Energie aus Sonne, Wind und Wasser: Viel Potenzial in Afrika ungenutzt

Afrika hat für seine Energiezukunft mehr als genug regenerativen Quellen. Doch europäische Begehrlichkeiten zielen auf Fossilgas und Energiewende-Metalle.

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Interview: DE-CIX am Mittelmeer bringt afrikanischen Content näher an Afrika

(Bild: TeleGeography)

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  • Hanns-J. Neubert
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Eigentlich wollte sich Europa ja auf den Weg hin zu erneuerbaren Energien machen. Doch nachdem Russland das Gas abgedreht hatte und das EU-Parlament neben Atomenergie auch Erdgas als "grüne" Energie definierte, geben sich europäische Wirtschafts- und Energiepolitiker auch bei afrikanischen Regierungen die Klinke in die Hand. Länder wie Nigeria, Senegal, Namibia oder Mosambik verfügen nämlich über bedeutende Erdgasvorräte, die sie bisher nicht einmal zur Deckung ihres eigenen Energiebedarfs richtig nutzten. Jetzt wollen die Europäer, auch Deutschland, sogar dabei helfen, neue Felder zu erschließen, wie beispielsweise vor Senegal.

Obendrein wies die Internationale Energieagentur (IEA) bei ihrem Ministertreffen im März 2022 darauf hin, dass Afrikas Böden schließlich auch viele der Mineralien beherbergt, die man für saubere Energietechnologien braucht, wie Solarzellen, Windgeneratoren und Elektromotoren. Afrika gerät also wieder in den Fokus.

Dabei hat Afrika selbst ein riesiges Energieproblem, von dem sich Europäer kaum ein Bild machen können. Nach Angaben der IEA haben rund 600 Millionen Afrikaner südlich der Sahara keinen Zugang zu elektrischem Strom. Aber ohne Strom für Beleuchtung, Kühlung oder auch zur Versorgung von Schulen, Krankenstationen und kleinen Handwerksbetrieben sind auch andere der nachhaltigen UN-Entwicklungsziele kaum zu erreichen, wie Bildung, Gesundheit oder ein zumindest bescheidenes Wirtschaftswachstum.

Afrika hat ein immenses Potenzial an erneuerbaren Energiequellen und hätte es eigentlich gar nicht nötig, fossile Energielagerstätten zu erschließen. Der Kontinent verfügt über 60 Prozent der weltweit besten Solarressourcen, hat aber nur über ein Prozent der installierten Photovoltaik-Kapazität. Von den global installierten erneuerbaren Energien aus Sonne, Wind, Erdwärme und moderner Bioenergie entfallen weniger als drei Prozent auf Afrika. Aber zumindest die Wasserkraft hat einen ganz bedeutenden Anteil an der Stromerzeugung.

Nach Schätzungen der Internationalen Organisation für erneuerbare Energien (IRENA) ließen sich allein aus Sonnenenergie 10 Terawatt an Strom herausholen, dazu insgesamt 350 Gigawatt aus Wasserkraft und 110 Gigawatt aus Wind.

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So groß der Strommangel auch ist, immerhin erzeugen bereits heute 30 der 55 Länder des Kontinents mehr als 70 Prozent ihrer geringen Energiemengen aus erneuerbaren Quellen, während nur fünf Länder weniger als zehn Prozent daraus beziehen.

So generieren Äthiopien, Mosambik und Sambia ihren Strom zu 80 und mehr Prozent aus Wasserkraft. Äthiopiens Strom stammt zu fast hundert Prozent aus erneuerbaren Quellen. Eine neue Talsperre, der Grand Ethiopian Renaissance Dam am Blauen Nil, liefert seit Februar 2022 Strom, soll aber im Endausbau mit sechs zusätzlichen Gigawatt die immer noch große Energiearmut des Landes abschwächen. Einen Teil davon sollen allerdings auch die Unterlieger am Nil bekommen, um damit die politischen Konflikte um das Nilwasser mit Sudan und Ägypten zu dämpfen.

In Mosambik rauchen zwar noch Schornsteine von Kohlekraftwerken, aber immerhin rund 80 Prozent des Stroms stammen jetzt aus erneuerbaren Quellen, ebenfalls fast ausschließlich aus Wasserkraft. Dazu trägt vor allem der Cahora-Bassa-Staudamm am Unterlauf des Sambesi mit zwei Gigawatt bei. Es reicht aber bei weitem nicht, denn nur 34 Prozent der Bevölkerung haben überhaupt einen verlässlichen Stromanschluss.

Kenia setzt auf Geothermie und erzeugt damit immerhin bereits 32 Prozent seines Stroms. Mit 57 Prozent spielt aber Wasserkraft immer noch die größere Rolle. In den Dörfern gerade dieses ostafrikanischen Landes sieht man immer häufiger kleine Solarpanele an den Hauswänden in der Sonne blinken, doch mehr als ein Prozent tragen sie bisher nicht zum Strommix bei.

In ihrem Energieausblick für Afrika weist die IEA auf die enormen Anstrengungen hin, die nötig sind, um den Kontinent nachhaltig mit Energie zu versorgen. Denn die Zeit drängt. 2050 werden nämlich voraussichtlich fast 2,5 Milliarden Menschen in Afrika leben, 80 Prozent davon südlich der Sahara.

Um für all diese Menschen die Zukunft energiegerecht zu gestalten, müssten bis 2030 eigentlich in jedem Jahr 90 Millionen afrikanische Haushalte an Strom angeschlossen werden. Bisher sind nur Ghana, Kenia und Ruanda auf einem guten Weg, dieses Ziel auch zu erreichen. Neue Kohlekraftwerke werden dazu wohl nicht mehr gebaut werden, seit China ankündigte, die Unterstützung für Kohlekraftwerke im Ausland einzustellen.

Die Stromkabel auch flächendeckend in ländliche Gebiete zu verlegen, dürfte nicht in kurzer Zeit zu schaffen sein. Hier schlägt die IEA vor, was sich schon ganz von selbst in vielen Dörfern immer mehr ausbreitet: Solarpanele, deren Strom über Mini-Netzwerke Haushalte, Handwerksbetriebe, Schulen und Gesundheitszentren versorgt. Das dürfte auch angesichts der häufigeren, klimabedingten Wetterextreme sinnvoll sein, unter denen die Menschen in Afrika unverhältnismäßig stark leiden. Denn bei großer Hitze und starken Niederschlägen können auch die großen überregionalen Stromverteilungssysteme zusammenbrechen.

Für große und kleine Stromnetze, für Solar- und Windkraftanlagen, wie auch für dezentrale ländliche Energiesysteme sind nach Berechnungen der IEA bis 2030 Investitionen von 25 Milliarden US-Dollar pro Jahr nötig. Das ist eigentlich nicht besonders viel, entspricht es doch gerade einmal einem Prozent der weltweiten Energieinvestitionen und kostet nicht mehr als der Bau eines einzigen großen, landbasierten Flüssiggasterminals.

Um einen besseren Ausgleich zwischen energiereichen und -armen Ländern zu ermöglichen, lancierte die Afrikanische Union (AU) im Juni 2021 den afrikanischen Binnenmarkt für Elektrizität (AfSEM). Es ist jetzt das weltweit größte kontinentweite Energiehandelssystem, das alle 55 Mitgliedstaaten der AU miteinander verbindet. Bei der Ausarbeitung des Plans hat übrigens auch die EU-Kommission mitgewirkt.

(bsc)