Wie TSMC die Chipkrise mit globalen Standorten lösen will

Der taiwanische Prozessorgigant, bekannt als Apple-Lieferant, wird zwischen Amerika und China zerrieben. Der Ausweg: Mehr Werke auf der ganzen Welt.

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TSMC

(Bild: TSMC)

Von
  • Martin Kölling

Deutschland als Bittsteller in Sachen Hightech, auf dem Höhepunkt der Chipkrise? Anfang des Jahres war es so weit. Wirtschaftsminister Peter Altmaier bat Taiwans Regierung, beim größten Chiphersteller der Welt, der Taiwan Semiconductor Manufacturing Corporation (TSMC), ein gutes Wort für die deutschen Autohersteller einzulegen, damit diese bevorzugt beliefert würden.

Ob die Bitte damals wirklich in mehr Lieferungen mündete, lässt sich kaum von außen beurteilen. Aber womöglich hat die Kontaktaufnahme gemeinsam mit den großen europäischen und deutschen Förderplänen für die Stärkung der heimischen Chipindustrie ein strategisches Umdenken bei TSMC beschleunigt: die Globalisierung von TSMCs Chipproduktion. Es ist ein nicht ganz freiwilliger, aber notwendiger und überfälliger Schritt, von dem auch Deutschland profitieren könnte.

Am Montag gab Mark Liu, der Verwaltungsratsvorsitzende von TSMC, vor Aktionären zu, dass sein Konzern den Bau einer Chipfabrik in Deutschland erwäge. "Wir befinden uns in der Vorphase der Prüfung, ob wir nach Deutschland gehen sollen", sagte Liu. "Es ist noch sehr früh, aber wir evaluieren es ernsthaft." Der Konzern verhandele bereits mit mehreren Kunden, ob dieser Schritt für sie Sinn mache.

Liu meinte zwar, dass es noch zu früh für eine Entscheidung sei. Aber spätestens mit seiner Stellungnahme ist klar, dass der derzeit erfolgreichste und fortschrittlichste Chiphersteller der Welt vor einer historischen Wende steht. Um preiswerter zu produzieren, konzentrierte der Halbleiterhersteller bisher seine Werke auf der kleinen Insel vor der Küste Chinas, die inzwischen auch zu einem Megacluster für das Chipdesign und das Packaging geworden ist. Doch plötzlich will TSMC Milliarden in ausländische Werke investieren.

Im US-Staat Arizona soll für 12 Milliarden Dollar ein Werk für Chips mit fünf Nanometer kleinen Transistoren entstehen, in Japan eine Waferfabrik für die dortigen Kunden, vor allem Sony, den Weltmarktführer für Bildsensoren. Europa ist dann der dritte wichtige Kunde der Taiwaner und Chips für die Autoindustrie ein wahrscheinliches Produkt.

TSMC reagiert damit auf das globale Tauziehen der wirtschaftlichen Großmächte um die Lieferkette für Chips, die mit dem Technikkrieg zwischen den USA und China in die heiße Phase ging. China versucht schon länger, eine heimische Industrie aufzubauen, um in dieser Schlüsseltechnik seine Abhängigkeit vom Ausland zu senken. Denn Chips sind schon längst zu einem strategischen Bauteil für fast alle Industrien geworden, vom Autobau über Smartphones bis zu Datenzentren.

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Die USA konterten daher prompt unter US-Präsident Donald Trump und beschleunigten die Wiederbelebung lange verpönter Industriepolitik. Dies rief wiederum die Europäische Union, Japan und Südkorea auf den Plan, die nun allesamt mit massiven Subventionen unter anderem auch die Chiplieferkette stärker in ihren Märkten ansiedeln wollen.

Ganz besonders stark drängte die US-Regierung TSMC (und andere Hightech-Hersteller), Lieferungen nach China zu senken, um Technikkonzerne wie Huawei und Chinas Chipprogramm zu bremsen, und Werke in den USA zu bauen, um die amerikanische Chipindustrie wieder groß zu machen. Trumps Nachfolger Joe Biden setzt diese neue Industriepolitik nicht nur fort, sondern finanziert sie mit noch mehr Geld.

Über die Beweggründe der USA kann man streiten. Aber eine größere Verteilung der Produktionsstätten von TSMC wäre auch ohne politischen Druck ratsam. Sicherlich sind hochkonzentrierte Cluster mit extremer Massenfertigung gerade in kapitalintensiven Wirtschaftszweigen wie der Chipindustrie hocheffizient und sorgen für niedrige Preise. Aber damit wird die globale Lieferkette auch immer anfälliger.

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Dieses Risiko fordert die bisherigen Grundlagen globaler Arbeitsteilung heraus. Das hat nicht nur die Pandemie verdeutlicht. Auch die Eisstürme in Texas und der Brand in einer japanischen Chipfabrik haben vielen Regierungen und Unternehmensführungen gezeigt, dass theoretische Effizienz in der Produktion wenig wert ist, wenn die Lieferketten reißen und die Fabriken wegen Chipmangel still stehen müssen.

In Japan wissen die Unternehmen das dank einer Reihe von Megabeben schon länger. Gerade die Meister der Just-in-Time-Produktion von Toyota legen daher bei Schlüsselbauteilen größere Vorräte als früher an und versuchen, mehr Lieferquellen zu erschließen, um Krisen besser bewältigen zu können. In der Chipkrise musste Toyota daher kaum die Produktion wegen fehlender Halbleiter drosseln. Doch gerade bei TSMC ist das Risiko der Konzentration besonders groß. Denn Taiwan ist geologisch, geografisch und geopolitisch ein riskanter Standort: Die Insel vor Chinas Küste ist eine Erdbebenregion. Und weil im letzten Jahr die Taifune an der Insel vorbeizogen, herrschte im Frühjahr eine Dürre, die die Wasserversorgung der durstigen Chipindustrie gefährdete.

Zu allem Überfluss ist Taiwan auch ein Frontstaat im Konflikt zwischen China und den USA. Und die Machthaber in Beijing drohen immer aggressiver, die Republik China auf Taiwan notfalls gewaltsam mit der Volksrepublik zu vereinen. Und das ist nicht der einzige geopolitische Konflikt, der Lieferketten gefährden könnte. Der Wunsch der TSMC-Kunden, wichtige Chips für ihre Industrien in den eigenen Grenzen zu produzieren, ist daher verständlich und auch richtig. Aber die Kräftigung der Lieferkette wird wenigstens kurzfristig mehr kosten. TSMC verhandelt schon hart um Subventionen für Fabriken, damit die neuen Werke für die Taiwaner wenigstens kostendeckend produzieren.

Nun müssen Regierungen, Konzerne und Konsumenten entscheiden, ob sie auf Kosten von Gewinnen und niedrigen Preisen eine weniger effiziente, aber dafür vielleicht etwas widerstandsfähigere Lieferkette wollen. Wahrscheinlich führt daran kein Weg vorbei. Denn mit Klimawandel und zunehmenden geopolitischen Spannungen stehen wir erst am Anfang unruhiger Zeiten. Eines ist allerdings auch dann gewiss: Autarkie wird es gerade in der komplexen Chipindustrie nicht geben. Eine globale Arbeitsteilung wird weiterleben, wenn auch zu höheren Kosten.

(bsc)