Wie unser Gehirn während der Pandemie gelitten hat

Depressionen, Gehirnnebel, Konzentrationsschwierigkeiten: Der Lockdown war schwer für unseren Geist. Forscher geben aber Hoffnung: Das Hirn ist anpassungsfähig.

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(Bild: Nicolás Ortega)

Von
  • Dana Smith
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Die USA und Europa erholen sich langsam von der Pandemie, aber während wir wieder zu uns kommen, ist das Trauma längst nicht verarbeitet. Nicht nur unsere Familien, unsere Städte und Dörfer und unsere Arbeitsplätze haben sich verändert, sondern auch unser Gehirn. Tatsächlich sind wir nicht mehr dieselben wie vor anderthalb Jahren, sagen Psychologen.

Im Winter 2020 meldeten mehr als 40 Prozent der US-Bürger Symptome von Angst oder Depression, doppelt so viele wie im Jahr zuvor. Diese Zahl sank im Juni 2021 auf 30 Prozent, als die Impfungen zunahmen und die COVID-19-Fälle zurückgingen. Zusätzlich zu diagnostizierbaren Symptomen berichteten viele Menschen von einer Art pandemischem Gehirnnebel, von Vergesslichkeit, Konzentrationsschwierigkeiten und allgemeinen Gedächtnisproblemen.

Nun stellt sich die Frage: Kann sich unser Gehirn wieder in seinen Normalzustand bringen? Und wie können wir es dabei unterstützen? Jede einzelne Erfahrung kann unser Gehirn verändern, indem sie entweder dazu beiträgt, dass wir neue Synapsen – also die Verbindungen zwischen den Gehirnzellen – bilden oder sie verlieren. Dieser Vorgang wird als Neuroplastizität bezeichnet, und auf diese Weise entwickelt sich unser Gehirn in der Kindheit und der Jugend. Dank dieser Neuroplastizität lernen wir auch im Erwachsenenalter weiter und schaffen neue Erinnerungen, obwohl unser Gehirn mit zunehmendem Alter weniger flexibel ist. Der Prozess ist für das Lernen, das Gedächtnis und die allgemeine Gehirngesundheit von entscheidender Bedeutung.

Doch viele Erfahrungen führen auch dazu, dass das Gehirn Hirnzellen und Synapsen einbüßt, die man eigentlich erhalten wollte oder müsste. Stress zum Beispiel – etwas, das fast jeder während der Pandemie erlebt hat – kann nicht nur bestehende neuronale Verbindungen zerstören, sondern auch das Wachstum neuer Synapsen hemmen.

Dies geschieht etwa dadurch, dass Stress die Ausschüttung von Hormonen, den so genannten Glukokortikoiden, auslöst – vor allem von Cortisol. In geringen Dosen helfen Glukokortikoide dem Gehirn und dem Körper, auf einen Stressor zu reagieren (siehe "Fight or Flight", zu deutsch: Kampf-oder-Flucht-Reaktion, bezeichnet einen Begriff des US-amerikanischen Physiologen Walter Cannon), indem die Herzfrequenz, die Atmung, Entzündungsreaktionen und vieles mehr verändert werden, um die Überlebenschancen des Menschen zu erhöhen. Sobald der Stressor verschwunden ist, geht der Hormonspiegel zurück. Bei chronischem Stress geht der Stressor gefühlt jedoch nie ganz weg, und das Gehirn bleibt mit chemischen Stoffen überflutet, die es angreifen. Langfristig kann ein erhöhter Spiegel an Glukokortikoiden Veränderungen verursachen, die zu Depressionen, Angstzuständen, Vergesslichkeit und Unaufmerksamkeit führen können.

Wissenschaftler waren nicht in der Lage, diese Arten von physischen Veränderungen des Gehirns während der Pandemie direkt zu untersuchen, aber sie können aus den vielen Umfragen zur psychischen Gesundheit, die in den letzten 18 Monaten durchgeführt wurden – und aus dem, was sie aus jahrelanger Forschung über Stress und das Gehirn wissen – natürlich Schlüsse ziehen.

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Eine Studie hat beispielsweise gezeigt, dass Menschen, die während der Pandemie finanzielle Ängste wie Arbeitsplatzverlust oder wirtschaftliche Unsicherheit erlebten, mit größerer Wahrscheinlichkeit eine Depression entwickelten. Eine der Gehirnregionen, die am stärksten von chronischem Stress betroffen sind, ist der Hippocampus – der sowohl für das Gedächtnis als auch für die Stimmung wichtig ist. Finanzieller Stress konnte den Hippocampus monatelang mit Glukokortikoiden überfluten, Zellen schädigen, Synapsen zerstören und die Region letztlich schrumpfen lassen. Ein kleinerer Hippocampus ist eines der Kennzeichen von Depressionen.

Chronischer Stress kann auch den präfrontalen Kortex, das Kontrollzentrum des Gehirns, und die Amygdala, das Zentrum für Furcht und Angst, verändern. Zu viele Glukokortikoide über einen zu langen Zeitraum können die Verbindungen sowohl innerhalb des präfrontalen Kortex als auch zwischen ihm und der Amygdala beeinträchtigen. Infolgedessen verliert der präfrontale Kortex seine Fähigkeit, die Amygdala zu steuern, so dass das Furcht- und Angstzentrum unkontrolliert arbeitet. Dieses Muster der Hirnaktivität – also zu viel Aktivität in der Amygdala und zu wenig Kommunikation mit dem präfrontalen Kortex – ist häufig bei Menschen mit posttraumatischer Belastungsstörung (PTBS / PTSD) anzutreffen, einer weiteren Erkrankung, die während der Pandemie etwa bei den Mitarbeitern des Gesundheitswesens in den Vordergrund trat.