Wie Twitter friedlicher werden könnte

In sozialen Netzwerken tauschen sich Menschen aus – in vielen Fällen leider auf hässliche Weise. Twitter will dieses Problem jetzt angehen. Zu viel Ordnung allerdings wäre auch nicht hilfreich.

Lesezeit: 3 Min.
In Pocket speichern
vorlesen Druckansicht Kommentare lesen
Von
  • Rachel Metz

In sozialen Netzwerken tauschen sich Menschen aus – in vielen Fällen leider auf hässliche Weise. Twitter will dieses Problem jetzt angehen. Zu viel Ordnung allerdings wäre auch nicht hilfreich.

Endlich gibt Twitter zu, dass das Problem existiert. In einem Anfang Februar durchgesickerten internen Memo bestätigte CEO Dick Costolo etwas, das viele Nutzer schon längst wussten: Der 140-Zeichen-Dienst wird regelmäßig dazu missbraucht, andere zu belästigen, zu beleidigen oder zu bedrohen – und das Unternehmen unternimmt dagegen nicht viel.

Costolos Schreiben lässt erkennen, dass Twitter jetzt schärfere Maßnahmen gegen die Störenfriede ergreifen will – eine potenziell wichtige Entscheidung in einer Zeit, in der Online-Missbrauch immer erschreckendere Ausmaße annimmt. Die Gegenmaßnahmen von Twitter könnten einen Weg aufzeigen, um das Problem grundsätzlich in den Griff zu bekommen. Gleichzeitig könnte sich dabei zeigen, wie schwierig es ist, unakzeptables Verhalten zu verhindern, ohne den Reiz einer grundsätzlich frechen und streitfreudigen Community zu verlieren. Als Nebenwirkung könnten Regeln gegen Belästigungen den Informationsfluss verlangsamen und manche besonders eifrigen Nutzer vergraulen.

Online-Belästigung – insbesondere in sozialen Netzen – ist mittlerweile ein großes Thema. Laut einer Befragung des Pew Research Center von Ende 2014 wurde 40 Prozent der Webnutzer schon einmal belästigt, und die Mehrheit von ihnen (66 Prozent) sagt, dies sei zuletzt in einem sozialen Netzwerk geschehen. Auch wer noch nicht selbst zum Opfer geworden ist, kennt das Problem häufig aus eigener Anschauung: 73 Prozent der Umfrageteilnehmer berichteten, sie hätten schon einmal gesehen, wie andere belästigt wurden. Bei Personen zwischen 18 und 29 Jahren springt dieser Wert auf 92 Prozent.

In den Vordergrund trat das Thema vergangenes Jahr durch Gamergate – eine immer hässlicher werdende Kampagne in Zusammenhang mit Behauptungen, eine Spiele-Entwicklerin habe mit einem Reporter geschlafen, um positive Bewertungen für ihr Produkt zu bekommen. Ebenfalls für Aufsehen sorgte dann ein Beitrag der Autorin Lindy West für die Radiosendung This American Life in diesem Januar: Darin berichtet sie von Beleidigungen gegen sich auf Twitter und darüber, wie sie zumindest einen der Angreifer zur Rechenschaft zog. Tatsächlich war das Memo von CEO Costolo eine Reaktion auf den Tweet eines Mitarbeiters über Wests Beitrag auf einer internen Twitter-Seite.

Clay Shirky ist Associate Professor an der New York University und hat zwei Bücher über soziale Medien geschrieben. Nach seiner Einschätzung ist es für Twitter jetzt an der Zeit, seine Nutzer daran zu erinnern, was in Ordnung ist und was nicht, und für Fehlverhalten Sanktionen vorzusehen. Zwar sei es arbeitsintensiv und damit teuer, solche Regeln durchzusetzen, doch die Twitter-Community werde davon profitieren.

„Dieses Thema nicht anzugehen, wäre gefährlicher, als es anzugehen“, sagt Shirky. „Der Grund dafür ist schlicht, dass die Sympathien der Öffentlichkeit eher bei den Opfern als bei den Tätern liegen werden.“

Dass Twitter jetzt handeln sollte, scheint klar, weitaus weniger aber, wie der Dienst vorgehen sollte. Zwar bietet er bereits die Möglichkeit, Nutzer zu blockieren und zu melden, die andere Personen belästigen. Das hilft allerdings nur bei einem oder einigen wenigen Störenfrieden, nicht aber, wenn ein ganzer Sturm von hässlichen Beiträgen losbricht. Zudem kann ein entschlossener Unruhestifter notfalls immer ein neues Konto anlegen und von vorn beginnen.

Twitter sicherer zu machen, ohne einen Teil der bestehenden Nutzer zu verjagen, könnte ausgesprochen schwierig werden. Der ungehemmte Austausch von Ansichten und Meinungen, den Twitter bislang ermöglicht, macht einen Teil seines Reizes aus. Wenn der Dienst strikte Vorgaben machen würde, wer mit wem kommunizieren darf, oder – wie Facebook – echte Identitäten verlangen würde, könnte das den Informationsfluss hemmen.

Eine Möglichkeit wäre, die Nutzer stärker einzubeziehen und parallel dazu auch Technologie zu nutzen, um Störenfriede zu identifizieren.

Mit der Einbeziehung der Nutzer könnte Twitter die Belastung für seine Mitarbeiter im Rahmen halten. Justin Patchin, Professor für Strafrecht an der University of Wisconsin-Eau Claire und Co-Direktor des dortigen Cyberbullying Research Center, regt an, Twitter könne seine Community um eine Selbstregulierung bitten – zum Beispiel mit Abstimmungen darüber, ob ein Beitrag missbräuchlich ist oder nicht.

Kate Crawford, Visiting Professor am MIT Center for Civic Media und leitende Forscherin bei Microsoft Research, hat einen ähnlichen Vorschlag: Von Belästigung betroffene Nutzer könnten die Liste der von ihnen blockierten Nutzer anderen zur Verfügung stellen, die das gleiche Problem haben. „Es gibt keine schnellen technischen Lösungen für soziale Probleme“, sagt sie.

Eine präventive Erkennung und Löschung von anstößigen Inhalten gibt es bei Twitter nicht. Dabei wäre das durchaus möglich, sagt Jerry Zhu, Associate Professor für Informatik an der University of Wisconsin-Madison, der den Einsatz von Maschinenlernen für das Erkennen problematischer Twitter-Nachrichten untersucht hat: Mit künstlicher Intelligenz ließen sich solche Beiträge anhand von Schlüsselworten und -ausdrucken identifizieren und zensieren. Schwierig wird das allerdings, wenn Belästigungen nicht explizit formuliert sind – manchmal gibt es Gemeinheiten auch ohne eindeutig bösartige Sprache. „Hier stößt man an die aktuellen Grenzen der künstlichen Intelligenz. Computer können nicht subtil sein und die genaue Bedeutung solcher Beiträge erkennen“, sagt Zhu.

Mit Änderungen egal welcher Art läuft Twitter Gefahr, einige Nutzer zu verärgern. Doch diese kurzfristigen Nachteile könnte der Dienst in Kauf nehmen, um längerfristig ein angenehmeres Umfeld bieten zu können. Dazu Robin Kowalski, Psychologieprofessor an der Clemson University und Experte für Cybermobbing: „Wenn sie ein paar Nutzer verlieren, werden sie ein paar mehr Nutzer dazugewinnen.“

(sma)