Wie neue US-Gewerkschaften sich gegen Big Tech durchsetzen wollen

Der Aufstieg des Tech-Arbeiters

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Diese Arbeiter wollen die Macht, die sie innerhalb des Unternehmens haben, als Teil einer breiteren Arbeiterbewegung nutzen. Das bedeutete etwa, sich zu weigern, an Project Maven zu arbeiten; und jetzt bedeutet es, in Solidarität mit der Black-Lives-Matter-Bewegung zu fordern, dass das Unternehmen keine Technik an die Polizei verkauft. Diese Arbeit orientiert sich an Gewerkschaften wie der Chicagoer Lehrergewerkschaft, die Rassengerechtigkeit und wirtschaftliche Ungleichheit in der ganzen Stadt zu ihren zentralen Forderungen gemacht hat – und diese Kämpfe durch zwei weithin bekannte Streiks in den Jahren 2012 und 2019 gewinnen konnte. Der langjährige Gewerkschaftsstratege Stephen Lerner sagt, dass die Arbeiter durch solche "Handlungen für das Gemeinwohl" bei Google die Auswirkungen des Unternehmens auf die Gesellschaft in Frage stellen, nicht nur ihre eigene Behandlung. "Ich glaube nicht, dass die gewerkschaftliche Arbeit in der Tech-Beschäftigten die Resonanz hätte, die sie jetzt hat, wenn die Leute sich nur um bessere Rentenpläne kümmern würden", sagt Lerner.

Schon in den frühen 90er Jahren, als Lerner als Organisator der "Justice for Janitors"-Kampagne gegen Apple in den Krieg zog und gewerkschaftliche Rechte für Reinigungskräfte mit Subunternehmern im gesamten Tech-Sektor durchsetzte, stellte sich die Frage: "Wer ist ein Tech-Arbeiter?" Durch diese erfolgreichen Kampagnen hat Lerner dazu beigetragen, die Definition auf praktisch jeden auszuweiten, der ein Tech-Unternehmen am Laufen hält. Cori Crider, eine Juristin bei Foxglove, einer Anwaltsfirma, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Macht von Big Tech herauszufordern, hat mit Inhaltemoderatoren gearbeitet, die von Subfirmen beschäftigt werden – echten Menschen, die jeden Tag Beiträge mit Gewalt, Rassismus und schlimmen Sexszenen durchforsten müssen, um zu bestimmen, was gegen ein sich ständig änderndes Regelwerk beispielsweise bei Facebook verstößt.

Diese Arbeitnehmer sind oft an Geheimhaltungsvereinbarungen gebunden, die sie davon abhalten, öffentlich über ihre Arbeitsbedingungen zu sprechen. Das erlaubt Unternehmen wie Facebook zu leugnen, dass es sie überhaupt gibt – eine Behauptung, an der das Unternehmen letztes Jahr auch dann festhielt, als Berichte auftauchten, dass Moderatoren, die für die Outsourcing-Firma Accenture arbeiten, während der Pandemie ins Büro zurückgedrängt wurden. Tech-Arbeiter, die nicht unter die normale Definition von "Angestellten" fallen, finden neue Wege, sich zu organisieren und sich zu schützen. Coworker.org, eine Kampagnenplattform für die Organisation von Arbeitnehmern, verwendet Spenden von gut situierten Tech-Arbeitern, um einen "Solidaritätsfonds" aufzubauen, der an Arbeiter auf der anderen Seite der Tech-Lieferkette verteilt wird. Gig-Worker auf Amazons Mechanical-Turk-Plattform nutzen die Website "Turkopticon", um sich zusammenzuschließen und für bessere Bedingungen zu kämpfen.

Am anderen Ende des Spektrums der Tech-Arbeiter stehen diejenigen, die in der Tesla-Fabrik in Fremont, Kalifornien, Elektroautos bauen. Bevor Elon Musks Unternehmen das Werk in Fremont kaufte, war es als New United Motors Manufacturing, Inc. oder NUMMI bekannt, eine Zusammenarbeit zwischen General Motors und Toyota, mit der die japanische "schlanke Produktion" nach Amerika gebracht wurde. NUMMI überlebte den Konkurs von GM im Jahr 2008 nicht – und Tesla schnappte zu.

Die Zusammenarbeit mit den United Auto Workers war eine der großen Innovationen von NUMMI, aber Tesla ist einen anderen Weg gegangen. Kürzlich entschied ein Verwaltungsrichter, dass mehrere Maßnahmen des Unternehmens als Reaktion auf die gewerkschaftliche Organisation von Arbeitern illegal waren – darunter einige Tweets von Musk sowie die Belästigung von Mitarbeitern, die Gewerkschaftsflugblätter verteilten, das Verbot von gewerkschaftsfreundlichen T-Shirts und Buttons, Entlassungen und mehr. Die Strafen des NLRB belaufen sich auf wenig mehr als ein Klopfen auf die Finger – Musk musste eine Erklärung verlesen, in der er den Arbeitern mitteilt, dass sie das Recht haben, sich gewerkschaftlich zu organisieren, und einen entlassenen Arbeiter wieder einstellen. Der Tesla-Gründer hat trotzdem gegen die Entscheidung Berufung eingelegt. Die Arbeiter im Werk, sogar die Gewerkschaftsanhänger, sind begeistert von der Produktion der Elektrofahrzeuge, aber sie betonen, dass die technische Raffinesse des Werks nicht verhindert, dass es viel mühsame Handarbeit gibt – und sogar Verletzungen bei der Arbeit. Jose Moran, einer der Anführer der Gewerkschaftsbewegung und ehemaliger NUMMI-Arbeiter, schrieb einen Blog-Beitrag über die Dinge, die er verbessern würde, darunter das zermürbende Arbeitstempo und einige schlecht konstruierte Maschinen.

Autoarbeiter haben seit den Tagen von Henry Ford mit ihren Maschinen gekämpft. Aber die Geschichten der Tesla-Mitarbeiter erinnern an die Beschwerden von Autoarbeitern in den 1960er Jahren, die gegen die "Beschleunigung" ankämpften – die Art und Weise, wie das Management neue Technologien einsetzte, um das Arbeitstempo in Orten wie Lordstown, Ohio, und Detroit zu erhöhen. Eine Welle von Aktivitäten innerhalb der Gewerkschaften und wilde Streiks stellten die Idee in Frage, dass die Automatisierung die Arbeit leichter machte. Da die Maschinen den Herstellungsprozess beschleunigten, mussten die Arbeiter schneller arbeiten, um mitzuhalten. Die Mitarbeiter bei Tesla, die weit davon entfernt sind, eine Art Aristokratie unter den Autoarbeitern darzustellen, sagen, dass sie weniger verdienen als gewerkschaftlich organisierte Kollegen bei GM und Ford. Wie Moran schrieb: "Ich hatte oft das Gefühl, dass ich für ein Unternehmen der Zukunft unter Arbeitsbedingungen der Vergangenheit arbeite."

Auch in den Amazon-Lagern ist alles Alte scheinbar wieder neu. "Die Autoindustrie hat in den 80ern und schon in den 70ern versucht, viel zu automatisieren – und sie sind im Grunde auf einem Plateau gelandet, wo sie es nicht mehr viel tun konnten." Tesla habe im Grunde das Gleiche durchgemacht, sagt Tyler Hamilton, ein Amazon-Lagerarbeiter aus Minneapolis. "Es ist das Gleiche mit uns. Irgendwann geht mehr bei der Automatisierung einfach nicht." Mohamed Mire, ein Kollege von Hamilton, erklärt, dass die meiste von Amazons gepriesener Lagertechnik dazu diene, die Arbeiter zu verfolgen, anstatt die Arbeit effizienter zu machen. Scanner, mit denen die Arbeiter Pakete einscannen, erfassen auch ihre sogenannten "Time off Tasks" – und es gibt Verweise oder gar Abmahnungen, wenn ihre Produktivitätsrate sinkt. Roboter, die Hamilton mit "riesigen Roombas" vergleicht, fahren Waren durch das Lager, funktionieren aber oft nicht richtig – in letzter Zeit gehört es zu seinen Aufgaben, die Roboter wieder richtig einzustellen, wenn sie nicht mehr funktionieren. Daten von Amazon selbst zeigen, dass die Verletzungsrate in Lagern mit Robotern höher ist als ohne sie.

Hamilton und Mire arbeiten mit dem Awood Center zusammen, das – da es sich um ein Zentrum für Arbeitnehmer und nicht um eine Gewerkschaft handelt – keine Gewerkschaftswahlen durchführt, sondern sich durch direkte Aktionen organisiert. Die Awood-Mitglieder haben einige Zugeständnisse von Amazon errungen, vor allem in Bezug auf die Gebetszeiten (viele Mitarbeiter sind praktizierende Muslime) und Anpassungen an das Fasten während des Ramadan. Sie haben auch erreicht, dass Leute wieder eingestellt wurden, die entlassen worden waren. Trotz der Niederlage in Alabama haben Arbeitnehmer wie Hamilton und Mire nicht die Absicht, ihre gewerkschaftsnahe Arbeit einzustellen. Aber Amazons rabiate Taktik – einschließlich der Einstellung sogenannter Pinkertons, Sicherheitmitarbeitern einer Firma, die Arbeitgebern seit dem 19. Jahrhundert dabei hilft, Gewerkschaften zu zerschlagen – wird wahrscheinlich auch nicht aufhören. Das NLRB entscheidet derzeit, ob sie die Beschwerden gegen das Unternehmen in den verschiedenen Regionen konsolidieren soll. Seit Beginn der Pandemie gab es mindestens 37 in 20 US-Städten. Die Gewerkschaft RWDSU reichte allein in Bessemer 23 Beschwerden wegen unlauterer Arbeitspraktiken ein, darunter der Vorwurf, Amazon habe den Arbeitern illegal mit Entlassungen oder gar der Schließung des Werks gedroht.

Es ist eindeutig noch ein langer Weg zu gehen, bevor Tech-Arbeiter am Verhandlungstisch zu echten Gewinnern werden, aber die Geschichte bietet ihnen viele Modelle, auf die sie schauen können. Lichtenstein, der Gewerkschaftshistoriker, verweist auf die International Longshore and Warehouse Union, eine der mächtigsten Gewerkschaft an der Westküste, die 1958 ein Abkommen mit den Spediteuren schloss, um die Hafenarbeiter an den Gewinnen aus der Automatisierung zu beteiligen. Als der selektive Einsatz der Automatisierung zu mehr Verletzungen führte, drängte die Gewerkschaft tatsächlich auf mehr Technik zur Verbesserung der Sicherheit. Sie steigerte die Löhne für auf über 150.000 Dollar pro Jahr. Im aktuellen Kampf hat die Biden-Regierung sowohl Unterstützung für eine umfassende Arbeitsrechtsreform signalisiert – die viele von Amazons Taktiken illegal machen würde – wie auch für eine mögliche Regulierung von Big Tech. Amazon-Arbeitnehmer Hamilton merkt an, dass es etwa 50 Jahre gedauert habe, bis US Steel eine Gewerkschaft gehabt habe. "Amazons Lagerhäuser wurden erst vor ein paar Jahren erbaut. Wenn es nicht dieses oder nächstes Jahr klappt, klappt es eben in fünf."

Sarah Jaffe ist Fellow am Type Media Center und Autorin des Buches "Work Won't Love You Back".

(bsc)