Wie fast jeder in den Weltraum kann

Private Raumfahrtfirmen starten Trainingsprogramme für Hobbyastronauten. Die Anforderungen sind ganz unterschiedlich.

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(Bild: Axiom Space)

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  • Neel V. Patel

Bald ist es soweit: In den nächsten Jahren sollen etliche Missionen für Nicht-Astronauten an den Start gehen. Noch diesen Herbst will SpaceX mit seinem Raumschiff Crew Dragon die Inspiration 4 starten, die erste rein zivile bemannte Mission ins All. Für Anfang 2022 ist Ax-1 geplant, eine gemeinsame Mission von SpaceX und Axiom Space mit vier Privatpersonen zur Internationalen Raumstation ISS, die acht bis zehn Tage dauern soll.

Etwas später will SpaceX vier weitere Privatpersonen unter der Leitung des Tourismusunternehmens Space Adventures ins All schicken. Und dann ist da noch die hochkarätige dearMoon-Mission des japanischen Milliardär Yusaku Maezawa. In einem von ihm finanzierten Raumschiff wollen er und sieben bis zehn weitere Personen im Jahr 2023 eine Reise um den Mond antreten.

In der Zwischenzeit planen Unternehmen wie Virgin Galactic und Blue Origin wesentlich günstigere Reisen in den suborbitalen Weltraum – Flüge also, die nicht in eine Umlaufbahn eintreten und nach kurzer Zeit wieder zur Erde zurückkehren. Doch die Kunden können dabei zumindest für ein paar Minuten die Schwerelosigkeit und einen Blick auf die Erde erleben. Virgin Galactic hat mehr als 400 Flüge pro Jahr als Ziel - eine Mischung aus Touristenreisen und Missionen für Wissenschaftler, die in annähernder Schwerelosigkeit, sogenannter Mikrogravitation forschen.

Dank solcher neuen Möglichkeiten kann im Grunde jeder ins All fliegen – vorausgesetzt, er hat das nötige Geld dafür. Was aber bedeutet das für das Astronautentraining?

Früher dauerte die Vorbereitung auf einen Start zwei Jahre. Die ersten Astronauten für das Mercury Programm, die erste bemannte US-Raumfahrt Ende der 50er Jahre, waren Militärpiloten mit einem Collegeabschluss und bereits absolvierten 1.500 Flugstunden – zudem jünger als 40 Jahre und kleiner als 1,70 Meter. Als die Gemini- und Apollo-Programme auch zivile Bewerber zuließen, hob man die Körpergröße auf 1,80 m an, aber die Bewerber durften nicht älter als 35 Jahre sein. Zudem wurde noch mehr Wert auf den Bildungshintergrund gelegt.

Kurse über Raketenwissenschaft und Raumfahrttechnik zählten ebenso zum Ausbildungsprogramm für die Rekruten wie medizinisches Wissen, Sprechen vor Publikum und Umgang mit Medien. Außerdem wurden die Astronauten in der Luft, am Boden sowie unter Wasser auf die Belastungen vorbereitet.

Noch vor wenigen Jahrzehnten brauchte man eine fast makellose Krankenakte, um sich für das NASA-Training zu qualifizieren. "Wenn Sie sagten: 'Ich habe gelegentlich Migräne' oder so etwas Harmloses, war man automatisch disqualifiziert – Punkt", sagt Glenn King, der Leiter der Raumfahrtausbildung am National Aerospace Training and Research (NASTAR) Center, das über 600 Personen für orbitale und suborbitale Missionen von Unternehmen wie Virgin Galactic ausgebildet hat.

"Heute muss man selbst als NASA-Astronaut kein herausragender Athlet mehr sein", sagt Derek Hassmann, Trainingsleiter bei Axiom Space. Die körperlichen Anforderungen sind lockerer als je zuvor.

Privatunternehmen haben sich von der NASA inspirieren lassen. Laut King bildet das NASTAR Center bereits einige private Astronauten mit Behinderungen aus (was auch die Europäische Raumfahrtbehörde für ihr Astronautenkorps in Angriff nehmen will). Die 29-jährige Arzthelferin im St. Jude's Hospital Hayley Arceneaux, eines der Besatzungsmitglieder von Inspiration 4, hatte als Kind Knochenkrebs. Ihre Behandlung umfasste ein Dutzend Chemotherapien, und sie trägt einen Titanstab im linken Oberschenkelknochen. Das wird sie nicht davon abhalten, diesen Herbst ins All zu fliegen.

Die beiden anderen Reisenden von Inspiration 4 werden durch eine Verlosung und einen Unternehmerwettbewerb ausgewählt. Personen, die sich für die Verlosung angemeldet haben, mussten bestätigen, dass sie nicht größer als 1,80 Meter sind und unter 110 Kilogramm wiegen. SpaceX-CEO Elon Musk vergleicht die Reise in den Orbit mit einer "intensiven Achterbahnfahrt" und sagt, dass jeder, der das schafft, "für den Flug mit Dragon geeignet sein sollte".

Das ist definitiv etwas untertrieben. Wenn eine riesige Rakete Sie aus der Erdatmosphäre katapultiert, werden Sie mehrere Minuten lang großen Beschleunigungskräften ausgesetzt sein, Ihr Körper wird ununterbrochen vibrieren, und Sie werden wahrscheinlich nichts anderes tun können, als mit zusammengebissenen Zähnen angeschnallt zu bleiben. Organisationen wie die NASA, Axiom und andere sehen als Ausschlusskriterien jedoch eher Symptome wie Herzrhythmusstörungen, die zu Herzversagen führen können, oder Bluthochdruck, der das Risiko für Hirnaneurysmen erhöht.

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Solche Probleme lassen sich im Weltraum nicht behandeln und führten möglicherweise zu schweren Komplikationen oder gar zum Tod. "Wenn ein Besatzungsmitglied aufgrund seiner körperlichen Verfassung in der Umlaufbahn krank oder arbeitsunfähig werden könnte, müssen wir das beachten", sagt Hassmann. Doch wenn die Flugärzte meinen, dass der Bewerber vor dem Flug angemessen behandelt werden könne, würde er nicht zwangsläufig disqualifiziert.

Im Juni 2019 gaben die NASA und ihre Partner bekannt, dass sie die ISS für Besuche von Privatpersonen öffnen würden. Dadurch haben Astronauten von Axiom die Chance zu erfahren, wie es ist, ins All zu reisen und in einer orbitalen Raumstation zu leben und zu arbeiten. Im Jahr 2024 will das Unternehmen dann eine eigene Station in Betrieb nehmen.

"Durch die Missionen zur ISS können wir all die Dinge üben, die wir für die spätere Axiom-Station benötigen", sagt Hassmann. Der ehemalige NASA-Astronaut Michael López-Alegría leitet Ax-1. Ihm zur Seite stehen drei Geschäftsleute: Eytan Stibbe aus Israel, Larry Connor aus den USA und Mark Pathy aus Kanada.

Für López-Alegría wird die Ax-1-Mission die fünfte Reise ins All sein. Er hat ein jahrelanges professionelles Astronautentraining bei der NASA absolviert. Die anderen drei sind totale Neulinge im Weltraum, obwohl Stibbe ein ehemaliger Kampfpilot ist und Connor (71) eine Ausbildung als Privatpilot hat. Jeder zahlt 55 Millionen Dollar für sein Ticket.

Sechs bis sieben Monate vor dem Start beginnt das Training für die drei. Von NASA-Vertragspartnern lernen sie, wie man auf der ISS lebt und arbeitet, und üben, wie sie auf Notfälle wie einen Druckverlust in der Kabine reagieren. In speziellen Einrichtungen u.a. der NASA lässt sich simulieren, wie sich eine dekomprimierte Kammer für Menschen in Raumanzügen anfühlt. Ein Großteil des Trainings dient jedoch dazu, die Astronauten an ihre neue schwerelose Umgebung zu gewöhnen. Sie werden lernen, alltägliche Handlungen durchzuführen wie Mahlzeiten zuzubereiten, Zähne zu putzen, das Badezimmer zu nutzen und ins Bett zu gehen. Zu Beginn der Mission werden sie dennoch einige Zeit brauchen, um sich an die völlige Schwerelosigkeit zu gewöhnen. Aber zumindest kennen sie dann schon Kniffe, wie sie den Übergang reibungsloser gestalten können.

"Manche Dinge sind unter Mikrogravitation ganz anders ", sagt Hassmann. "Ich habe im Laufe der Jahre mit vielen NASA-Astronauten zusammengearbeitet, und sie alle berichten von dieser Anpassungsphase, körperlich und emotional, wenn sie zum ersten Mal wirklich im Weltraum sind. Unsere Crew ist auf einer nur 10-tägigen Mission. Es ist also in unser aller Interesse, sie so gut wie möglich am Boden vorzubereiten, damit sie sich schnell anpassen und sich den Dingen widmen können, die für sie wichtig sind."

Dazu wird die Ax-1-Crew wird im Johnson Space Center in einem kompletten Mockup des ISS-Innenraums der NASA trainiert. Die Teilnehmer absolvieren auch Parabelflüge, die Schwerelosigkeit simulieren. In Zukunft möchte Axiom diese Art von Training im eigenen Haus durchführen und es speziell auf die firmeneigene Raumstation ausrichten. Andere Trainingszentren wie NASTAR betreiben Zentrifugen für Menschen, in denen die Teilnehmer hohen Beschleunigungskräften ausgesetzt sind, wie sie beim Start und Wiedereintritt auftreten.

Im zweiten Teil des Ax-1-Trainings werden die Astronauten mit der Crew-Dragon-Raumkapsel vertraut gemacht, die sie zur ISS bringen soll. Sie sollen sich unter anderem daran gewöhnen, darin zu sitzen, die Instrumente zu bedienen und Daten zu überwachen. Crew Dragon arbeitet größtenteils autonom, so dass die Besatzungsmitglieder nur wenige Handlungen selbst vornehmen müssen. Aber wenn etwas schief geht, müssen sie darauf vorbereitet sein, einzugreifen. Auf Ax-1 ist López-Alegría als Kommandant und Connor als Pilot für die Mission eingesetzt. Die beiden Männer werden den Flug zur ISS leiten und müssen am besten mit der Funktionsweise von Crew Dragon vertraut sein.

Etwa einen Monat vor dem Start wird das Training näher an die Startrampe verlegt. Die Crew absolviert dann eine Reihe von Trockenübungen, um sich auf den Starttag vorzubereiten und zu lernen, was sie erwartet, wenn Crew Dragon sie zur Erde zurückbringt und im Ozean landet.

Und schließlich führt Axiom noch ein missionsspezifisches Training durch. Jedes Mitglied der Crew soll während seines Aufenthalts auf der ISS eine Reihe von Aufgaben erledigen – unter anderem wissenschaftliche Experimente, Öffentlichkeitsarbeit und Social Media Aktivitäten. "Wir entwerfen mit jedem der Besatzungsmitglieder einen Plan für den Orbit", sagt Hassmann. "Oftmals wissen die Menschen nicht, was sie dort oben machen können, geschweige denn, was sie machen wollen." (bsc)