Wie Telefondaten kriminelle Netzwerke enttarnen

Mit einer neuen Software können Strafverfolgungsbehörden die sozialen Netzwerke krimineller Organisationen visualisieren.

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Mit einer neuen Software können Strafverfolgungsbehörden die sozialen Netzwerke krimineller Organisationen visualisieren.

Die Soziologie hat die Mobiltechnik entdeckt: Mit Hilfe von Forschungsergebnissen aus der Netzwerktheorie sind aus Verbindungsdaten interessante Einblicke in das Funktionieren unserer Gesellschaft möglich. Wenig überraschend ist es daher, dass Polizei und Staatsanwälte sich zunehmend für solche Verfahren interessieren, um Verbrechen aufzuklären.

Denn: Kriminale Netzwerke agieren genauso sozial wie Freundes- und Geschäftsnetzwerke. Entsprechend sollten die gleichen Techniken, mit denen man die Verbindungen einer Person auf Facebook darstellen kann, auch bei Dieben, Drogendealern und dem organisierten Verbrechen funktionieren.

Doch wie kann ein Polizeibeamter solche Daten überhaupt sammeln und analysieren? Forscher um Emilio Ferrara an der Indiana University in Bloomington haben nun eine passende Software-Plattform dafür entwickelt. Damit soll es möglich sein, Informationen von Mobilfunkanbietern, aus Polizeidatenbanken und von Fachleuten der Polizei zu kombinieren, um detaillierte Netzwerke hinter kriminellen Organisationen aufzudecken.

Die Plattform namens LogAnalysis kann das sogar sehr detailliert. "Sie erlaubt forensischen Kriminalisten die Hierarchien innerhalb solcher Organisationen zu verstehen, Mitglieder zu erkennen, die eine zentrale Rolle spielen und Verbindungen zwischen Subgruppen aufzuzeigen."

Ein zentrales Problem dabei ist es, mit dem großen Datenaufkommen zu arbeiten. Das soll LogAnalysis vereinfachen. Die Software kann unbearbeitete Telefondaten importieren, Redundanzen und Ungenauigkeiten weglassen und daraus dann Visualisierungen produzieren, die eine genauere Analyse erlauben. Beamte können außerdem Fahndungsbilder und andere Informationen aus Polizeidatenbanken integrieren.

Dann lassen sich die Informationen auf verschiedene Arten analysieren. Dazu gehört die Verbindungsdichte zwischen verschiedenen Einzelpersonen, was anhand der Anzahl der Anrufe untereinander möglich ist.

Im LogAnalysis-Netzwerk ist jedes Telefon ein eigener Knoten und Verbindungen existieren zwischen Geräten, die miteinander telefoniert haben. Das erlaubt sofort das Erkennen von Gemeinschaften, die sich untereinander häufiger kontaktieren. Dies ergibt wiederum Rückschlüsse auf die Hierarchie einer kriminellen Organisation und ermöglicht das Erkennen wichtiger Personen.

Natürlich muss man zunächst wissen, wie solche Gruppen arbeiten. Beispielsweise muss eine Person, die viel telefoniert, nicht unbedingt in leitender Position sein.

Denn die Banden schränken ihre Kommunikation bewusst ein, indem die Chefs ihre Instruktionen nur an eine kleine Anzahl von Untergebenen weiterreichen, die dann die Nachrichten über das weitere Netzwerk verteilen. "Kriminelle Netze setzen stark auf Geheimhaltung, um ihrer Aufdeckung zu entgehen", sagt Ferrara.

LogAnalysis erlaubt es den Beamten auch, die Netzwerke über einen eingeschränkten Zeitraum zu untersuchen. Dies ermöglicht es dann, zu erfahren, welche Anrufe vor oder kurz nach einer bestimmten Straftat erfolgten.

In ihrer Studie zeigen die Wissenschaftler dies anhand eines größeren kriminellen Netzwerkes auf, bei dem Polizeibehörden Daten von 84 Telefonen über einen Zeitraum von 15 Tagen erhielten. Diese Gruppe war verantwortlich für mehrere Raube, Erpressungen und Drogenschmuggel. Identifizierbare Informationen wurden zuvor entfernt.

LogAnalysis konnte hier Verbindungen zwischen den einzelnen Bandenmitgliedern offenlegen, aufzeigen, wie die Anrufe sich um bestimmte Straftaten zusammenballten und wie die Mitglieder in ihren bis zu 14 Untergruppierungen agierten, von denen einige auch für Morde verantwortlich waren.

So gut das zu funktionieren scheint: Noch lässt sich nicht sagen, wie groß die Beweiskraft einer solchen Netzwerkanalyse ist. Gerichte müssen erst noch erkennen, ob Daten dieser Art ausreichen, Angeklagten eine Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation nachzuweisen. Das Interesse an solcher Software ist jedenfalls groß. Zu den am LogAnalysis-Projekt teilnehmenden Forschern gehörten drei Wissenschaftler von der Universität Messina in Sizilien, wo man große Probleme mit der Mafia hat. ()