Wie ein spirituelles Metaverse den Buddhismus retten soll

Eine japanische Universität entwickelt eine virtuelle Tempelwelt inklusive Buddha-Bot. Dahinter steht ein gesellschaftliches Problem.

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(Bild: Screenshot Teraverse / University Kyoto)

Von
  • Martin Kölling

Das Metaverse wird in Japan zum religiösen Hoffnungsträger. Ein Projekt der Universität Kyoto hat das "Teraverse" in Entwicklung, eine Art virtuelle buddhistische Tempelwelt. Der Name drückt dabei die Verbindung von Religion und Technik bereits aus: "Tera" heißt auf japanisch Tempel, das "verse" kommt vom Metaverse.

Ein wesentlicher Baustein der neuen Welt ist dabei ein Chatbot Namens Buddha-Bot. Über das Smartphone können Gläubige mit ihm in allen Lebenslagen Antworten auf persönliche Probleme oder soziale Fragen erhalten – quasi direkt vom Erleuchteten selbst. Kurz die Frage ins Menü getippt und abgesendet, schon kommt eine Antwort aus dem digitalen Nirwana.

Als geistige Grundlage des Buddha-Bots dient der Sutta-Nipata, eine der frühesten Sammlungen buddhistischer Texte. Laut der deutschen buddhistischen Union sind die Verse "eher von inspirierendem Charakter" und würden von einigen Gläubigen "wie ein Vademekum der Erbauung" zur Reflexion genutzt.

Technisch wendet der Buddha-Bot den BERT-Algorhitmus von Google für das durch maschinelles Lernen und Diskussion mit Mönchen und Experten geschulte Antwortverhalten an. Dabei half unter anderem der Projektpartner Toshikazu Furuya, Chef von Quantum Analytics. Inzwischen versucht das Duo, die Idee mit dem Start-up Teraverse zur Produktreife zu entwickeln.

Noch sind Repertoire und Genauigkeit des virtuellen Buddhas begrenzt, geben die Entwickler um Professor Seiji Kumagai vom Forschungszentrum für die Zukunft von Mensch und Gesellschaft der Kyoto-Universität zu. Ein Problem ist die Relevanz, da Buddha vor 2500 Jahren noch nicht Antworten auf alle heutigen Fragen gegeben hat. Aber das Team sieht in der Verbesserung des Bots eine Art übertragbare Grundlagenforschung, die später auch in psychologischer Beratung oder der Bildungsindustrie angewendet werden kann.

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Damit ist Professor Kumagai sogar ein Pfeiler des Moonshot-Programms der japanischen Wissenschafts- und Technologiebehörde (JST) geworden. Mit dieser breit angelegten Grundlagenforschung will die Regierung bis 2050 durch bahnbrechende Innovationen die Grundlagen für eine digitale Revolution der Gesellschaft umsetzen.

Neben Robotik und Quantencomputing geht es dabei vor allem um die Lösung gesellschaftlicher Probleme. Kumagai koordiniert die 13 Forschungsprojekte für das 9. Moonshot-Ziel: die Verwirklichung einer geistig gesunden und dynamischen Gesellschaft durch Erhöhung des Seelenfriedens und der Vitalität.

Als einen wichtigen Anstoß für seine eigene Forschung nennt Kumagai den Niedergang des Buddhismus in Japan. Der sei zu einem Skelett verkümmert, das oft spöttisch als Beerdigungsbuddhismus bezeichnet werde, beklagte der Akademiker in der Projektbegründung seinen Ausflug ins Religiöse. "Damit der Buddhismus wiederbelebt werden kann, muss er seine ursprüngliche Rolle als 'Lehre vom Glück' wiedererlangen."

Doch auch ein demografisches Problem adressiert das Team. Die schnelle Alterung der Gesellschaft beschleunigt das Tempelsterben nämlich noch. Gerade auf dem Land verschwindet damit eine wichtige Stütze dörflichen Lebens und geistiger Seelsorge. "Als eine der Optionen einer diversifizierten modernen Gesellschaft hoffe ich, dass wir den Menschen Heilung und Freude bereiten werden, und so neue Vitalität und Hoffnung schaffen und eine dynamische Gesellschaft verwirklichen", erklärt Kumagai.

(jle)