternehmen getroffen werden. Genau deswegen ist es auch wichtig, sich schon heute mit der Problematik auseinanderzusetzen und die Weichen für eine Welt zu stellen, in der KI eine deutlich größere Rolle spielen wird als heute. Dabei gilt es zunächst zu verdeutlichen, dass der Verlust an Arbeitsquantität nicht das einzige und unter Umständen nicht das größte Problem ist, das auf uns zukommt. Denn auch die Qualität der für Menschen verbleibenden Arbeit, die Aufenthaltsqualität in unserer Umgebung und zahlreiche weitere Faktoren werden von Automatisierung beeinflusst.

Um ein Beispiel hierfür zu finden, lohnt es sich, der Frage nachzugehen, welche Berufe oder Tätigkeiten tendenziell eher von Automatisierung betroffen sind. Grundsätzlich sind repetitive Aufgaben in möglichst kontrollierten Umgebungen (wie Fließbänder oder Excel-Tabellen) am leichtesten und oft sogar ohne den Einsatz Künstlicher Intelligenz automatisierbar. Gleichzeitig ist die Anschaffung oder Entwicklung der entsprechenden Technologien bis heute meist kostspielig, wodurch aus Unternehmenssicht ein Abwägen zwischen Investitionen und Ersparnissen nötig wird. Am Ende entsteht so eine Tendenz, die auch die OECD Länder in ihrem Beschäftigungsausblick 2019 bereits hervorgehoben haben: Hoch qualifizierte Berufe, die schlicht nicht automatisiert werden können, bleiben bestehen, sowie auch solche im Niedriglohnsektor, deren Automatisierung sich finanziell nicht lohnt. Für die Mitte hingegen besteht vermehrt das Risiko, sich auszudünnen, was soziale Ungerechtigkeit mehren kann. Auch wenn diese Entwicklung womöglich eher auf herkömmliche Technologien als auf KI zutrifft, wird hier deutlich, dass die gesellschaftlichen Konsequenzen der voranschreitenden Automatisierung schon lange vor dem Eintreten etwaiger Extremsituationen ins Gewicht fallen.

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Das Gleiche gilt auch beim Blick auf die Qualität der Aufgaben, die für menschliche Arbeitende übrig bleiben, wenn mehr und mehr Arbeit von Maschinen abgenommen wird. Denn auch wenn es den Anschein haben mag, dass es vor allem unangenehme, monotone und langweilige Aufgaben sind, die uns bald erspart bleiben könnten, ist das künftige Repertoire Künstlicher Intelligenz breiter gestreut. Auch kreative Prozesse, Berufe, die Menschenkontakt oder Sprachgefühl erfordern oder auch kompliziertere Denkaufgaben wie Prozessoptimierungen sind schneller als gedacht nicht mehr exklusiv unsere Domäne.

Ironischerweise können unsere Berufe durch den vermehrten Einsatz von KI tatsächlich monotoner werden, während spannende Aufgaben, die auch unsere berufliche Zufriedenheit nähren, wegfallen. Die wahre Krise, auf die wir zusteuern, könnte am Ende mehr mit unserem generellen Selbstverständnis zusammenhängen als mit statistischen Trends wie großflächigen Jobverlusten. Das leuchtet vor allem ein, wenn man bedenkt, dass viele Industriestaaten momentan auf ein Überalterungsproblem zusteuern und wahrscheinlich auf immense Automatisierungssteigerung angewiesen sein werden, wenn die Wertschöpfung auch nur konstant gehalten werden soll. Interessant bleibt hier, ein Auge darauf zu werfen, welche anderen sozialen Konsequenzen dies mit sich trägt.

Wo genau das Zusammenspiel aus technologischer und gesellschaftlicher Entwicklung uns in den nächsten Jahren hinführen wird, kann niemand genau sagen. Dennoch ist es wichtig, sich angesichts der aktuellen technischen Möglichkeiten und politischen Trends, ein Bild darüber zu verschaffen, wohin die Reise gehen könnte, wogegen man rechtzeitig Schutzmaßnahmen ergreifen sollte und wo es einzigartige Chancen gibt, die es zu nutzen gilt. Diesem Unterfangen möchte ich mich deswegen in meinem Vortrag „New World, New Work – Eine Spekulative Annäherung an die Arbeitswelt von Morgen“ am 01. Oktober 2022 auf der "Bits & Bäume-"Konferenz in Berlin widmen. Hier soll nicht nur eine Einführung in Künstliche Intelligenz, ihre Stärken und gegenwärtigen sowie künftig möglichen Einsatzgebiete gegeben werden. Es werden auch politische Maßnahmen wie Robotersteuer oder Bedingungsloses Grundeinkommen sowie deren Konsequenzen diskutiert, um ein allumfassendes wenn auch spekulatives Bild der Arbeit von morgen zu zeichnen. So soll eine mögliche Welt lebhaft visualisiert werden, die aufgrund Künstlicher Intelligenz schon bald Wirklichkeit werden könnte.

Die Organisatoren der Konferenz haben im Vorfeld politische Forderungen formuliert. Die Ansichten des Autors spiegeln nicht notwendigerweise die Ansichten und Werte von "Bits & Bäume 2022" wider.

(mki)