Wie ich von Whatsapp zu Signal wechselte (Nützes Gedöns VI.)

Whatsapp löschen, neuen Messenger installieren, fertig – denkste. Es gibt vorher noch einiges zu bedenken.

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Die Welt kommuniziert mit Signal, könnte diese Grafik der Signal-Stiftung bedeuten. Bisher aber tauschen sich die Menschen eher mit Whatsapp aus.

(Bild: signal.org)

Von
  • Andreas Wilkens
Inhaltsverzeichnis

Ich habe es geschafft, ich bin komplett von Whatsapp weg zu Signal gewechselt. Das klingt nun gerade nicht wie eine erledigte Herkulesarbeit, aber Moment: Ich habe es auch geschafft, zwei Whatsapp-Gruppen zu migrieren. Um zu erklären, warum das kein triviales Unterfangen war, hole ich etwas aus.

"Missing Link"

Was fehlt: In der rapiden Technikwelt häufig die Zeit, die vielen News und Hintergründe neu zu sortieren. Am Wochenende wollen wir sie uns nehmen, die Seitenwege abseits des Aktuellen verfolgen, andere Blickwinkel probieren und Zwischentöne hörbar machen.

Instant Messenger benutze ich, seitdem sie sich im größeren Maßstab verbreiteten, also ungefähr seit 1996/1997. ICQ, AOL, Yahoo, MSN – ich hatte sie alle und noch mehr, es gab ein großes Kuddelmuddel auf dem Desktop. Die Lösung lautete Adium, dort ließen sich Accounts von verschiedenen Anbietern unter einem Dach versammeln, jeder konnte seine Extrawurst weiter braten und mich dennoch erreichen. Auf dem Handy war die Sache klar, damit wurden SMS verschickt und empfangen.

Ungefähr vor zehn Jahren kam Whatsapp auf mein Mobiltelefon, das mittlerweile kein Handy alten Schlags, sondern ein iPhone war. Whatsapp bot sich als Alternative zu den SMS-Botschaften an, denn die kosteten damals pro Stück noch etwas; in intensiven SMS-Dialogen konnte sich das reichlich summieren. So langsam setzten sich in meinem Familien-, Freundes- und Bekanntenkreis ebenfalls Smartphones durch, sodass ich sie von der kostenlosen Alternative leicht überzeugen konnte. Ja, ich war sozusagen ein Missionar ohne Auftrag und habe mit dafür gesorgt, dass sich die Software so universell verbreiten konnte. Schon 2017 soll es 2 Milliarden Whatsapp-Nutzer gegeben haben.

Jeder nutzte Whatsapp, bis auf ein paar wenige in meinem Umfeld, die sich kein Smartphone anschaffen wollten oder dann, als sie doch eines besaßen, sich speziell diesem Dienst verweigerten. Die bekamen von mir weiterhin SMS oder eine gute alte E-Mail und wurden kein Teil all der vielen Gruppen, die sich auf Whatsapp bildeten – sozusagen digitale Außenseiter, die sich höchstens Messengern wie Threema oder Signal bedienten.

Die hatte ich auch irgendwann installiert, trotz meiner Abneigung gegen das Kommunikationskuddelmuddel, das ich noch vom Desktop kannte, und in dem Bewusstsein, dass es dieses Unified Messaging, wie es Adium ermöglichte, auf dem Mobiltelefon nicht gibt. In Signal und Threema zeigte sich zudem, dass außer mir nur wenige meiner Kontakte darüber erreichbar waren. Whatsapp entwickelte sich zum Riesen und wurde folgerichtig vor knapp sieben Jahren von einem anderen Riesen namens Facebook übernommen, dessen Nutzerschar nun ebenfalls in die Milliarden geht.

Mit beiden verhält es sich ähnlich: Sie bieten für Kommunikation und Vernetzung unbestreibar Vorteile, sonst hätten sie sich nicht so weit verbreitet. Und je mehr sie sich verbreiteten, desto größer erschienen die Vorteile, sozusagen alle Menschen unter einem Dach erreichen zu können. So konnte ich über Whatsapp 200 Menschen anschreiben, mit Signal und Threema gerade mal ein Dutzend.

Davon ließen sich die digitalen Außenseiter aber nicht irritieren, denn sie gehören zu der kleinen Sorte Menschen, die Geschäftsbedingungen und Datenschutzerklärungen lesen, vielleicht sogar ganz durch. Ihre Bedenken wurden spätestens geweckt, als Facebook-Chef Marc Zuckerberg kurz nach der Übernahme von Whatsapp beteuerte, der Messengerdienst werde autonom bleiben. Der Datenhunger seines Unternehmens war damals schon zu sehr bekannt.

Sieben Jahre lang konnte sich Whatsapp unter dem Dach der Datenkrake weiter ausbreiten, doch nun scheint eine Zäsur eingetreten, nachdem die Nutzer eine neue Datenschutzerklärung abnicken sollen, laut der ihre Daten anderen Diensten der Firmenmutter weitergereicht werden. Was wohl auch zuvor schon geschah, nun aber trotz einer Einschränkung, dass diese Daten nicht für Werbezwecke genutzt werden dürfen, noch deutlicher zu lesen ist. Ohne Zustimmung lässt sich der Dienst ab dem 8. Februar nicht mehr nutzen. Das ging weit durch die Medien und könnte auch unter Menschen, die sich sonst nicht tiefer mit Kommunikationstechnik und -politik befassen, problembewusster gemacht haben.

Meine Stunde schien gekommen, endlich meinen länger gehegten Plan umzusetzen, komplett auf Whatsapp zu verzichten; das zeigte schon ein Blick in meine Signal-App, über die nun ein paar mehr Kontakte als früher erreichbar waren. Sie waren von sich aus auf diesen Messengerdienst aufgesprungen. Zu meinem Plan gehörte es, die für solche Zwecke praktische Whatsapp-Funktion Broadcast zu nutzen, um allen meinen Kontakten mitzuteilen, dass ich demnächst zu Signal wechseln und meinen Whatsapp-Account löschen werde. Dazu hängte ich einen Link auf signal.org.

Wenn ich meinen Account lösche, heißt das aber auch, dass sämtliche Chats getilgt werden, also auch jene, die ich als wichtigen Teil meiner persönlichen Historie ansehe, durch die ich meine Entwicklung der vergangenen zehn Jahre nachvollziehen kann – und die meiner jeweiligen Gesprächspartner:innen. Sprach-, Literatur- und andere Wissenschaftler sehen Whatsapp mittlerweile als eine moderne Form des Tagebuchs an, nur meist in Dialogform verfasst.

Seit gut einem Jahr gibt es in Whatsapp nicht mehr die Möglichkeit, Chatverläufe zu exportieren. Mit dieser Funktion wäre es leicht gewesen, die mir wertvollen Dialoge in einer Textdatei zu speichern. Nun wich ich darauf aus, Whatsapp zu einem Backup zu veranlassen. An dieses konnte ich herankommen, indem ich auf meinem Rechner eine Software installierte, die die Chatverläufe aus meinem iPhone-Backup extrahiert.

Damit war eine Hürde überwunden, eine technische; als nächste wartete eine weitere, diffizilere auf mich: die menschliche, denn es gab noch zwei von mir gegründete und mir auch wichtige Whatsapp-Gruppen mit jeweils gut 20 Mitgliedern, die ich mitmigrieren wollte. Das erste Problem bestand darin, dass nicht jeder einen Signal-Account hatte und mitunter auch geringes Selbstzutrauen herrschte, die Software zu installieren. Ich und all die anderen in diesen Gruppen sind keine "Digital Natives", da reicht die Spannweite der Selbsteinschätzung der medialen oder technischen Kompetenz weit. Das zweite Problem bestand darin, dass sich manche sträubten, neben Whatsapp einen weiteren Messenger zu installieren – eine mir selbst wohlbekannte Abneigung gegen Multimessaging. Auf Whatsapp wollten sie nicht verzichten, weil sie die meisten Menschen darüber erreichen und sonst vereinsamen würden. Einer teilte mir mit, einer seiner ETF basiere auf Facebook, daher bliebe er bei Whatsapp. Ich antwortete, dass ich niemanden zu irgendetwas zwingen wolle.

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Zunächst eröffnete ich in der Messenger-App zwei neue Gruppen mit den gleichen Bezeichnungen und den gleichen Gruppenbildern, dann schickte ich jeweils einen Gruppenlink in die jeweilige Whatsapp-Gruppe. Dieser geleitete die einen, die noch kein Signal installiert hatten, zur Installation, während die anderen, die schon die App auf ihrem Smartphone installiert hatten, sofort der Gruppe beitreten konnten. Manche "Neu-Signaler" schickten mir über Signal eine Mitteilung, ich möge sie in die Gruppe stecken, und ich schubste sie hinein. Schon bald füllten sich die beiden neuen Signal-Gruppen fast bis auf die Anzahl, die sie noch auf Whatsapp hatten. Nun sind jene die digitalen Außenseiter, die noch und nur auf Whatsapp verharren und ich konnte endlich jene hinzunehmen, die schon immer Signal hatten.

Meine letzte Whatsapp-Botschaft lautete: "Dies ist meine letzte Whatsapp-Botschaft. Ich werde meinen Whatsapp-Account löschen. Wir sehen uns in einem nächsten Leben oder auf Signal." Da sie auch an viele Menschen ging, mit denen ich schon länger keinen Kontakt hatte, ereignete sich der schöne Effekt, dass ich mit einigen endlich mal wieder ins Gespräch kam.

Mehr Nützes Gedöns

Siehe dazu auch:

  • Signal: Download schnell und sicher von heise.de

(anw)