Wie man mit Impfzweiflern am besten redet

Nicht jeder Mensch, der sich nicht gegen COVID-19 impfen lassen will, ist ein Impfgegner. Mit diesen Tipps kann man sie überzeugen.

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(Bild: kckate16 / Shutterstock.com)

Von
  • Tanya Basu

Wie Millionen von Amerikanern hatte auch Ryan Steward Angst vor der COVID-19-Impfung. "Ich bin generell misstrauisch gegenüber der Regierung", sagt er. "Ich bin nicht der Typ, der einen Aluhut trägt, aber ich bin jemand, der Fakten überprüfen will." Außerdem sei der Impfstoff schon kurz nach Beginn der Pandemie auf den Markt gekommen, und es gab für ihn eine Menge neuer Begriffe, die er nicht kannte – "mRNA-Impfstoff" etwa im letzten Jahr oder heute "Durchbruchsinfektion".

Das reichte aus, um Steward davon abzubringen, sich impfen zu lassen. Gleichzeitig hörte er von einem Anstieg der Fälle mit der Delta-Variante und wollte eine fundierte Entscheidung treffen. Also postete er einen Beitrag im sozialen Netzwerk Reddit – in einem Forum, in dem Menschen Meinungen mitteilen, die sie noch einmal überdenken wollen (oder sollten). Und das hat geklappt: Innerhalb weniger Stunden nach Veröffentlichung seines Beitrags meldete sich Steward für die Impfung an. Doch drei von 10 Erwachsenen in den USA sind nach wie vor nicht geimpft. Wer andere für die Impfung gewinnen will, kann daraus einiges lernen. Und bestimmte Herangehensweisen funktionieren Experten zufolge besonders gut.

So sollte man sich klar machen, dass nicht alle Ungeimpften Impfgegner sind. Laut dem US-COVID-19-Vaccine-Monitor der Kaiser Family Foundation gaben im Juni 2021 etwa 14 Prozent der Erwachsenen in den USA an, dass sie sich "auf keinen Fall" impfen lassen würden. Doch wie die Soziologin Zeynep Tufekci GLAUBT, befinden sich viele andere in einer "beweglichen" Situation. Etwa 16 Prozent wollen sich zwar so schnell wie möglich impfen lassen, warten aber ab, wie sich der Impfstoff auf andere Menschen auswirkt, bevor sie sich selbst impfen lassen. Alternativ würden sie auch einer Impfpflicht gehorchen (z. B. für ihren Arbeitsplatz).

Eine dieser Personen war Steward. "Ich bin so ziemlich in jeder Hinsicht geimpft, wie ein normaler amerikanischer Bürger geimpft werden würde", sagt er. "Ich bekomme jedes Jahr meine Grippeimpfung. Ein Teil von mir wollte sich gegen Corona impfen lassen und es hinter sich bringen. Aber ein Teil von mir dachte: 'Das hört sich nicht nach einer Grippeimpfung an.'"

Dieselbe Umfrage ergab, dass für 20 Prozent der Ungeimpften die Hauptsorge in Bezug auf den Impfstoff darin besteht, dass er zu neu ist. Im Gegensatz dazu geben nur 4 Prozent der Ungeimpften an, dass der Hauptgrund, warum sie den COVID-19-Impfstoff nicht in Betracht ziehen, darin besteht, dass sie "Impfstoffen im Allgemeinen nicht trauen".

Entsprechend sollte man seine Vorurteile gegenüber Ungeimpften überprüfen. Ein weit verbreiteter Irrtum besteht darin, alle Nichtgeimpften als einen einheitlichen Block von Verschwörungstheoretikern darzustellen, der weiß, religiös, eher vom Land kommt oder konservativ ist. Doch die Impfgegner sind weitaus vielfältiger als dieses Stereotyp. In Amerika haben sich viele Afroamerikaner und Hispanoamerikaner nur zögerlich impfen lassen, da sie sich an den wissenschaftlichem Missbrauch von Minderheiten in der Vergangenheit erinnern. Andere haben gesundheitliche Probleme, die sie dem Impfstoff gegenüber misstrauisch machen könnten, während wieder andere einfach mehr medizinische Daten sehen wollen.

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Selbst bei denjenigen, die auf den ersten Blick dem Stereotyp entsprechen, kann mehr dahinterstecken. Steward zum Beispiel ist ein christlicher Pastor, der im ländlichen South Carolina lebt und eher konservativ eingestellt ist. Aber sein Zögern hatte nichts mit seiner Religion oder Politik zu tun, sondern damit, dass er versuchte, das Zulassungsverfahren der US-Gesundheitsbehörden zu verstehen und herauszufinden, wie sich der Impfstoff auf seine Gesundheit auswirken würde. Menschen sind kompliziert, und ihre Gründe, sich nicht impfen zu lassen, sind persönlich. Diese Gründe muss man respektieren, um ein produktives Gespräch zu führen.

Man sollte zudem prüfen, ob die Menschen überhaupt reden wollen. Steward gesteht, dass er anfangs in Frage gestellt hat, ob COVID-19 wirklich existiert, ob Impfungen überhaupt sinnvoll sind und ob es für ihn andere Möglichkeiten als die Impfung gibt. Aber er war immer bereit, ein Gespräch zu führen. "Wenn ich die richtige Entscheidung treffen will, muss ich auch andere Standpunkte hören", sagt er. Eine Person, die zu den 14 Prozent der Amerikaner gehört, die beschlossen haben, sich auf keinen Fall impfen zu lassen, wird wahrscheinlich nicht offen für alles sein, was Impfbefürworter sagen. Dann hilft auch kein Gespräch.

Für viele ungeimpfte Menschen besteht das Problem nicht so sehr darin, dass sie gegen Impfungen sind, sondern dass sie Hilfe brauchen, um eine zu bekommen. Vielleicht haben sie Angst vor Nadeln oder wissen nicht, wie sie einen Termin erhalten. Vielleicht haben sie von den Nebenwirkungen gehört und können sich nicht von der Arbeit freinehmen, wenn sie sich nicht wohl fühlen. Vielleicht brauchen sie nur etwas Hilfe.

Eine Konfrontation in sozialen Medien ist hingegen wenig hilfreich, egal ob in Facebook-Posts, Twitter-Antworten oder Instagram-Kommentaren. Sie verärgern eher. Wenn man das Gefühl hat, zu einer Gegenrede gezwungen zu sein – wenn etwa Impfstoffe generell in Frage gestellt werden – hilft vielleicht auf der private Weg per Direktnachricht als erster Schritt, bevor man eskaliert. Ein Großteil der Botschaften rund um Impfungen besteht entweder aus Befehlen ("Lassen Sie sich jetzt impfen") oder impliziten Beschämungen ("Wenn Sie sich nicht impfen lassen, sind Sie ein schlechter Mensch"). Wirksamer ist eine Sprache, die die Tatsache unterstreicht, dass der Impfprozess in den Händen des Einzelnen liegt.

Daniel Croymans, Arzt an der UCLA, hat vor kurzem eine Studie geleitet, in der er feststellte, dass die sogenannte Ownership-Sprache dazu beitrug, dass Menschen zu ihren COVID-19-Impfterminen kamen. Die Sprache der Eigenverantwortung bezieht sich auf Worte, die suggerieren, dass die Impfung in der Hand der Person liegt: "Beanspruchen Sie Ihre Dosis" oder "Der Impfstoff wurde für Sie bereitgestellt", zum Beispiel. In der Studie von Croymans waren Ansprachen mit der Formulierung "Eigenverantwortung" deutlich erfolgreicher, wenn es darum ging, ältere Menschen mit Vorerkrankungen zu ihrem ersten Impftermin zu bewegen, als Texte mit rein informativen Botschaften. "Wenn Sie glauben, dass der Prozess Ihnen gehört, werden Sie es eher zu schätzen wissen", sagt Croymans.

Laut Croymans unterstreicht die Studie, wie wichtig es ist, personalisierte Botschaften zu verfassen, die Impfverweigerer nicht beschämen, sondern sie ermutigen. Jeder, der andere davon überzeugen möchte, sich impfen zu lassen, kann die gleiche Taktik anwenden. Wenn man sich mit einer ungeimpften Person unterhält, sollten man ihre spezifischen Sorgen berücksichtigen und versuchen, sie auf eine Weise anzusprechen, die für sie relevant ist.

Politiker wie der Gouverneur von Florida, Ron DeSantis, und die Gouverneurskandidatin von Arkansas, Sarah Huckabee Sanders, unter deren Anhängern sich viele Ungeimpfte befinden, haben sich in den letzten Wochen öffentlich für den Impfstoff ausgesprochen. Aber jeder im sozialen Umfeld einer Person kann als Vorbild fungieren: Lehrer, Trainer, religiöse Führer, sogar Freunde. Wer versucht, einen nicht geimpften geliebten Menschen dazu zu bewegen, seine Abneigung gegen Impfungen zu überdenken, wird wahrscheinlich nicht mit Wissenschaft und Fakten aufwarten können, es sei denn, die andere Person glaubt diese Fakten.

(bsc)