Wie Nachrichten um die Welt gehen – oder nicht

In den vergangenen zwölf Monaten gab es Medienberichte über 195.000 Katastrophen in aller Welt. Von welcher Sie gehört haben, hängt davon ab, wo Sie wohnen.

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  • TR Online

In den vergangenen zwölf Monaten gab es Medienberichte über 195.000 Katastrophen in aller Welt. Von welcher Sie gehört haben, hängt davon ab, wo Sie wohnen.

Wie realitätsgetreu bildet das Nachrichtenangebot in unterschiedlichen Ländern das tatsächliche Geschehen auf der Welt ab? Dass Menschen in einem bestimmten Teil der Welt eher Nachrichten aus ihrer eigenen Region lesen, sehen oder hören, ist fast selbstverständlich. Wie aber sieht es bei internationalen Nachrichten aus: Stehen Nachrichten aus dem Ausland in allen Teilen der Welt in gleichem Ausmaß zur Verfügung?

Dank der Arbeit von Haewoon Kwak und Jisun An am Qatar Computing Institute in Katar lassen sich solche Fragen heute beantworten. Die beiden Forscher haben das Nachrichtenangebot in unterschiedlichen Teilen der Welt analysiert und untersucht, inwieweit es Ereignisse in anderen Regionen abdeckt. Zur Visualisierung haben sie diese Daten in Form von so genannten Kartenanamorphosen dargestellt. Dabei handelt es sich um Karten, bei denen sich die Größe von Ländern danach richtet, wie viele Nachrichten über sie in einer anderen Region erscheinen.

Dazu begannen Kwak und An mit einer Datenbank von 195.000 Katastrophen, die sich zwischen April 2013 und Juli 2014 ereigneten und über die von mehr 10.000 Medien in aller Welt berichtet wurde. Sie registrierten das Herkunftsland dieser Medien und zählten dann, wie viele Artikel aus anderen Teilen der Welt sie veröffentlichten. Abschließend erstellten sie die Kartenanamorphosen, die für verschiedene Regionen die relative Bedeutung von Nachrichten aus fremden Ländern zeigen.

Diese Karten sind interessantes Anschauungsmaterial. Sie zeigen deutlich, wie sich das Nachrichtenangebot rund um den Planeten unterscheidet. Weniger überraschend: Menschen in Asien konsumieren deutlich mehr Nachrichten über Katastrophen in dieser Region als beispielsweise Nordamerikaner. Und Menschen in Lateinamerika sehen deutlich mehr Nachrichten aus Argentinien als aus Europa.

Interessanter aber sind die Anomalien. So haben Menschen in allen Teilen der Welt relativ viele Nachrichten aus Ägypten und Syrien erhalten, hauptsächlich über die Unruhen in dieser Ländern und die damit einhergehende humanitäre Krise.

Darüber hinaus haben Kwak und An auch erkundet, welche Faktoren darüber bestimmen, dass Katastrophennachrichten aus einem bestimmten Teil der Welt andere Teile erreichen. Dabei zeigte sich zum Beispiel, dass die Bevölkerungsgröße eine wichtige Rolle spielt: Überall auf der Welt erhalten Menschen eher Katastrophennachrichten aus großen Ländern. Der Grund dafür dürfte sein, dass es überall Auswanderer aus diesen großen Ländern gibt, die Berichterstattung aus ihrer Heimat verlangen.

Der bei weitem wichtigste Faktor für die Berichterstattung aber ist die Frage, ob eine internationale Nachrichtenagentur wie Reuters oder Associated Press Nachrichten über eine Katastrophe liefert. Das ist wenig überraschend, wenn man bedenkt, dass die meisten Medien die Dienste einer oder mehrerer dieser Agenturen abonnieren und ihre Artikel deshalb frei nutzen können. Dies ist der wichtigste Mechanismus, über den sich Nachrichten manchmal um die ganze Welt verbreiten. ()